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Digital Humanities (3/6) : Im Zoo des Sozialen

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Die Anfeindungen, die etwa Bruno Latour vor dreißig Jahren für seine Theorie der technischen Aktanten erfuhr, muten insofern heute antiquiert an. Latour begriff die Gesellschaft als ein Netzwerk von menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren, womit er sich den Vorwurf einhandelte, soziales Handeln gewissermaßen zu entwerten, weil bei ihm Maschinen, Tiere, ja die Natur selbst den Status von Gesellschaftsmitgliedern erhielten. Wo Latour also Vernetzung und äußerst flache Hierarchien sah, witterten seine Kritiker nur Konfusion. Dreißig Jahre später zeigt die Digital Sociology das Visionäre von Latours Theorie: Eine analytische Trennung von technischem und nichttechnischem Handeln oder dessen Träger ist eben nur noch in der Analyse möglich. In der Wirklichkeit ist jetzt auch die Rede vom Internet als einem Kommunikationsnetz von Computern nicht mehr angemessen – eher ist es ein Akteursnetzwerk im Sinne Latours geworden.

Ironischerweise haben die Fortschritte der Informationstechnologien das Internet vergegenständlicht, es zu einem Raum gemacht, in dem Akteure von großer Heterogenität handeln: Roboter, Software, menschliche Körper, triviale Maschinen, Fahrzeuge, Viren, etc. Eine solche Unübersichtlichkeit des Sozialen war Netzwerktheoretikern wie Latour oder Michel Callon nie fremd, da sie ja aus der Ethnographie kamen und darum an Gesellschaften gewöhnt waren, deren Mitglieder vom Mithandeln solcher ontischen Realitäten wie Dämonen, Tieren oder Naturkräften ohnehin überzeugt sind.

Designte Umwelten

Die Digital Sociology knüpft hier mit ihrer Frage an, wie sich dieser Zoo des Sozialen als die Gesamtsumme des gesellschaftlichen Handelns verändert, wenn mehr und mehr Anteile dieser Summe in Form digitaler Handlungen im obigen Sinne anfallen. Insofern ist es kein Zufall, dass „Digital Sociology“ von 2016, der aktuell wichtigste Beitrag zu diesem noch sehr jungen Feld, von der Amsterdamer Soziologin Noortje Marres stammt, einer Schülerin Latours. Marres zufolge haben es die Sozialwissenschaften heute mit zwei ganz wesentlich neuen Phänomenen zu tun. Früher nutzten sie Daten, die im Wesentlichen von Forschern für Forscher gewonnen worden waren. Also gesucht zur Beantwortung von spezifischen theoriegeleiteten Fragestellungen und allgemeinen Forschungsinteressen, meist öffentlich finanziert, mit eingeweihten Teilnehmern und schließlich am Ende auch öffentlich zugänglichen Daten.

Heute sind diese Daten das Nebenprodukt des alltäglichen Handelns von Usern im Netz, die sich gar nicht bewusst sind, dass ihr Handeln permanent beobachtet und als Big Data privat gehandelt wird. Das ist das eine. Problematisch ist diese Art von Forschung aber nicht nur aus ethischer Sicht, so Marres. Das generelle Problem der Digital Sociology sei zum zweiten ein methodologisches Problem. Alle diese Daten fielen nämlich in hochgradig designten Umwelten an. Etwas über soziales Handeln mit Daten aus Twitter und Facebook zu gewinnen, sei wie Menschen in einem Casino zu beobachten, bemerkt Marres. Die sozialen Medien seien Räume, die konstruiert werden, um den Zielen marktwirtschaftlich operierender Firmen zu dienen. Nichts sei naiver als die Annahme, dies habe keinen Effekt auf das hier beobachtbare Handeln.

Die Digital Sociology stehe darum vor dem Dilemma, den Fokus der Forschung in diese faszinierenden Räume lenken zu wollen, und gleichzeitig betonen zu müssen, dass das Soziale eben doch viel mehr sei als das dort beobachtbare Spektrum des Handelns – also freier, reicher, komplexer, heimlicher, intimer – und darum am Ende vielleicht doch nicht digital. Dabei teilt die Soziologie dieses Dilemma natürlich mit der Gesellschaft, die hier zwischen Faszination und Abscheu hin und her schwankt. Die Vision, alles lasse sich digitalisieren, könnte sich darum am Ende als die eigentliche Kränkung des Menschen im einundzwanzigsten Jahrhundert erweisen.

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