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Die Sätze des „Zauberbergs“ : Die Welt ist alles, was Zerfall ist

Im Berghotel Schatzalp oberhalb von Davos kann man noch immer in den Stil der Entstehungszeit von Thomas Manns „Zauberberg“ eintauchen. Bild: Picture-Alliance

Thomas Manns Erzählverfahren in seinem Roman „Der Zauberberg“ ist radikal analytisch. Wie Andreas Kablitz zeigt, lösen sich sogar Speisekarten bei genauer Lektüre in Wörtersalat auf.

          3 Min.

          Das dritte und letzte Unterkapitel des ersten Kapitels von Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ trägt den Titel „Im Restaurant“. Am Ende, schon nicht mehr im Restaurant des Sanatoriums, sondern auf dem Zimmer von Hans Castorp, sprechen der Neuankömmling und sein Vetter Joachim Ziemßen über den Assistenzarzt Dr. Krokowski, dem sie soeben in der Halle begegnet sind, auf dem Weg vom Restaurant aufs Zimmer. Der vollbärtige Sandalenträger, der in Hans Castorps Augen „sehr bedeutend“ aussieht, ist auf die psychische Behandlung spezialisiert und sieht es, wie der Novize erfährt, nicht gern, wenn seine Untersuchungsangebote ausgeschlagen werden. Dann und wann, erzählt Joachim Ziemßen, erzählt er ihm „doch einen Traum, damit er was zu zergliedern hat“.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Vettern wissen nicht, dass sie einem Seelenanalytiker als Studien- und Demonstrationsobjekte dienen, dem sie sich nicht entziehen können. Thomas Manns Erzählverfahren im „Zauberberg“ ist radikal analytisch: Das ist die These einer Monographie, die der Romanist Andreas Kablitz im vergangenen Jahr publizierte („Der Zauberberg“. Die Zergliederung der Welt. Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2017. 576 S., geb., 68,– ). Der Untertitel bringt die These auf eine Formel, die sowohl das Thema als auch die Methode der Romanerzählung bezeichnet. Die Leser werden Zeugen, wie dem Erzähler die Welt unter seinen kunstvoll disponierenden Händen zerfällt. Das Leitmotiv des angekündigten Todes deutet Kablitz im Sinne einer immanenten Poetik, die er freilich gleichzeitig auf die Wirklichkeit außerhalb des Romans beziehen möchte, als erkenntnistheoretische Kritik der wissenschaftlichen Weltanschauung.

          Auf einer Kölner Tagung des Arbeitskreises „Text und Textlichkeit“ der Fritz-Thyssen-Stiftung demonstrierte Kablitz jetzt, dass sich seine These auch auf der Ebene der elementaren Einheiten bewährt, in die der Romantext sich selbst gliedert. Auch der einzelne Satz zerfällt bei näherem Hinsehen; die Informationen, die er liefert, erweisen sich nicht nur als unvollständig, sondern als widersprüchlich und mutmaßlich hoffnungslos unbestimmt. Das Thema der Tagung war das Verhältnis von „Prädikation und Bedeutung“, die Bestimmung eines Subjekts durch ein Prädikat verstanden als minimale Einheit des Sprachgebrauchs, die laut Kablitz immer die Versicherung enthält, es verhalte sich so, wie der Satz sagt.

          Vorwegnahme einer Séance

          Ein Beispiel war der erste Satz von „Im Restaurant“, dessen Anfang den Titel des Unterkapitels wiederholt: „Im Restaurant war es hell, elegant und gemütlich.“ Wie kann es sich so verhalten, dass ein Gastraum gleichzeitig elegant und gemütlich ist oder doch so empfunden wird? Die Belege, die man aus einem anderen Satz für die Teilprädikate zusammenklauben kann (sie saßen am „cremefarbenen Vorhang“: elegant; „die Gesichter beglüht vom Schein des rot umhüllten elektrischen Tischlämpchens“: gemütlich), verstärken eher den Eindruck des Widerspruchs, und der Umstand, dass das Tischlämpchen ein glühendes Licht spendete, weckt Zweifel daran, dass es an diesem Abend im Restaurant als ganzem wirklich hell war. Ähnliche Ungewissheiten ergeben sich aus dem Referat der Speisekarte: „Es gab Spargelsuppe, gefüllte Tomaten, Braten mit vielerlei Zutat, eine besonders gut bereitete süße Speise, eine Käseplatte und Obst.“ Die Ausführlichkeit fingiert Präzision. Wir erfahren nicht, womit die Tomaten gefüllt sind, wodurch mit Kablitz „der paradoxe Zustand entsteht, dass just ihre Füllung zur Leerstelle der Information gerät“.

          In „Fragwürdigstes“, dem achten Unterkapitel des siebten Kapitels, wird „von der letzten Speisenfolge“ geredet. Ohne Interesse an Informationen: Diese „Unterhaltung“ ist Hintergrundgeräusch bei der Einleitung einer spiritistischen Séance. Die Beschwörung ist erfolgreich, der verstorbene Joachim Ziemßen erscheint. Hier erreicht die Analyse laut Kablitz ihren kritischen Punkt: Mit den Erkenntnismitteln des Textes sei nicht zu entscheiden, ob eine Einbildung vorliege oder nicht.

          Es mag bedeutsam sein, dass in der Beschreibung des Behandlungszimmers von Dr. Krokowski, in dem die Séance stattfindet, zwei Details des Restaurantdekors wiederkehren: ein „cremefarbener“ Vorhang und ein „Tischchen, das ein rot verkleidetes Lämpchen trug“. Vom Ende her gesehen, stellt sich der Abend im Restaurant als Vorwegnahme und Negativ der Séance dar: Joachim Ziemßen nennt den Besuch des Vetters „geradezu ein Ereignis“, einen „Einschnitt, eine Gliederung in dem ewigen, grenzenlosen Einerlei“; Hans Castorp erscheint seinem Verwandten, der mit der Aufnahme im Berghof schon ins Reich der Toten eingetreten ist.

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          Die Versicherung des Besuchers, er sei, „gottlob, ganz gesund“, kommentiert der Seelenarzt mit dem Satz: „Aber dann sind Sie eine höchst studierenswerte Erscheinung!“ Umgekehrt verleiht ein Kragen, „wie Hans Castorp ihn bis dahin nur bei einem Photographen in Danzig gesehen“ hat, „der Erscheinung Dr. Krokowskis“ ein „ateliermäßiges Gepräge“. Kablitz erinnert daran, dass nach Kant die Dinge unerkennbar sind und wir es ohnehin nur mit Erscheinungen zu tun haben.

          Hans Castorp fuhr für drei Wochen nach Davos und blieb sieben Jahre. Andreas Kablitz schrieb über einzelne Sätze des Romans viele engbedruckte Seiten – als Assistent des Erzählers. Wie Dr. Krokowski „ein ganz gesunder Mensch noch nicht vorgekommen ist“, so hat Kablitz noch an jeder Aussage etwas Fragwürdiges entdeckt.

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