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Hochschule 4.0 : Digitalisierung: Wir brauchen die Hochschule 4.0

  • -Aktualisiert am

Analog oder digital – wie sieht die Universität der Zukunft aus? Bild: anyaberkut/Thinkstock/Getty Images

Die nächste industrielle Revolution ist in vollem Gange: die Digitalisierung. Doch Deutschland droht den Anschluss zu verlieren, wenn das Hochschulsystem nicht schnell reformiert wird. Wo es hakt und was helfen würde – eine kritische Bestandsaufnahme in unserem Gastbeitrag des Monats.

          5 Min.

          Schon mal was von Second Life gehört? Ab 2003 zog es nicht nur Zehntausende Spieler, sondern auch Konzerne wie Daimler, Deutsche Post oder Adidas in die Online-Parallelwelt. Das Programm sollte „unser Leben verändern“, hieß es. Zwei Jahre später herrschte gähnende Leere in Pixelland.

          Second Life war ein Hype unter Tausenden und zeigt, wie euphorisch unsere Gesellschaft auf neue Trends und Produkte reagieren kann. Und wie rasend schnell sie ad acta gelegt werden. Die ungeheure Beschleunigung, mit der Neues kommt, sich etabliert und auch wieder verschwindet, stellt auch Unternehmen vor riesige Herausforderungen. Investitionen müssen kurzfristig angepasst, Projekte im Eiltempo abgeschlossen werden. 

          Digitalisierung: Update der Bildungswelt

          Im Zeitalter der Digitalisierung kommt dem menschlichen Geist eine ganz neue Rolle zu. Einfache Arbeiten werden zunehmend von untereinander vernetzten Maschinen übernommen. Industrie 4.0 lautet das Schlagwort. Der Mensch wird dadurch nicht überflüssig, im Gegenteil: Die menschliche Fantasie ist vielmehr wichtigste Voraussetzung für eine neue Arbeitswelt. Jemand muss schließlich Software, Maschinen und vor allem neue Ideen entwickeln. Das kann (bis auf weiteres) nur der Mensch. Gerade eine hochindustrialisierte Wirtschaft wie die deutsche benötigt also Heerscharen von Wissensarbeitern.

          Jaqueline Otten ist Präsidentin der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg).
          Jaqueline Otten ist Präsidentin der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg). : Bild: HAW Hamburg:Paula Markert

          Um sie auszubilden, brauchen wir ein grundlegendes Update des Bildungssystems. Wir brauchen die Hochschule 4.0. Nur so wird der Arbeitsmarkt mit den hochqualifizierten Fachkräften versorgt, die so dringend benötigt werden. Und nur so kann die Wissenschaft weiter als innovativer Impulsgeber für Wirtschaft und Gesellschaft fungieren, um auch Arbeitsperspektiven für die nächsten Generationen zu schaffen.

          Doch davon sind wir noch weit entfernt, wie diese vier Beispiele verdeutlichen:

          1) Exzellenzinitiative

          Die einzige Antwort des Bildungssystems auf die neuen Herausforderungen lautete: Exzellenzinitiative. Große Probleme können nur durch große, öffentlichkeitswirksame Projekte gelöst werden – so die Denke. Der Haken an der Sache ist jedoch, dass die Exzellenzinitiative allein auf Universitäten und Großprojekte abzielt. Die Masse der „kleineren“ Hochschulen steht nicht im Fokus. Fachhochschulen (FHs) können gar nicht erst mitmachen. Dass ein Drittel aller deutschen Studierenden inzwischen an FHs eingeschrieben ist, scheint man in Berlin nicht wahrhaben zu wollen. Bei all der Fokussierung auf Exzellenz und Großforschung wird verkannt, welch rasante Entwicklung insbesondere die FHs genommen haben. Die Exzellenzinitiative sorgt dafür, dass sich das Zwei-Klassen-System verfestigt. Die, die bereits viel erhalten, bekommen noch mehr. An der altbekannten Dichotomie festzuhalten ist aber nicht zielführend. Statt eine kleine geschlossene Elite mit viel Geld aus dem Boden zu stampfen, sollte die bestehende Vielfalt im deutschen Hochschul- und Wissenschaftssystem gefördert werden.

          2) Forschung

          Klar, Grundlagenforschung ist die ureigene Aufgabe der Wissenschaft und muss weiter gefördert werden. Aber können die Großprojekte schnell genug auf drängende Probleme in der Praxis reagieren? Wohl kaum. Von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung benötigt es Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte. Angesichts des rasanten Wandels unserer Gesellschaft müssen Hochschulen und Wissenschaft aber schneller und flexibler aktuelle Entwicklungen aufnehmen und wissenschaftlich begleiten können. Transferzentren, Gründerinitiativen oder einfach die schnelle Umsetzung von neuen Projekten stecken jedoch vielerorts noch in den Kinderschuhen. Der Nachholbedarf für die angewandte Forschung ist riesig. Die Hochschulen stehen bereit, Unternehmen bei der Suche und Umsetzung geeigneter Strategien zur Stärkung ihrer Wettbewerbsfähigkeit und zur Sicherung der Arbeitsplätze in der Region zu unterstützen.

          3) Standortpolitik

          Was macht Deutschlands Wirtschaft so stark? Genau: Die unzähligen Hidden Champions, der „German Mittelstand“, der häufig in ländlichen Regionen fest verwurzelt ist. Die Bedürfnisse des Mittelstands – egal, ob nun hinsichtlich akademischen Nachwuchses, mit Blick auf Forschungsfragen, Transferleistungen oder schlichtweg als Arbeitgeber – kennen die FHs vor Ort am besten. Die größten Fördersummen fließen aber zu den Universitäten und zu Leuchtturmprojekten in den Metropolregionen fernab der Praxis. Zudem fehlen vielen kleinen und mittleren Unternehmen die innerbetrieblichen Kapazitäten und die Zeit, neue und innovative Methoden selbständig zu entwickeln und in angemessener Zeit zu implementieren. Die Hochschulen sollten ihnen unterstützend zur Seite stehen.

          4) Vernetzte Spezialisten

          Keine Frage: Die hochspezialisierten Studiengänge sind eine der großen Stärken unseres Bildungssystems. Aber ist das weltberühmte „German Engineering“ noch mit den Anforderungen der Industrie 4.0 kompatibel? Passt die Ausrichtung auf ein sehr spezifisches Wissensfeld noch in die Welt der vernetzten Produktion und des ständigen Wandels? Darüber lässt sich trefflich streiten. Zumindest aber sollten die Absolventen zur interdisziplinären Zusammenarbeit in der Lage sein. Deutschland braucht die „vernetzten Spezialisten“, die in ihrem Gebiet wissenschaftlich fundiert ausgebildet sind und die Kompetenz haben, sich zu vernetzen und lebenslang weiterzubilden. Den Geistes- und Sozialwissenschaften kommt dabei eine entscheidende Rolle zu: Wissenschaftler in Europa beschäftigen sich zwar intensiv mit neuen Technologien, aber noch zu wenig mit dem, was der Gesellschaft durch die Technik eigentlich offeriert wird. Wir brauchen eine „zweite Aufklärung“. Doch dazu reichen technische Fertigkeiten und Ingenieurswissenschaften allein nicht aus. Der Austausch zwischen den Disziplinen und Denkweisen und die Anwendung neuer Methoden wie beispielsweise des „Design Thinking“ sollten zum akademischen Alltag gehören. Weg mit den Scheuklappen.

          Was kann man tun, damit sich der Status quo nicht noch weiter zementiert? Eine ganze Menge:

          Solide Grundfinanzierung schaffen

          Kreativität und freier Forschungsgeist benötigen vor allem eine solide Grundfinanzierung, um losgelöst von Fristen, Folgeanträgen und Zukunftsangst wissenschaftlich arbeiten zu können. Bund und Länder sind gefordert, gemeinsam für langfristig planbare Rahmenbedingungen zu sorgen. Befristete Fördertöpfe wie etwa der Hochschulpakt (HSP) oder die Exzellenzinitiative sind wenig zielführend.

          Bürokratie abbauen

          Der Austausch und die Kooperation zwischen den Hochschulen und mit der Praxis sind extrem wichtig, um neue Ideen zu entwickeln. Doch solche Kooperationen einzugehen ist sehr aufwendig und zeitintensiv. Die übermäßige Bürokratie unter anderem bei finanziellen Förderungen wirkt wie eine angezogene Handbremse. Es existieren geradezu absurde Kalkulationsvorschriften, die ein flexibles Handeln oder eine Mischfinanzierung verhindern. Mehr Flexibilität und Agilität wären zielführender als mehr Verwaltungsvorschriften und Einschränkungen. 

          Arbeitsrecht nachbessern

          Die Rahmenbedingungen für die Forschenden müssen verbessert werden. Forschende und Lehrende sollen permanent erstklassige Ergebnisse erzielen und müssen sich zugleich von einem befristeten und schlecht bezahlten Vertrag zum nächsten hangeln. Da darf es niemanden verwundern, wenn die High Potentials lieber die Wissenschaft verlassen oder ins Ausland gehen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen für FHs stammen aus den siebziger Jahren. Höchste Zeit für eine Reform.

          Scheitern erlauben

          Deutschland ist geradezu versessen darauf, die Abbrecherquote zu senken und Studienabbrecher dem Handwerk „zuzuführen“. Scheitern als Bereicherung und Erfahrung ist nicht vorgesehen. Auch in der Wissenschaft und Forschung geht es immer mehr darum, Projekte „erfolgreich“ abzuschließen, Publikation „erfolgreich“ zu publizieren und Drittmittel „erfolgreich“ einzuwerben. Im Denken in Projekten und Fristen ist Scheitern nicht vorgesehen.

          Prof. Dr. Jacqueline Otten

          Die Autorin ist Präsidentin der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg).

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