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Suhrkamp-Rechtskultur : Ohne den Unsinn der Radikalität

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Prominenz durch das Funk-Kolleg

Kurz vor der Gründungssitzung am 13. Juni wurde noch der Frankfurter Zivilrechtler Rudolf Wiethölter hinzugebeten, der im Wintersemester 1967/68 mit dem Funk-Kolleg „Rechtswissenschaft“ im Hessischen Rundfunk plötzliche Prominenz gewonnen hatte. Veröffentlicht als Fischer-Taschenbuch, wurde das Skript ein immenser publizistischer Erfolg. „Entzauberung der Rechtswelt“ – mit diesem Stichwort verfolgte Wiethölter, der sich nach der Promotion bei Gerhard Kegel in Köln und Aufenthalten in Brügge und Berkeley mit einer unternehmensrechtlichen Arbeit habilitiert hatte, das Anliegen der „inneren, materialen Demokratisierung einer sozial- wie rechtsstaatlich verfassten politischen Gesellschaft“.

Bei der Frankfurter Protestversammlung gegen die Notstandsgesetze am 28. Mai 1968, zu der auch Siegfried Unseld eingeladen hatte, ergriffen neben Hans Magnus Enzensberger, Rudolf Augstein, Heinrich Böll, Iring Fetscher, Walter Jens und Rolf Hochhuth im Großen Sendesaal des HR auch die Juristen Ulrich Klug, Helmut Ridder und Martin Drath das Wort – und „der jugendliche Zivilrechtler Wiethölter aus Frankfurt, ein Mann so recht nach dem Herzen des jungen Publikums“, wie ihn Friedrich Karl Fromme damals in dieser Zeitung charakterisierte.

„Zwar blieb ein bisschen dunkel, was er sagte, zwar deckte das ausgetüftelte Wortspiel, leicht befangen vorgetragen, manchmal die strenge Logik zu, aber da war doch Jugendlichkeit, ironische Aufsässigkeit, so recht ein Kathederaufstand.“ Unseld war von Wiethölter angetan, machte einen sonntäglichen Hausbesuch – und konnte am 10. Juni mitteilen: „Wiethölter wird mitmachen.“ Er sei indes gesundheitlich strapaziert und habe um Dispensierung von den Vorbereitungen gebeten, die sich zäh gestalteten. Die Titelfrage war immer noch offen. Plötzlich geriet auch die Herausgeberkonstellation noch einmal in Bewegung.

Maihofer empfiehlt zwei Kollegen

Bei einem informellen Gespräch, „das zustande kam, weil sich die Herren Barnert und Unseld in Saarbrücken aufhielten“, drängte Werner Maihofer am 7. Juli auf eine Erweiterung des Herausgeberkreises um zwei Fakultätskollegen, den Zivilrechtler Günther Jahr und den Staatsrechtslehrer Hans F. Zacher, der gegen Ende des Gesprächs gleich hinzukam. Auch mit dem geplanten Thema des ersten Heftes war Maihofer nicht mehr einverstanden: Hochschulreform sei „vielleicht doch zu spezifisch“, stattdessen solle man lieber das Heft zum zwanzigsten Jahrestag des Grundgesetzes vorziehen – worauf man sich einigte.

Die Abwesenden wurden um Stellungnahme in der Herausgeberfrage gebeten. Noll willigte ein – ohne Maihofer sei es nicht zu machen: „Maihofer ist der berühmteste von uns und hat auch wirklich gute Ideen.“ Simitis und Wiethölter witterten den politischen Coup, mit dem die Frankfurter Revoluzzer von Saarbrücken aus ausgebremst werden sollten, und stellten sich quer, zunächst diplomatisch.

Nach einigem Hin und Her schrieb Wiethölter Ende Oktober Klartext: „Wir sollten frei und offen über den Kern der Dinge reden. Herr Maihofer hat sich zwei Freunden verpflichtet, vor allem wohl aus Sorge vor vermuteten Majorisierungen und Politisierungen aus bestimmtem Lager.“ Gegen beide Herren habe er nichts einzuwenden. „In einer Hinsicht freilich möchte ich ganz deutlich werden. Herr Zacher hat das Marburger Manifest unterschrieben. Wenn ihn das als Herausgeber unserer Zeitschrift nicht diskreditiert, dann weiß ich nicht, was die Zeitschrift unter ,progressiv‘ versteht.“ Im Marburger Manifest hatten sich 35 Professoren der Philipps-Universität gegen die Demokratisierung der Hochschulverfassung ausgesprochen; 1500 Kollegen an etwa dreißig Hochschulen schlossen sich an, rund ein Viertel aller Professoren.

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