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Hochschule 4.0 : Digitalisierung: Wir brauchen die Hochschule 4.0

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3) Standortpolitik

Was macht Deutschlands Wirtschaft so stark? Genau: Die unzähligen Hidden Champions, der „German Mittelstand“, der häufig in ländlichen Regionen fest verwurzelt ist. Die Bedürfnisse des Mittelstands – egal, ob nun hinsichtlich akademischen Nachwuchses, mit Blick auf Forschungsfragen, Transferleistungen oder schlichtweg als Arbeitgeber – kennen die FHs vor Ort am besten. Die größten Fördersummen fließen aber zu den Universitäten und zu Leuchtturmprojekten in den Metropolregionen fernab der Praxis. Zudem fehlen vielen kleinen und mittleren Unternehmen die innerbetrieblichen Kapazitäten und die Zeit, neue und innovative Methoden selbständig zu entwickeln und in angemessener Zeit zu implementieren. Die Hochschulen sollten ihnen unterstützend zur Seite stehen.

4) Vernetzte Spezialisten

Keine Frage: Die hochspezialisierten Studiengänge sind eine der großen Stärken unseres Bildungssystems. Aber ist das weltberühmte „German Engineering“ noch mit den Anforderungen der Industrie 4.0 kompatibel? Passt die Ausrichtung auf ein sehr spezifisches Wissensfeld noch in die Welt der vernetzten Produktion und des ständigen Wandels? Darüber lässt sich trefflich streiten. Zumindest aber sollten die Absolventen zur interdisziplinären Zusammenarbeit in der Lage sein. Deutschland braucht die „vernetzten Spezialisten“, die in ihrem Gebiet wissenschaftlich fundiert ausgebildet sind und die Kompetenz haben, sich zu vernetzen und lebenslang weiterzubilden. Den Geistes- und Sozialwissenschaften kommt dabei eine entscheidende Rolle zu: Wissenschaftler in Europa beschäftigen sich zwar intensiv mit neuen Technologien, aber noch zu wenig mit dem, was der Gesellschaft durch die Technik eigentlich offeriert wird. Wir brauchen eine „zweite Aufklärung“. Doch dazu reichen technische Fertigkeiten und Ingenieurswissenschaften allein nicht aus. Der Austausch zwischen den Disziplinen und Denkweisen und die Anwendung neuer Methoden wie beispielsweise des „Design Thinking“ sollten zum akademischen Alltag gehören. Weg mit den Scheuklappen.

Was kann man tun, damit sich der Status quo nicht noch weiter zementiert? Eine ganze Menge:

Solide Grundfinanzierung schaffen

Kreativität und freier Forschungsgeist benötigen vor allem eine solide Grundfinanzierung, um losgelöst von Fristen, Folgeanträgen und Zukunftsangst wissenschaftlich arbeiten zu können. Bund und Länder sind gefordert, gemeinsam für langfristig planbare Rahmenbedingungen zu sorgen. Befristete Fördertöpfe wie etwa der Hochschulpakt (HSP) oder die Exzellenzinitiative sind wenig zielführend.

Bürokratie abbauen

Der Austausch und die Kooperation zwischen den Hochschulen und mit der Praxis sind extrem wichtig, um neue Ideen zu entwickeln. Doch solche Kooperationen einzugehen ist sehr aufwendig und zeitintensiv. Die übermäßige Bürokratie unter anderem bei finanziellen Förderungen wirkt wie eine angezogene Handbremse. Es existieren geradezu absurde Kalkulationsvorschriften, die ein flexibles Handeln oder eine Mischfinanzierung verhindern. Mehr Flexibilität und Agilität wären zielführender als mehr Verwaltungsvorschriften und Einschränkungen. 

Arbeitsrecht nachbessern

Die Rahmenbedingungen für die Forschenden müssen verbessert werden. Forschende und Lehrende sollen permanent erstklassige Ergebnisse erzielen und müssen sich zugleich von einem befristeten und schlecht bezahlten Vertrag zum nächsten hangeln. Da darf es niemanden verwundern, wenn die High Potentials lieber die Wissenschaft verlassen oder ins Ausland gehen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen für FHs stammen aus den siebziger Jahren. Höchste Zeit für eine Reform.

Scheitern erlauben

Deutschland ist geradezu versessen darauf, die Abbrecherquote zu senken und Studienabbrecher dem Handwerk „zuzuführen“. Scheitern als Bereicherung und Erfahrung ist nicht vorgesehen. Auch in der Wissenschaft und Forschung geht es immer mehr darum, Projekte „erfolgreich“ abzuschließen, Publikation „erfolgreich“ zu publizieren und Drittmittel „erfolgreich“ einzuwerben. Im Denken in Projekten und Fristen ist Scheitern nicht vorgesehen.

Prof. Dr. Jacqueline Otten

Die Autorin ist Präsidentin der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg).

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