https://www.faz.net/-gyl-9xvic

Die Karrierefrage : Muss ich trotz Krise Urlaub nehmen?

  • -Aktualisiert am

Vielen Arbeitnehmern ist die Lust auf den Urlaub wegen der Corona-Krise derzeit vergangen. Doch kann ein genehmigter Urlaub zurückgezogen werden? Bild: dpa

Bis zum 31. März müssen Arbeitnehmer ihren Resturlaub abtragen. Darauf hat dieses Jahr fast keiner Lust. Ebenso wenig auf Osterferien. Aber viele haben keine andere Wahl.

          4 Min.

          Der 31. März ist bei manchem rot im Kalender markiert. Denn das Datum bedeutet für viele Arbeitnehmer: Urlaub aus dem Vorjahr, den sie bis zu diesem Stichtag nicht genommen haben, verfällt endgültig – und ohne Ersatz. Der letzte Märztag gilt als allerletzte Gelegenheit, übriggebliebenen Urlaub einzulösen.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Derzeit dürften es aber noch viel weitergehende Urlaubs-Fragen sein, die den Beschäftigten Kopfzerbrechen bereiten: Nicht nur manch teure und mit viel Vorfreude geplante Reise musste wegen der Corona-Krise abgesagt werden. In vielen Unternehmen ist es nicht möglich, den schon genehmigten Urlaub für Oster- oder Pfingstferien wieder zurückzunehmen. Zwar haben viele Menschen wegen Kontaktbeschränkungen, Reisewarnungen und stornierten Flügen überhaupt keine Lust auf Urlaub in den eigenen vier Wänden, rein rechtlich gesehen, bleibt jedoch vielen kaum eine Alternative. Denn ein einmal genehmigter Urlaub gilt – für beide Seiten. Beschäftigte können ihn genauso wenig rückgängig machen wie Chefs.

          Das kommt in der derzeitigen Lage Arbeitgebern zugute, die verhindern möchten, dass in Zeiten nach der schlimmsten Corona-Krisenwelle massenhaft Urlaub abgebaut wird und die Unternehmensflure sich deshalb leeren. Von dieser Regelung kennt das Bundesurlaubsgesetz nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) nur eine einzige Ausnahme: Erkrankt der Arbeitnehmer während des Urlaubs, kann er aus diesem Grund nicht frei nehmen und der Urlaubsanspruch bleibt bestehen. Wie es sich aktuell verhält, wenn der Arbeitnehmer nicht krank ist, aber unter Quarantäne steht, ist dem DGB zufolge nicht ganz klar, eine Quarantäne könne aber den Verhandlungsspielraum von Mitarbeitern vergrößern.

          Wann man Urlaub auch im Folgejahr nehmen darf

          Klar ist, dass Chefs, selbst wenn sie nicht auf schon vereinbarten Osterurlauben bestehen, sicherlich immerhin darauf pochen werden, zumindest den Resturlaub aus dem Vorjahr zu nehmen. Eine Übertragung über den Jahreswechsel hinaus ist nämlich auch normalerweise nur unter bestimmten Umständen möglich. Denn die übliche Urlaubs-Deadline ist eigentlich schon Ende des Jahres. „Ein Urlaubsjahr endet nach gesetzlicher Vorgabe mit dem Ablauf des jeweiligen Kalenderjahrs“, sagt Florian Christ, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei der Reiserer Biesinger Rechtsanwaltsgesellschaft in Heidelberg. Das heißt: Laut Bundesurlaubsgesetz müssen Arbeitgeber ihren Mitarbeitern den bezahlten Jahresurlaub im laufenden Kalenderjahr gewähren – und Arbeitnehmer müssen diesen auch im Laufe des Jahres in Anspruch nehmen.

          Es gibt jedoch Ausnahmen: Aus sogenannten dringenden betrieblichen Gründen lassen sich Urlaubstage auf das nächste Kalenderjahr übertragen. Der Chef kann seinem Mitarbeiter im laufenden Jahr beispielsweise den Urlaub verwehren, wenn er seine Hilfe beim Fertigstellen eines Projekts benötigt. Auch möglich: Der Chef ist auf alle helfenden Hände angewiesen, um den Jahresabschluss zu erstellen oder das Saisongeschäft zu bewältigen – und lehnt deshalb Urlaubsanträge ab. „Dann haben Arbeitnehmer das Recht, ihre offenen Urlaubstage noch bis Ende März des Folgejahres zu nehmen“, sagt Christ.

          Auch bestimmte persönliche Gründe können es Arbeitnehmern ermöglichen, ihren Resturlaub mit ins nächste Jahr nehmen. Etwa, wenn ein Arbeitnehmer für längere Zeit krank war. „Wenn Mitarbeiter erkranken, darf ihr Urlaub nicht ersatzlos gestrichen werden“, sagt Christ. Die restlichen Urlaubstage lassen sich dann nicht nur bis zum 31. März des darauffolgenden Jahres einlösen, sondern bleiben sogar 15 Monate gültig.

          „Es geht aktuell nicht um die Urlaubsplanung Einzelner“

          Wer denkt, dass er Urlaubstage über ein Kalenderjahr hinaus ansammeln kann, um sich einfach eine besonders lange Auszeit zu leisten, der irrt. Falsch liegt auch, wer davon ausgeht, dass er sich restliche Urlaubstage auszahlen lassen kann. „Manch einer behauptet, keinen Urlaub zu brauchen, oder möchte lieber ein Extra-Gehalt bekommen, um zum Beispiel größere Anschaffungen zu finanzieren oder offene Rechnungen zu begleichen“, sagt Stephan Weber, Leiter Produktentwicklung beim Berliner Softwareentwickler Payfit, der ein digitales Tool zur Gehaltsabrechnung und Arbeitszeiterfassung vertreibt. „Aber das ist unzulässig. Urlaub ist dafür da, sich zu erholen.“ Urlaub soll die eigene Arbeitskraft und Gesundheit erhalten – und damit ist es auch im Interesse von Arbeitgeber und staatlichem Gesundheitssystem, dass Beschäftigte ihn einlösen. Einzige Ausnahme: Kündigt ein Unternehmen seinem Mitarbeiter, kann es sein, dass es ihm seine offenen Urlaubstage nicht mehr gewähren kann. Dann muss es den Resturlaub abgelten.

          F.A.Z.-Newsletter „Coronavirus“

          Die ganze Welt spricht über das Coronavirus. Alle Nachrichten und Analysen über die Ausbreitung und Bekämpfung der Pandemie täglich in Ihrem E-Mail-Postfach.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          In Sachen Urlaubsanspruch müssen Arbeitgeber wie Mitarbeiter bestimmten Pflichten nachkommen. „Arbeitnehmer sollten ihren Urlaub mindestens 14 Tage vor geplantem Antritt bei ihrem Chef beantragen. Der wiederum sollte sich innerhalb von sieben bis zehn Tagen dazu zurückmelden“, sagt Weber. Arbeitgeber müssen ihre Mitarbeiter daran erinnern, ihren Urlaub zu nehmen. Das haben Richter des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vor rund einem Jahr entschieden. „Wenn sie das nicht tun, dürfen Resturlaubstage nicht automatisch Ende März verfallen“, sagt Weber.

          Rechtsanwalt Christ empfiehlt Beschäftigten einen Blick ins Kleingedruckte des eigenen Vertrags. „In vielen Arbeitsverträgen gehen die Bestimmungen zu Gunsten der Arbeitnehmer über die gesetzlichen Vorgaben hinaus.“ Das können zum Beispiel mehr Urlaubstage sein als gesetzlich vorgeschrieben. Im Vertrag kann aber auch stehen, dass Urlaub aufs nächste Jahr übertragen werden oder generell nicht verfallen kann.

          Die Corona-Krise kann allerdings laut Christ sogar zu dem ansonsten seltenen Fall führen, dass Arbeitgeber ihre Mitarbeiter in den Urlaub schicken können, auch wenn sie ihn eigentlich erst später beantragen wollten. Denn in der jetzigen Ausnahmesituation dürfen Arbeitgeber ihre Mitarbeiter dazu anhalten, ihre bestehenden Urlaubsguthaben zumindest in Teilen abzubauen. Erst dann können sie nämlich Kurzarbeit einführen, erklärt Christ. Das hat knallharte Gründe: „Es geht aktuell vorrangig um den Erhalt von Arbeitsverhältnissen, nicht um die individuelle Urlaubsplanung Einzelner.“

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

          Die digitale F.A.Z.

          Zur kompletten Ausgabe

          Jetzt mit F+ lesen

          Trumps Gegner : Obama ist wieder da

          Viele vermissen einen Staatsmann wie Barack Obama. Im Zuge der Unruhen gilt das umso mehr. Der frühere Präsident steht für ein anderes Amerika und teilt gegen seinen Nachfolger Donald Trump aus. Kann das gutgehen?
          Das Bild des Kostengängers Europas trägt Italien zu Unrecht. (Symbolfoto)

          Italien und die EU : Zahlmeister statt Sorgenkind

          „Der Norden“ Europas zahlt für „den Süden“, und Deutschland als „oberster Zahlmeister“ der EU muss für die Italiener blechen? Was für ein Irrtum!

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Dieser Artikel wurde Ihnen von einem Abonnenten geschenkt und kann daher kostenfrei von Ihnen gelesen werden.
          Zugang zu allen F+Artikeln