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Digitalisierung von Schulen : Krisen sind Lügendetektoren

  • -Aktualisiert am

Häusliches Lernen: Mehr als Abarbeiten von Aufgaben Bild: Karsten Thielker

Die schlechte technische Ausstattung vieler Schulen hat für Kritik gesorgt. Dabei ist es für sie gar nicht erstrebenswert, ein den Firmen vergleichbaren Digitalisierungsgrad zu erreichen. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Krisen sind Lügendetektoren. Soziale und politische Sprachregelungen, die in normalen Zeiten Kompromissfelder als blühende Landschaften erscheinen lassen, wirken nicht mehr. Das hat Corona gerade bei der Bildungspolitik ans Licht gebracht. Die am lautesten vernehmbare Kritik der letzten Monate zielte auf die unzulängliche technische Ausstattung vieler Schulen. Darin liegt manches Richtige, und es ist auch zu hoffen, dass die Mittel des Digitalpaktes dem trotz zahlreicher administrativer Verzögerungen bald abhelfen. Zugleich ist es unabweisbar, dass ein System stattlicher Daseinsfürsorge niemals für einen Extremfall wie den einer Pandemie hinlänglich ausgestattet sein kann. Solche Redundanz ist nicht finanzierbar. Das gilt für Kliniken genauso wie für Schulen. Bei Schulen ist es zudem – das kann nicht oft und laut genug gesagt werden – pädagogisch gar nicht wünschenswert, einen digitalen Vernetzungsgrad anzustreben, der dem moderner Firmen entspräche.

          Bezeichnenderweise gibt es dort je nach Branche unterschiedlich intensiv geführte Diskussionen, ob man die Verlagerung bestimmter Arbeiten ins Homeoffice nicht auch nach der Pandemie beibehalten solle. Kostengründe scheinen da argumentativ unschlagbar. Eine ähnliche Diskussion werden wir in der Schule bekommen: Alles, was den Erwerb von Wissen im weitesten Sinne betrifft, könnte über kurz oder lang vollständig in den Bereich digital gestützten Unterrichts verlagert werden. Ein Teil davon wäre ohne weiteres auch zu Hause möglich – als „Blended learning“, ein Verfahren, das auf eine Verknüpfung von Präsenzphasen und E-Learning setzt. Warum nicht, könnte man sagen, wenn Lernprogramme hier Lehrkräften offensichtlich überlegen sind? Für den Präsenzuntericht blieben dann die anderen, auf Verstehen, Problemlösen und Bewerten ausgerichteten Lernfelder. Früher oder später werden solche Rationalisierungs-Initiativen auch für Schulen propagiert werden. Die unerlässliche soziale und sozioökonomische Funktion von Präsenzunterricht würde dadurch nicht aufgehoben, aber seine Reichweite ist neu zu vermessen.

          Die größte Gefahr einer solchen Entwicklung ergibt sich aus der Selbstverständlichkeit, mit der, gelenkt vom Primat des Digitalen, die didaktischen Fragen beantwortet würden: Alles, dessen mentale Rezeption sich nicht digitalisieren ließe, wäre scheinbar entbehrlich, weil es der algorithmisch konditionierte Blick nicht mehr erfasst: Kunst, Musik, Theater – der gesamte Bereich der Ästhetik, aber auch Religion und Philosophie könnten in Rechtfertigungszwang geraten, wenn ihre persönlichkeitsbildende Wirkung nicht mehr als notwendig angesehen würde.

          Wie gestalte ich lernwirksamen Unterricht?

          Solch ökonomisch affirmativem Denken begegnet am ehesten mit dem Zugeständnis, dass die bisherigen Paradigmata von Unterricht durchaus Mängel haben. Die durch die Pandemie erzwungenen Sonderbedingungen haben in nie dagewesener Weise die Frage nach Unterrichtsqualität in den Vordergrund gerückt. Kein Wunder, wo doch in vielen Fällen Lehrkräfte die häusliche Mithilfe von Eltern und Großeltern mit verblüffender Selbstverständlichkeit vorausgesetzt haben. Da muss man auch akzeptieren, wenn Kritik an Aufgabenart und -menge, an Aufgabenkultur insgesamt, viel hörbarer wird als in den Zeiten geschlossener Klassentüren.

          Wer die Selbstverwaltung von Schule kennt, weiß: Es wird über vieles geredet in diesem Mikrokosmos, nur nicht über Unterricht und seine Qualität. Der Klassenraum gilt als Hoheitsbereich pädagogischer Freiheit, wie immer sie genutzt wird. Und Unterrichtsbesuche werden im Allgemeinen als Versuche unzulässiger Einmischung in innere Angelegenheiten betrachtet. Das könnte und müsste sich nun unter den Zwängen der Pandemie ändern. Denn auch das nächste Schuljahr wird ein Zugleich von Präsenz- und Distanzunterricht erfordern. Der Erziehungswissenschaftler und emeritierte Schulpädagoge H. G. Rolff hat vor längerer Zeit die Fachgruppen als schlafende Riesen der Schulentwicklung bezeichnet. Sehr zu Recht. Von der Pandemie geweckt, sollten sie nun schleunigst beraten, welche Möglichkeiten es gibt, die Distanz zwischen Lehrkraft und Schüler zu überbrücken. Das ist zunächst ein Problem zureichender technischer Infrastruktur. Aber bereits hier gerät beim Abwägen der Möglichkeiten – von E-Mail-gestützter Nachricht über Aufgaben im Lehrbuch, Messenger-Chats bis zur regelmäßigen Videokonferenz – die eigentliche Frage in den Blick: Wie gestalte ich lernwirksamen Unterricht? Welches Ziel fordert welche Methode? Denn durch die technische Überbrückung der Distanz sind nur Voraussetzungen geschaffen. Auch die beste Videokonferenz ist noch kein Unterricht. Und wer als Lehrkraft im Präsenzunterricht nicht reüssiert, kann auch keinen Online-Unterricht. Auch das haben die letzten Monate unabweisbar gezeigt. Schulen, die sich von ihren Schülern und Eltern ein Feedback geholt haben, wissen zur Genüge: Distanz ist eine entlarvende Rahmenbedingung. Welche von den inzwischen zahlreichen digitalen Tools sich eignen, um auch in der Nichtpräsenz Lernprozesse anzustoßen, zu begleiten und Rückmeldungen zu initiieren, das können nur die herausfinden, die ohnehin klare Vorstellungen von ihren Zielen haben, denen der Unterschied von Didaktik und Methodik alltagsvertraute Praxis ist. Hier wird es auch in Zukunft keine wundersame Vermehrung dringend notwendiger Professionalität geben. Gleichwohl: Nachdenken über Kriterien guten Unterrichts ist unabweisbarer denn je.

          Alle Fachgruppen müssten daher den Auftrag bekommen, ausgehend von der Frage nach Bedingungen gelingenden Distanzlernens über lernwirksamen Unterricht insgesamt zu beraten. Welche Möglichkeiten bieten Padlet, Kahoot, Mentimeter und ZUMpad, um nur einige wenige zu nennen. Diese und andere Tools würden in den Fachgruppendiskussionen geprüft, sicher würde vieles verworfen, aber auch manches Neue entdeckt werden, das bisher noch gar nicht im Blick war. Der so eingeleitete Prozess intensiver Vergewisserung des eigenen didaktischen Tuns wäre die beste argumentative Vorbereitung auf die durch Corona beförderte Diskussion über eine grundlegende digitale Transformation unseres Schulsystems. Ihren Hardlinern gegenüber gilt es dann, das zu retten, was auch für zukünftige Schülergenerationen als Bildungsanspruch unerlässlich ist. Solcherart produktiv gewendet würde die diagnostische Unerbittlichkeit der Krise durchaus zu neuen Einsichten führen können.

          Der Autor leitet das Max-Planck-Gymnasium in Göttingen.

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