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Digital Humanities (2/6) : Zu viele Noten?

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„Flachware“ für die digitale Weiterverarbeitung: Beethovens Skizze zum Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 Es-Dur op. 73 (entstanden 1809) Bild: Picture-Alliance

Das kann gar nicht sein. Die musikwissenschaftliche Editionspraxis ist bestens auf die digitale Quellenforschung vorbereitet.

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          Wer professionell mit Musik umgeht, hat keine Angst vor Zahlen und Ziffern und macht sich auch keine Sorgen um Klänge, deren Erzeuger unsichtbar sind. Das Digitale ist der Musik gleichsam strukturell und ästhetisch eingeschrieben. Schon die ersten Gelehrten, die sich die Frage „Quid est musica?“ vorlegten, suchten die Antwort nicht in kulturellen Rahmenbedingungen, sondern in den Bits und Bytes der Einzeltöne und ihrer Systeme, eingebunden in die quadrivialen Strukturen der „Sieben freien Künste“, unter denen die Musik als mathematische Disziplin rangierte. Während die Arithmetik die Zahl und Geometrie und Astronomie unbewegliche und bewegliche Größen untersuchten, befasste sich die Wissenschaft von der Musik mit Proportionen. Schließlich ist die Voraussetzung für jedes Tonsystem eine mathematisch grundierte Denkform, die das Verhältnis der Teile zum Ganzen erörtert. Und im analogen Gebilde eines mittelalterlichen Notats wurde nicht nur der numerische Grundstoff, sondern auch seine ästhetische Bestimmung des Erklingens, die Musica sonora, stets mitgedacht.

          Es geschah erst im späten zwanzigsten Jahrhundert, dass die aufkommenden Kulturwissenschaften mit ihren Welterklärungen die analytische und editorische Kärrnerarbeit am Notentext für antiquiert erklärten. Damals begann der Abgesang auf Editionsvorhaben, Institute wurden geschlossen, und eine Disziplin verleugnete immer häufiger ihren Gegenstand zugunsten der opportunistischen Anpassung an interdisziplinäre Methoden. Doch seit etwa zehn Jahren ist die Musikphilologie vom Seitenstreifen auf die Überholspur der Musikwissenschaft zurückgekehrt. Denn neben dem Vorteil einer historisch gewachsenen Fachidentität hat sie das, was das Digitale braucht: quantifizierbaren Content.

          Neue Forschungsfragen

          An der spezifischen Eigenheit von Musik und ihrer von Beginn an ebenso zahlenmäßig wie sprachlich argumentierenden Wissenschaft mag liegen, dass die Musikologie heute zu den digitalen Eingeborenen unter den klassischen Geisteswissenschaften zu zählen ist. Spätestens seit der Online-Gang des Bonner Beethoven-Archivs 2008 die kulturinteressierte Öffentlichkeit begeisterte, gehört Digitalität zum musikwissenschaftlichen Alltag des Lehrens, Lernens und Forschens. Denn die Bereitstellung von Musikdaten betrifft nicht nur „Flachware“, also papierne Quellen, und dreidimensionale Gegenstände wie Instrumente, sondern auch Audio- und audiovisuelle Daten, das heißt Klang- und Filmdokumente – zum Beispiel aus der Inszenierungs-, Interpretations- oder Feldforschung. Musik zu digitalisieren bedeutet, eine Vielfalt von Trägermaterialien in digitale Strukturen zu überführen. Die Digitalisierungswelle hat damit erreicht, wovon die Verbundforschung nur träumen kann: echte Interdisziplinarität im Austausch geisteswissenschaftlich-philologischer mit mathematisch-naturwissenschaftlichen Kompetenzen und eine produktive Zusammenarbeit von wissenschaftlichem und nichtwissenschaftlichem Personal.

          Das ist mittlerweile längst nicht mehr nur mit der Bereitstellung, sondern auch mit der digitalen Aufbereitung musikalischen Materials befasst. Auch hier kann wieder an quantifizierende Kernkompetenzen des Faches Musikwissenschaft, nunmehr aus seinen Gründerzeiten des neunzehnten Jahrhunderts, angeknüpft werden. Von Beginn an philologisch-editorisch ausgerichtet, verfügt die Musikwissenschaft über Big Data im Wortsinn: edierte Notentexte zahlreicher Komponisten, die man seit Jahren sukzessive in digitale Quelltexte, in ihre Bits und Bytes, dekodierend umsetzt.

          So können die Hybrid-Editionen von Max Reger oder Richard Strauss neben den klassischen Druckausgaben auch digitale Editionen anbieten sowie Tools, mit denen der Benutzer die Quellen digital studieren und dem Editor virtuell über die Schulter schauen kann. Diese Kodierungs- und Präsentationskonzepte der Music Encoding Initiative (MEI) und des Edirom-Projekts Detmold-Paderborn oder auch das neue Editionsvorhaben der Werke Bernd Alois Zimmermanns bleiben der Idee treu, der Basisstruktur der Musik digital habhaft zu werden und diese zu visualisieren. Aus der Möglichkeit, Werke im Quelltext studieren zu können, entstehen aber zugleich neue Forschungsfragen in der genetischen Textkritik und digitalen Musikanalyse.

          Ungeahnte Potentiale

          So richtet sich der Blick gegenwärtig auf Komponisten-Skizzen, und es mag Zufall sein oder auch nicht, dass auch hier Beethoven der Erste ist, dessen Schreibprozesse im Rahmen des Projektes „Beethovens Werkstatt“ Gegenstand einer mikrochronologischen Forschung sind, die überhaupt erst durch die digitalen Editionstools möglich wurde. Ähnliches wird gegenwärtig an den Kompositionsstudien Anton Bruckners in einem Vorhaben der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erprobt. In Würzburg wurde soeben der Grundstein für einen gemeinsam von Bund und Land finanzierten Forschungsbau gelegt, das Zentrum für Philologie und Digitalität der Universität, dessen Gründungssprecher der Musikwissenschaftler Ulrich Konrad ist. Musikphilologie tritt hier als eine Philologie unter vielen in den interdisziplinären Austausch mit der Informatik. Im Detmolder Zentrum Musik – Edition – Medien (ZenMEM) widmet sich ein Forscherteam aus Musikwissenschaft und Informatik interaktiven Partituren, die audiovisuelle Dokumente mit digital ediertem Notentext synchronisieren, um ein Mitlesen des Gehörten zu ermöglichen.

          Aber es lässt sich alles noch weiter und größer denken, schließlich liegt schon der komplette Mozart im Quelltext vor: Was wäre, wenn nun irgendwann alle Musik, und nicht nur die der Klassik, im Quelltext vorläge? Hier tun sich allein auf der Ebene der Komparatistik, für die sonst ganze Forscherbiographien verschlissen wurden, neue Dimensionen auf. Maschinen erledigen die Vergleiche auf Knopfdruck. Darin schlummern ungeahnte Potentiale der Echtheits-, Stil-, Zitat- oder auch Konkordanz-Forschung, immer eingedenk des Umstandes, dass die Interpreten die Ergebnisse freilich auch noch lesen und auslesen können müssen. Auch Big Data, und das wusste schon der Musikeditor des neunzehnten Jahrhunderts, verlangen qualitativ-hermeneutische Methoden, um mehr zu sein als ein Haufen aus Noten und Pausen.

          2017 hat sich eine neue Fachgruppe „Digitale Musikwissenschaft“ in der Gesellschaft für Musikforschung gegründet, die auf Schlag etwa ein Zehntel der Musikforscher zu ihren Mitgliedern zählte. Das Thema geht alle an, darin herrscht große Einigkeit. Selten war die Arbeitskultur im Fach so produktiv. Man will den Wandel der Medien und der eigenen Forscheridentität nachdenkend begleiten, aber vor allem die außerfachliche Kommunikation stärken. Und es gibt einiges zu tun. Da ist die Zusammenarbeit mit Komponisten, um den heutigen digitalen Produktionsweisen von Musik wie Real-Time-Kompositionen, kollaborativem Arbeiten, offenen Werkkonzepten, direkter Verklanglichung oder auch der für Philologen geradezu albtraumartigen digitalen Überschreibung von Fassungen und Skizzen methodisch gelassen zu begegnen. Da ist die Rückbindung an Bibliotheken und Archive, um die Bedürfnisse von Erforschung und Erhaltung produktiv aufeinander abzustimmen. Und da ist der Austausch mit der interessierten Kulturöffentlichkeit, um nicht am Nutzer vorbeizuarbeiten.

          Nun darf man freilich nicht alles den Fachvertretern überlassen, auch wenn sie in der Musikwissenschaft hochmotiviert sind. Die Politik ist dort gefordert, wo es gilt, die Rechte- und Open-Access-Situation mit Komponisten, Verlagen und Archiven auf mindestens europäischer Ebene zu klären, um die Musikproduktion und deren Erforschung langfristig abzusichern. Zugleich darf Open Access nicht dazu führen, dass Komponieren, Publizieren und Archivieren nicht mehr zum Broterwerb taugen. Dringender Handlungsbedarf besteht ebenfalls in der Schaffung von Informatiker-Dauerstellen, die von allen gebraucht werden, nicht zuletzt, weil die alleinige Abhängigkeit von Drittmittellaufzeiten für kontinuierliche Arbeitsprozesse kontraproduktiv ist. Wünschen möchte man sich etwa ein grundfinanziertes Tenure-Track-Programm des Bundes, für das sich Hochschulen mit ihren Digital-Humanities-Projekten bewerben können.

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