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Akademische Personalpolitik : Wer passt, wird passend gemacht

Das Landesparlament in Magdeburg muss sich mit der Qualität der „qualitativen Parlamentsforschung“ an der Universität Halle-Wittenberg befassen. Bild: dpa

Die Universität Halle-Wittenberg hat den Lieblingsschüler einer Professorin auf deren Lehrstuhl berufen: Der Skandal offenbart gegensätzliche Auffassungen davon, wie sich wissenschaftliche Leistung messen lässt.

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          Die Vorgänge um die Neubesetzung des Lehrstuhls für Regierungslehre und Policyforschung der Universität Halle-Wittenberg versetzen die deutsche Politikwissenschaft in Unruhe. Das hat Armin Schäfer, der Vorsitzende der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW), dem Wissenschaftsausschuss des Landtags von Sachsen-Anhalt mitgeteilt, der sich am 27. August mit der Causa befasste. Er sei von zahlreichen Mitgliedern auf den Fall angesprochen worden, „und die Wahrnehmung scheint weit verbreitet, dass das Verfahren in Halle nicht den Ansprüchen genügt, die im Fach vorherrschen“.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Universität hat als Nachfolger der 2019 emeritierten Professorin Suzanne Schüttemeyer, die von 2006 bis 2009 Vorsitzende der DVPW war, ein Mitglied ihres eigenen Lehrkörpers berufen, den Privatdozenten Sven Siefken, der seine komplette akademische Ausbildung in Halle absolviert hat und von 2007 bis 2016 an dem Lehrstuhl beschäftigt war, den er jetzt übernehmen soll. Derzeit ruht die Besetzung, weil ein unterlegener Bewerber Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht hat. Die Universität rechnet damit, dass das Urteil in den nächsten Wochen ergeht.

          In der Öffentlichkeit wird die Sache unter dem Schlagwort der „Hausberufung Halle“ diskutiert. Die Universität verweist darauf, dass Siefken zum Zeitpunkt der Eröffnung des Berufungsverfahrens seit zwei Jahren nicht mehr am Institut beschäftigt gewesen sei und deshalb nicht unter das Hausberufungsverbot des Hochschulgesetzes von Sachsen-Anhalt falle.

          Am Institut gibt es fünf Professuren. Zwei der vier aktiven Professoren, Harald Bluhm und Johannes Varwick, forderten den Rektor im Februar auf, das Verfahren anzuhalten und die Professur neu ausschreiben zu lassen. Ein Grund für das Aufsehen in der nationalen akademischen Öffentlichkeit dürfte sein, dass juristische Unbedenklichkeit keine erschöpfende Auskunft ist, wo der Vorwurf der Begünstigung von Schützlingen im Raum steht. In diesem Sinne argumentiert Varwick in seiner Eingabe an den Landtagsausschuss: „Sinn und Zweck des Hausberufungsverbotes ist es, dass Bewerber an verschiedenen Orten und in verschiedenen Zusammenhängen ihre wissenschaftliche Eignung unter Beweis stellen – die rein rechtliche Argumentation trägt hier nicht.“

          Bonus für den Politikberater

          Es gibt kein Berufungsverbot für Rückkehrer. Aber Siefken war nach dem Ende seiner Anstellung in Halle nicht an einer anderen Universität oder Forschungsinstitution beschäftigt, sondern arbeitete als selbständiger Unternehmensberater. Im Berufungsverfahren wurde ihm das als Vorteil angerechnet, weil man seiner Klientenliste die in der Ausschreibung geforderten „Praxisbezüge zu Regierung und Verwaltung in Bund und Ländern“ ablas.

          Varwick rügt schwerwiegende Verfahrensmängel. Der Ausschreibungstext sei durch „Streichen des Drittmittelkriteriums“ auf den Wunschkandidaten zugeschnitten worden. Unter den sieben Kandidaten, die zu Probevorträgen eingeladen wurden, war keine Frau. Varwick vermutet, so habe der Gleichstellungsbeauftragte daran gehindert werden sollen, der Berufungsliste zu widersprechen. Im Gespräch mit dieser Zeitung äußerte sich der Rektor der Martin-Luther-Universität, Christian Tietje, irritiert darüber, dass Varwick seine Universität öffentlich kritisiert. Der Jurist Tietje erwähnte auch beamtenrechtliche Bedenken. Auch von der Stellungnahme des Verbandes zeigte sich Tietje irritiert – Schäfer kenne die Akten nicht.

          Freilich weist Schäfer den Ausschuss darauf hin, dass er sich „zu internen Abläufen nicht äußern“ könne, sondern nur „die in der Politikwissenschaft allgemein akzeptierten Standards für die Durchführung von Berufungsverfahren an deutschen Universitäten“ darlegen wolle. Die Darlegungen sind einschlägig für die Beurteilung von Varwicks Mängelrügen. Schäfer stellt fest: „Da es sehr viele gut qualifizierte Kolleginnen gibt, sollte es stets möglich sein, nicht einseitig männlich besetzte Vorstellungsgespräche zu führen.“

          Erst einschlägig, dann ausgesondert

          War es in Halle unmöglich? 31 Bewerbungen gingen ein, darunter sechs von Frauen. Da sich unter den vier am Ende auf die Liste gesetzten Männern niemand befindet, der schon eine Professur innehatte, ist es doppelt auffällig, dass eine Professorin einer westdeutschen Universität noch nicht einmal zum Vortrag eingeladen wurde, obwohl die Kommission ihr Profil nach der ersten Sichtung bündig als „einschlägig“ charakterisiert hatte. Gesucht wurde laut Ausschreibung jemand für den „Bereich der Regierungslehre (insbesondere Bundesrepublik Deutschland) und Policyforschung“ mit „einem Schwerpunkt in der Parlamentarismusforschung, vorzugsweise der qualitativen“. Diesen Schwerpunkt vermisste man bei zweitem Hinsehen in den Schriften der Professorin. Umso besser ausgewiesen ist sie allerdings in der Policyforschung, zumal zur Umweltpolitik.

          Die DVPW erwartet von Kandidaten für W3-Professuren, dass sie „in kompetitiven Verfahren Drittmittel eingeworben haben“. Was hat es zu bedeuten, dass in der Ausschreibung von Drittmitteln nicht die Rede ist? Der Rektor erklärte das gegenüber dieser Zeitung damit, dass die Relevanz von Drittmitteleinwerbungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften strittig sei. Daher würden in Ausschreibungen der Philosophischen Fakultät I Drittmittel nie erwähnt. Das ist eine Unwahrheit. Von 2015 bis Februar 2020 schrieben die drei Philosophischen Fakultäten der MLU 36 Professuren aus. Nur in zwei Anzeigen fehlt das Wort „Drittmittel“. So enthielt auch der Entwurf der Ausschreibung der Professur für Regierungslehre und Policyforschung die Aufforderung, zusammen mit Publikationen und Lehrveranstaltungen den „Umfang der bisherigen Drittmitteltätigkeit“ nachzuweisen. In der Sitzung des Institutsvorstands vom 9. November 2017 wurde der Passus gestrichen.

          Der am Ende auf Platz zwei gesetzte Bewerber konnte zwei laufende DFG-Projekte vorweisen, der Dritte ein Schumpeter-Fellowship der VW-Stiftung. Siefken hat lediglich an Drittmittelanträgen mitgewirkt. Ein ähnliches Missverhältnis sehen Kritiker des Verfahrens beim Vergleich der Veröffentlichungen, sofern man mit der DVPW den „in Peer-review-Prozessen begutachteten Publikationen bei internationalen beziehungsweise international renommierten Fachzeitschriften und Verlagen eine besondere Bedeutung“ zuspricht.

          Der erklärte Wunschnachfolger

          Laut Varwick eröffnete seine Kollegin Schüttemeyer ihm schon 2016 in einem Gespräch, „dass sie sich Herrn Siefken eines Tages als ihren Nachfolger wünsche“. Gegenüber dieser Zeitung bestätigte Suzanne Schüttemeyer diese Äußerung. Sie habe im selben Gespräch indes auch angekündigt, dass sie sich nicht einmischen wolle – und daran habe sie sich „geradezu sklavisch gehalten“. Allerdings bezweifle sie nicht, dass das Verfahren „anständig und ordentlich durchgezogen“ worden sei, wie in der Zeit ihres Dekanats.

          Das Bedeutsame am Skandal von Halle ist, dass er gegensätzliche Auffassungen davon offenbart, was ein ordnungsgemäß durchgeführtes Berufungsverfahren ausmacht. Der Verband verlangt von den Kommissionen, „hohe und objektiv nachvollziehbare Standards hinsichtlich der Erfahrungen und Leistungen der Bewerber“ in „klaren Richtinien“ auszubuchstabieren. Schüttemeyer dagegen spottet über „den ganzen Murks mit Drittmitteln und Peer review“. Es komme darauf an, die am besten geeignete Person zu finden. Salopp formuliert laute die Frage, „ob der oder die zwischen die Möbel passt“.

          Einem Begriff aus dem Wortfeld des Passens begegnet man an entscheidenden Stellen der Akte. Die Kommission benannte in ihrer ersten Sitzung als ein Kriterium die „Passfähigkeit im Institut“. Nach der zweiten Durchsicht der Bewerbungen wurde Siefken eine „hohe Passfähigkeit auf die Professur“ bescheinigt. Bei zwei externen Gutachtern wurde ein Ranking der letzten vier Aspiranten bestellt. Einer setzte Siefken auf Platz eins: Dessen Forschungsschwerpunkte seien zweifellos „passfähig für die politikwissenschaftlichen Studiengänge der Martin-Luther-Universität“. Am 13. Dezember 2018 entschied die Kommission mit acht zu zwei Stimmen: Passt.

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