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Kunstwerke mit Fußnoten : Kommt jetzt der Dr. artis?

Atelierarbeit in der Frankfurter Städelschule Bild: Kien Hoang Le

Der Wissenschaftsrat fordert den Doktortitel für Kunststudenten. Das mag diesen zwar Vorteile im Kulturbetrieb bringen, der Kunst dagegen schadet es.

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          Wie wird man Professor an einer Kunsthochschule? Indem man als Künstler erfolgreich ist. So ist es bisher Usus an deutschen Hochschulen, die bei der Anwerbung bekannter Künstler so erfolgreich sind, dass sie auch im Ausland einen guten Ruf haben. Nun werden von den 38.000 Studenten, die an den deutschen Kunst- und Musikhochschulen studieren, aber nur die allerwenigsten Künstler. Die meisten verschlägt es in den Kulturbetrieb oder in kunstferne Berufe. Das Kunststudium steht unter dem Druck, die verschiedenen Interessen auszugleichen. Dem neuen Positionspapier des Wissenschaftsrats nach zu urteilen, verschieben sich die Gewichte gerade zu Lasten der Kunst.

          Thomas Thiel
          (tth), Feuilleton

          Die Freiheiten der Kunsthochschulen hatte schon die Bologna-Reform beschnitten, indem sie die dort wenig beliebten Bachelor- und Masterabschlüsse etablierte. Damit war auch die Frage gestellt, was danach kommen sollte. An den Universitäten ist das die Promotion, die nun auch den Kunsthochschulen angetragen wurde, ohne dass man so recht hätte sagen können, was man sich unter Forschung in der Kunst überhaupt vorzustellen habe. Aus dieser Verlegenheit half die künstlerische Forschung, eine Bewegung, die seit rund fünfzehn Jahren die Synthese von Wissenschaft und Kunst betreibt. Sie ist überall dort, wo Dinge vernetzt, diskursiviert, transformiert, hybridisiert oder auf andere Weise dem Zeitgeist gefügig gemacht werden, und entsprechend ungreifbar. Ob man den Anspruch der exakten Wissenschaften künstlerisch überbieten oder das Gehäuse der Wissenschaft von innen ausleuchten will, wurde mal zur einen und mal zur anderen Seite beantwortet. Die künstlerische Forschung behielt immer einen positivistischen, wichtigtuerischen, ja kunstfernen Anklang. In der Kunst schlug die Bewegung nie feste Wurzeln. Dafür mehrte sie ihren Einfluss in der Wissenschaft.

          Zertifizierter Kunstanspruch

          Dass der Wissenschaftsrat den Kunsthochschulen nun empfiehlt, gerade diesen „hybriden“ Bereich mit künstlerisch-wissenschaftlichen Promotionen (sie sollen mit Dr. artis oder Ph.D abgeschlossen werden) auszubauen, die es mancherorts schon gibt, ist nichts anderes als das Eingeständnis einer Niederlage. Denn das Papier lässt durchaus erkennen, dass den Autoren die Belange der Kunst nicht fremd sind, ja, man macht erst gar keinen Hehl daraus, dass der Reformimpuls nicht aus der Kunst selbst, sondern aus dem europäischen Ausland kommt, wo sich die künstlerische Forschung in einem Maß etabliert hat, dass Absolventen hiesiger Kunsthochschulen fürchten müssen, dort ohne postgraduale Abschlüsse nicht anerkannt zu werden.

          An den deutschen Kunsthochschulen ist die Phase nach dem Abschluss, wo es sie überhaupt gibt, bisher schwach strukturiert. Der Weg vom Master zur Professur führt durch die künstlerische Praxis, was nach den Maßstäben der Kunst ja auch gut ist und nach den Vorstellungen des Wissenschaftsrats im Großen und Ganzen so beibehalten werden soll. Der künstlerische Erfolg soll das Schlüsselkriterium für die Berufung bleiben, es sollen aber Nebenwege geöffnet und eine Infrastruktur aufgebaut werden, die Studenten nach dem Abschluss den Verbleib an der Hochschule erlauben. Sie sollen dann an einem möglichst konkreten Vorhaben arbeiten, dessen Abschluss ihnen zertifiziert wird, beispielsweise mit dem Doktor.

          Ein Künstler wird daran kaum Interesse haben, eher ein Kurator oder Kunstmanager, der damit seinen Wert auf dem Arbeitsmarkt erhöht. Der mit der künstlerischen Forschung schon immer verbundene Verdacht, es gehe hier darum, die Kunst in Produktionsabläufe einzugliedern und nach ihrem Nutzwert abzufragen, ist bei der Lektüre des Papiers nicht von der Hand zu weisen. Dort will man den graduierten Kunststudenten mit Kompetenzen in Kommunikation, Management, Selbstorganisation und Selbstmarketing ausstatten, ihn also zum perfekten Drittmittelakquisiteur machen, der sich auch flexibel in Arbeitsabläufe außerhalb der Universität einfügt. Daneben werden von ihm, sofern er im hybriden, wissenschaftlich-künstlerischen Bereich tätig ist, überprüfbare Ergebnisse verlangt. Die Kunst wird hier mit einem objektivistischen Maßstab überzogen, der ihr nur schaden kann. Nun mag ein guter Künstler nicht immer ein guter Pädagoge sein. Vom Künstlerdoktor ist in dieser Hinsicht aber nicht mehr zu erwarten.

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