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Femtech : Wie weibliche Technologie die Welt voranbringt

Zwei Mädchen aus Indonesien zeigen die Unicef-App Oky auf ihren Smartphones. Bild: Unicef

Die Periode, Fehlgeburten, Menopause – in vielen Teilen der Welt sind das Tabuthemen. Zwei Projekte in Südostasien zeigen das Potential digitaler Angebote von Frauen für Frauen.

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          Als Roshni Mahtani die zündende Idee für ihr Unternehmen hatte, standen ihre Chancen auf Erfolg denkbar schlecht. Sie war jung, eine Frau – und aufgrund ihrer indischen Wurzeln eine Minderheit in ihrer Heimat Singapur, wo Chinesen den Großteil der Bevölkerung ausmachen. Auch die Geschäftsidee selbst – eine digitale Plattform, auf der sich Eltern über alle Themen rund ums Kind informieren können – stieß unter den fast ausschließlich männlichen Investoren zunächst auf wenig Begeisterung.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          „Ich wollte ein Start-up gründen zu einem Thema, mit dem nicht viele Männer etwas anfangen können“, sagt Mahtani im Gespräch mit der F.A.Z. Kindeserziehung sei langweilig, Sätze wie „wir wollen das gar nicht verstehen“ habe sie in den ersten Jahren häufig zu hören bekommen. Mahtani ließ sich nicht beirren und steckte ihr eigenes Geld in das Start-up.

          Eine gute Entscheidung: Heute, ungefähr zehn Jahre später, ist „The Asian Parent“ die größte Online-Plattform für Eltern in Südostasien. Etwa 30 Millionen Menschen aus zwölf Ländern nutzen die Seite jeden Monat. Seit dem Jahr 2018 gibt es auch eine App, die schon über eine Million Mal installiert wurde. Neben von Autoren verfassten Beiträgen zu Fragen wie „Warum pupst mein Baby so viel?“ werden dort Mahtani zufolge jeden Monat zusätzlich zehn Millionen Fragen von Nutzern gestellt und beantwortet.

          Mütter haben „andauernd“ Fragen

          The Asian Parent ist auch deshalb so erfolgreich, weil die Entstehung der Plattform in eine Zeit fällt, in der Technologien für die (gesundheitlichen) Bedürfnisse von Frauen im Aufwind sind. Seit einigen Jahren gibt es dafür sogar einen eigenen Begriff: „Femtech“. Marktbeobachter schätzen, dass die Branche in den nächsten fünf Jahren ein Marktvolumen von 50 Milliarden Dollar erreichen wird – denn auch Investoren, für die der weibliche Körper und Start-ups von Frauen generell lange Zeit eine Tabuzone waren, haben das Potential von Femtech erkannt.

          Im Juli 2019 gelang es Mahtani und ihrem 250 Mitarbeiter starken Team, mit der Fosun-Gruppe das größte privatwirtschaftliche Konglomerat Chinas als Investor zu gewinnen. Auch die Online-Handelsplattform JD.com, einer der beiden chinesischen Amazon-Konkurrenten, ist an The Asian Parent beteiligt. „Kapitalgeber können auch sehr objektiv sein, wenn sie gute Zahlen sehen“, sagt Mahtani. Die Plattform finanziert sich über Werbung und Marktforschung, Nutzer bezahlen nichts. „Wir wollen den 99 Prozent der Bevölkerung helfen, die sich bestimmte Dienste nie werden leisten können“, sagt Mahtani. In den nächsten fünf Jahren will das Unternehmen neue Märkte in Asien und Afrika erobern, einen Online-Handel aufbauen und den Umsatz auf 100 Millionen Dollar steigern.

          90 Prozent der Nutzer seien Mütter – und als Mutter habe man „andauernd Fragen“, sagt Mahtani aus ihrer eigenen Erfahrung. Die am stärksten nachgefragten Themen seien Babyentwicklung, der Umgang mit übergriffigen Schwiegermüttern und Ernährung. „Dank der Möglichkeit, anonym zu bleiben, wird aber auch viel über Tabuthemen wie Fehlgeburten, Menopause und Behinderungen von Kindern diskutiert“, sagt sie. Im Alltag vieler Frauen in Südostasien wird über solche Themen meist streng der Mantel des Schweigens gebreitet.

          Tabuthema Sexualität

          Die Unternehmerin sieht in Femtech eine große Chance, die Gesundheit von Frauen und Kindern zu verbessern. So strebt sie etwa an, mit The Asian Parent die Quote von Fehlgeburten in den sechs größten Ländern Südostasiens um 10 Prozent zu reduzieren – zum Beispiel mit Hilfe einer Funktion, die schwangere Frauen spielerisch dabei unterstützt, das Strampelverhalten ihrer Babys zu kontrollieren. Während sich Investoren und Unternehmer ob des Geldregens, den Femtech verspricht, schon die Hände reiben, verbinden sich mit dem Bereich also auch gesellschaftliche Hoffnungen.

          Gerda Binder glaubt ebenfalls an die Chancen. Die gebürtige Österreicherin arbeitet für das internationale Kinderhilfswerk Unicef und koordiniert von Bangkok aus Projekte in Südostasien und der Pazifikregion. Binder und ihr Team haben eine App entwickelt, die ein Paradebeispiel für Femtech ist – mit der aber kein Geld verdient werden soll.

          Die App Oky soll Mädchen und jungen Frauen dabei helfen, spielerisch ihre Periode zu dokumentieren und ihren Körper besser zu verstehen. Das Angebot richtet sich vor allem an junge Nutzerinnen aus Ländern, in denen Themen wie die Monatsblutung mit Stigmata behaftet und nur wenige Informationen über sie verfügbar sind. „Sexualerziehung ist in vielen Ländern ein Tabuthema“, sagt Binder.

          Digitale Einschränkungen

          In Gesprächen mit Mädchen habe sie viele traurige Geschichten gehört: „Viele Mädchen denken, sie sind krank oder müssen sterben und sind zutiefst verängstigt, wenn sie das erste Mal Blut zwischen ihren Beinen sehen.“ Mit ihren Sorgen könnten sie sich aber an niemanden wenden. Deshalb gingen sie nicht mehr zur Schule oder versteckten sich in der hintersten Reihe – in ständiger Panik vor Blutflecken auf der Kleidung. „Die Regel, etwas so Natürliches, führt für sie zu enormem Stress und sozialer Isolation“, sagt Binder.

          Der Mangel an Wissen über Sexualität verstärke zudem die Chancenungleichheit zwischen den Geschlechtern, wenn es etwa zu ungewollten Schwangerschaften komme. Vielen Mädchen werde damit die Möglichkeit einer Ausbildung und der wirtschaftlichen Unabhängigkeit genommen. Das trifft besonders für den globalen Süden zu.

          Oky soll all das ändern. Entwickelt wurde die App im Auftrag von Unicef von dem britischen Unternehmen Therapy Box, das dafür mit 400 Mädchen aus Indonesien und der Mongolei zusammenarbeitete. Sie konnten ihre Wünsche an die App in den Entwicklungsprozess einbringen. „Dabei spielten auch digitale Einschränkungen eine Rolle“, sagt Binder. So ist es etwa möglich, Oky offline zu verwenden, damit keine mobilen Daten verbraucht werden. Weil viele Mädchen außerdem kein eigenes Handy besitzen, ist die App passwortgeschützt, und mehrere Nutzerinnen können auf einem Gerät gleichzeitig ein Profil erstellen. Zudem verbraucht sie nur wenig Speicherplatz, damit sie auch auf älteren Smartphone-Modellen funktioniert.

          Nach der Pilotphase im Dezember des vergangenen Jahres soll das Open-Source-Programm nun großflächig ausgerollt werden. Finanziert wird das Projekt aus verschiedenen Geldtöpfen von Unicef, in Zukunft sollen lokale Partner aus den Bereichen Gesundheit, Bildung und Geschlechtergerechtigkeit die App tragen.

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