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Die Mars-Mission des Bas Lansdorp : Der fliegende Holländer

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Der Staat kann seine Bürger zwingen, beim Motorradfahren einen Helm zu tragen – aber wenn sich jemand ohne Aussicht auf Rückkehr in den Weltraum schießen lassen will, hindert ihn niemand daran? Newman lacht, noch einmal. Dann sagt er, in Texas sei jeder von der Helmpflicht befreit, der nachweisen könne, sich vorher über die Risiken informiert zu haben. Bas Lansdorp hat seine Telefonnummer von der Website entfernt, seit sich Menschen unaufgefordert für die Mars-One-Mission bewerben. Darunter sind realitätsverachtende Rentner und minderjährige SciFi-Geeks, aber auch seriöse, gut ausgebildete Wissenschaftler, wie er sagt. Das offizielle Casting soll im kommenden Frühjahr beginnen.

Der Mann, dem Lansdorp zutraut, Bewerber hinreichend über die Risiken aufzuklären und aus ihnen ein 40-köpfiges Team zusammenzustellen, das den Belastungen der Expedition gewachsen ist, heißt Norbert Kraft. Dass er seit Jahren in Kalifornien lebt, ist den englischen Versatzstücken zu entnehmen, die wie Luftblasen an die Oberfläche seiner Wiener Satzmelodie drängen. Neben ehrenamtlichen Mitarbeitern wie dem niederländischen Nobelpreisträger Gerard ’t Hooft hat Lansdorp auch Kraft für sein Projekt gewonnen, als medizinischen Direktor.

In den 90er-Jahren war der Psychologe in der Abteilung für Luft- und Weltraummedizin am Wiener Heeresspital beschäftigt. Als sich Österreich von der bemannten Raumfahrt verabschiedete, zog er nach Japan und 2002 weiter in die Vereinigten Staaten, wo er neun Jahre lang für die NASA die perfekten Bedingungen für Langzeit-Raumfahrtmissionen erforschte. Bis auch dort die Mittel für die psychologische Abteilung drastisch gekürzt wurden. „Das Geld“, sagt Kraft, „fließt jetzt hauptsächlich in die Ingenieurs- und Softwareabteilungen.“

Norbert Kraft hat selbst 110 Tage in der Isolierkammer von Mars-500 verbracht. Er war der Kommandeur der kanadischen Freiwilligen, die später bei der Weihnachtsfeier mit einem Russen aneinandergeriet, der ihr auf die Pelle rückte. „Ein Missverständnis“, sagt Kraft. Sie sei „sehr leger“ gewesen, habe die Besatzungsmitglieder auf die Wange geküsst und sich bei ihnen auf den Schoß gesetzt, was den russischen Kollegen wohl zu der Annahme verleitet habe, sie sei in ihn verliebt. Kraft war dabei, als die beiden handgreiflich wurden. Die 110 Tage haben bei Kraft die Überzeugung reifen lassen, dass die zwischenmenschlichen Probleme bei „Mars One“ die größte Herausforderung darstellen werden. Dank Videoübertragung sei er jedoch zuversichtlich, Konflikte früh schlichten zu können. Auch wenn die Übertragung von Nachrichten zum Mars 20 Minuten dauert.

Und wenn man es doch erst einmal auf dem guten alten Mond versuchen würde? Bas Lansdorp winkt ab. „Ich glaube, Leute haben beim Mond den Eindruck: been there, done that.“ Für eine echte Sensation brauche es einen ganz neuen Planeten.

In Amersfoort hat der Regen aufgehört. Draußen, auf der Straße, wo der Asphalt im Licht der Sonne glitzert, fragt man sich, ob man in 20 Jahren einmal mit Ehrfurcht an diese Begegnung zurückdenken wird. Oder eben gar nicht. Und dann nimmt man unwillkürlich einen tiefen Atemzug von der frisch gewaschenen Luft der alten Erde.
 

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