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Dresscode : Kleider machen Karrieren

Bild: F.A.Z.-Tresckow

Junge Karrieristen, aufgepaßt: Auf die Verpackung kommt es an. Kleider machen nicht nur Leute, sondern sie helfen bei Karrieren. Gescheite Selbstvermarktung ist ein Energiesparmodell und hat mit Schauspielerei nichts zu tun.

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          Der Mensch ist gnadenlos, und es kommt keineswegs nur auf die inneren Werte an. Nur wenige Sekunden, darauf hat sich die Wissenschaft verständigt, dauert es, bevor wir jemanden einschätzen und ihn aufgrund seines Aussehens und Auftretens in eine Schublade stecken.

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Ob das nun die vielzitierten sieben oder vierzig Sekunden sind, die für das Abscannen eines Unbekannten reichen, darauf kommt es dann auch nicht mehr an und ist wohl ohnehin kaum seriös zu eruieren. Fakt ist: Es geht um wenige Augenblicke.

          Für den ersten Eindruck gebe es keine zweite Chance - so werben unheilvoll-drohend Businesstrainer für ihre Dienste. Gar so hart ist das Verfahren nicht. Und ob nach wenigen Sekunden das Urteil über einen bis dato Fremden wirklich felsenfest zementiert ist, das ist von Berufsmilieu zu Berufsmilieu verschieden. Und es ist zudem eine Frage der Intelligenz.

          Der Inbegriff der Seriosität
          Der Inbegriff der Seriosität : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Verschwitzter Schlunzlook

          Klar ist aber auch: Wer die Kleiderordnungen hartnäckig ignoriert, der macht sich das Berufsleben unnötig schwer. Verkaufe ich wirklich meine Seele, wenn die heißgeliebte, herrlich ausgebeulte Cordhose tagsüber gegen die Stoffhose getauscht wird? Das sind doch nur Äußerlichkeiten - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Wirkung des äußeren Auftretens sollte niemand leichtfertig unterschätzen. 95 Prozent aller erfolgreichen Berufstätigen tun das auch nicht. Sie haben es gelernt oder es sich abgeguckt. Auf die Verpackung kommt es eben auch an, und Kleider machen nicht nur Leute, sondern sie helfen bei Karrieren.

          Einmal abgesehen davon, daß gepflegte Kleidung zwei Dinge demonstriert: Äußerlich wird dokumentiert, daß man seinen Beruf ernst nimmt und seinen Kollegen und Geschäftspartnern Respekt zollt: Sie sind mir wichtig, unser Gespräch nehme ich ernst. Zum Rendezvous mit der hoffentlich größten Liebe seines Lebens erscheint ja auch niemand im verschwitzten Schlunzlook. Was das Fatale ist: Wie viele Regeln im Berufsleben ist auch diese ungeschrieben, zumindest in den meisten Branchen. Die Fallstricke aber durch Versuch und Irrtum zu lernen, das verzeiht heute niemand mehr.

          Siegfried Englert ist Fachhochschulprofessor in Ludwigshafen und zur Zeit Interimspräsident der University of Bruchsal. Persönlich und privat liebt er lässige Kleidung und hat auch keine Scheu, in Cowboystiefeln vor seine Studenten zu treten. Denen aber schärft er eines ein: Wenn es um offizielle Termine geht, dann muß ein ordentlicher Aufzug her. Hat er etwas auf seiner Bank zu regeln, dann steht der Sinologe und Ökonom im Anzug vor seinem Berater und läßt Karohemd und Jeans daheim: „Außenstehende jedesmal davon zu überzeugen, daß ich kreditwürdig bin, das ist einfach zu anstrengend.“

          Problematischer Rollentausch

          So betrachtet, ist die auftrittsgerechte Kleidung ein Energiesparmodell. Das beweist der Alltagstest: Skeptiker sollten sich in einem Oberklasse-Autogeschäft einmal in Jeans und dann einmal im Anzug oder Kostüm umsehen. Welche Erscheinung wird wohl intensiver beraten? Englert, der das Ostasieninstitut der FH leitet, hat selber Lehrgeld bezahlt. Unvergessen ist sein Auftritt vor Aenne Burda.

          Die kürzlich verstorbene Verlegerin suchte bei dem Wissenschaftler Rat für das Asien-Geschäft ihrer Modezeitschriften. Immerhin hatte sich Englert für einen Zweireiher entschieden, dazu schlüpfte er allerdings in Clogs, „die trugen damals viele, und die sind eben bequem“. Zuversichtlich dachte der damalige Assistent an der Heidelberger Universität, die Besucherin werde „schon nicht unter den Tisch gucken“. Tat sie aber und schüttelte den Kopf: „Wenn ich nicht wüßte, daß Sie für China ein Profi sind . . . für Schuhwerk sind Sie's nicht!“

          Bis heute trägt Englert mit Vorliebe Sandalen: „Ich habe es gerne bequem, aber ich habe auch Respekt vor Gepflogenheiten.“ Was er schwierig findet: „Wenn Menschen mit der Kleidung in eine andere Persönlichkeit schlüpfen. Der damit verknüpfte Rollentausch ist problematisch.“ Ein bodenständiger Kerl, der sich im Anzug verkleidet fühlt, ist mit einer sportlichen Kombination besser beraten, sonst tritt der Kommunionanzug-Effekt ein: Unglückselige Haltung verrät das Unbehagen. Attraktiv ist das nicht.

          Verwegene Polohemden

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