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Suhrkamp-Rechtskultur : Ohne den Unsinn der Radikalität

  • -Aktualisiert am

Ein unvollendetes Projekt

Unseld geriet unter Druck. Er drängte Maihofer zu einem Telefonat mit dem verärgerten Wiethölter. „Sie selber müssen auf die Mitarbeit von Wiethölter Wert legen. Er ist ein fortschrittlicher Mann, jedoch ohne den Unsinn der Radikalität. Ihn brauchen wir von der Sache her, wenn wir uns nicht von vornherein dem Vorwurf, bloßes Establishment zu bieten, aussetzen wollen.“ Maihofer unternahm nichts, auch die anderen Herausgeber waren nicht an einen Tisch zu bekommen. Am 15. November versuchte es Unseld, ausgelaugt von Buchmesse und „Lektorenaufstand“, ein letztes Mal: „Wenn wir das Gespräch nicht mehr schaffen, so sehe ich eigentlich keine Möglichkeit mehr, unseren Plan zu verwirklichen. Ich bedauerte dies sehr, aber die schönsten Projekte sind eben nur so viel wert wie ihre Realisierung.“ Dieses scheiterte.

Maihofer fühlte sich von Wiethölter erpresst. Wiethölter fühlte sich als „linkes Dekorationsstück“ missbraucht. An Unseld schrieb er: „Sie haben mir seinerzeit angeboten, als Herausgeber an einer kritisch-progressiven Zeitschrift mitzuarbeiten. Weil ich dazu bereit war und bin, habe ich gern zugesagt. Sie können aber heute angesichts Ihrer Einschätzung der Mitarbeit von Herrn Maihofer Ihr Angebot an mich nicht mehr aufrecht erhalten und einlösen. Nehmen Sie es also, bitte, zurück.“

Wiethölter blieb bei der Sache

Siegfried Unseld legte das Projekt „Recht und Gesellschaft“ endgültig zu den Akten. Im Deutschen Literaturarchiv in Marbach sind seine Mappen heute – nicht ganz korrekt – in einem Konvolut mit dem Titel „Materialien und Korrespondenzen zur Zeitschrift ,Kritische Justiz‘“ abgelegt. Die „Kritische Justiz“, deren aus dem Wiethölter-Umfeld rekrutierte studentische Redakteure der statusbewusste Unseld 1968 auf Abstand gehalten hatte, wird seit 1982 bei Nomos verlegt. 1998 verkaufte Unseld den juristischen Fachverlag an die Beck-Gruppe.

Von 1982 bis 1988 war Werner Maihofer Präsident des Europäischen Hochschulinstituts in San Domenico di Fiesole – wo Rudolf Wiethölter im Dezember 1982 in zwei großen Vorträgen seine prozedurale Rechtstheorie entfaltete, die eine Verallgemeinerung des klassischen Kollisionsrechts zur Bewältigung neuer gesellschaftlicher Konfliktlagen vorschlägt. (Ob das Maihofer wohl an Unselds abschließende, von einer schnittigen Beschwerde Maihofers über Wiethölters harte Haltung in der Herausgeberfrage veranlasste, schlitzohrige Erklärung vom März 1969 erinnerte, wonach Wiethölter und Simitis sich ja gar nicht gegen die Personen Zacher und Jahr ausgesprochen, wohl aber zu Recht Maihofers prozedurales Vergehen einer unabgestimmten Herausgebereinladung moniert hätten?)

Rudolf Wiethölter verfasste 1969 mit Erhard Denninger, Ludwig von Friedeburg und Jürgen Habermas das hessische Hochschulgesetz. Als nach dessen Verabschiedung die Frankfurter Universitätsleitung zurücktrat, setzte Kultusminister von Friedeburg Denninger und Wiethölter als Übergangsrektoren ein. Der Wahl zum ersten Präsidenten der Freien Universität Berlin entzog Wiethölter sich, als klar wurde, dass der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz ihn als mäßigende Ordnungskraft gewinnen wollte. Reformen von Hochschule, Wissenschaft und Studium sind für ihn nur als „folgenreiche, partielle, antizipierte Gesellschaftsreform möglich“. Rudolf Wiethölter, der am 17. Juli den neunzigsten Geburtstag feierte, blieb dem Ideal der Vereinigung von Recht und Gesellschaft treu.

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