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Suhrkamp-Rechtskultur : Ohne den Unsinn der Radikalität

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Eine Loseblattsammlung als Goldgrube

August Lutzeyer, seit 1935 als Verleger wirtschaftsrechtlicher, auch stramm nationalsozialistischer Literatur tätig gewesen, verlegte in Baden-Baden die Loseblattsammlung „Das deutsche Bundesrecht“, die zuverlässige Renditen versprach. Vor allem aber: Zum Verlag gehörte eine kleine, auf Dünndruck spezialisierte Druckerei, „die sich flexibel auf die Bedürfnisse belletristischer Produktion einstellen konnte“ und Unseld von den Pressionen der Druckindustrie befreite.

Fehlte nur noch ein neuer Name für das juristische Unternehmen. Diesen rief dem Verleger, so will es die Legende, der Freiburger Staatsrechtslehrer Joseph H. Kaiser zu, den Unseld auf der Rückfahrt von den Verkaufsverhandlungen im Zugabteil kennenlernte. Kaiser schlug den antiken Begriff „Nomos“ vor: das von Menschen gesetzte Recht. Der Verleger war beglückt – und begründete mit der Verbindung zu Kaiser, der im Auswärtigen Amt die ersten Schritte der europäischen Integration begleitet hatte, das bis heute starke europarechtliche Profil des Verlages.

Erst später mag ihm aufgegangen (oder vielleicht von seinem Berater Jürgen Habermas nahegebracht worden) sein, dass „Nomos“ als Kategorie räumlicher Ordnung auch ein Schlüsselbegriff im Werk des Staatsrechtlers Carl Schmitt ist (dessen wissenschaftlichen Nachlass Kaiser später verwaltete). Hämmerlein gab Unseld zu bedenken: Wollte man „jüngere und fortschrittlichere Autoren an den Verlag binden“, werde sich „die in der juristischen Welt bestehende Assoziation Lutzeyer-Erbe – Nomos – Carl Schmitt – Kaiser – Schnur“ als problematisch erweisen. Roman Schnur, ein Schüler von Ernst Forsthoff, hatte 1962 gemeinsam mit Ernst-Wolfgang Böckenförde die Zeitschrift „Der Staat“ begründet, die als Organ der Schmitt-Schule galt. Wie aber bei Lutzeyer/Nomos eine linksliberale Wende herbeiführen, ohne „die konservativen Autoren aus der Ministerialbürokratie“, die für das „Bundesrecht“ tätig waren, zu verschrecken?

Von der Zeitschrift zum Buch

Hämmerlein und Maihofer waren sich einig, dass eine Neuausrichtung des Programms „nur mit Hilfe einer Zeitschrift begonnen werden könnte, um über Zeitschriftenbeiträge auch Autoren für Bücher heranzuziehen“. Maihofers Vorschlag, „Die Justiz“ wieder aufleben zu lassen, erwies sich wegen ungeklärter Rechtefragen als schwierig, aber auch deshalb, weil sich die Zeitschrift „Recht und Politik“, bis Mitte der siebziger Jahre eine Publikation der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Juristen, 1965 im ersten Heft in diese Tradition gestellt hatte und man den Anschein einer parteipolitischen Orientierung vermeiden wollte.

Wie aber sollte das Projekt ausgerichtet sein? Lüderssen hatte für Vielfalt plädiert: zur Universitätsreform sollten der Rechtshistoriker Helmut Coing und der Philologe Harald Patzer („konservative Richtung“), der Jurist Wilhelm Geck und der Politologe Wilhelm Hennis („vermittelnd-liberale Richtung“), der Sozialphilosoph Oskar Negt („radikale Richtung“) schreiben. Unseld aber wollte es „progressiv“, suchte linke und liberale Köpfe in der Rechtswissenschaft und benachbarten Fächern – und notierte ihre Namen auf einem fortlaufend ergänzten Konzeptpapier. Sondiert wurde das Feld des aufblühenden juristischen Zeitschriftenwesens, auch die neuen rechtssoziologischen Reihen bei Luchterhand und De Gruyter waren im Blick.

Mit der Gruppe um den Marburger Politik- und Rechtswissenschaftler Wolfgang Abendroth, die im Oktober die „Kritische Justiz“ herausbringen sollte, traf man sich im März in Frankfurt. Diese Gründung fürchtete Unseld als Konkurrenz mehr als die von Martin Kriele bei Beck projektierte „Zeitschrift für Rechtspolitik“, die als Beilage der „Neuen Juristischen Wochenschrift“ eine „Brücke zwischen Bonn und Bürger“ schlagen wollte, oder Klaus Adomeits Kölner „Rechtstheorie“. Immer wieder musste Unseld drängeln. „Alle Zeichen der Zeit drängen uns ja zu diesem Unternehmen und wir müssen es jetzt realisieren oder aufgeben und die Sache anderen überlassen.“

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