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Femtech : Wie weibliche Technologie die Welt voranbringt

Tabuthema Sexualität

Die Unternehmerin sieht in Femtech eine große Chance, die Gesundheit von Frauen und Kindern zu verbessern. So strebt sie etwa an, mit The Asian Parent die Quote von Fehlgeburten in den sechs größten Ländern Südostasiens um 10 Prozent zu reduzieren – zum Beispiel mit Hilfe einer Funktion, die schwangere Frauen spielerisch dabei unterstützt, das Strampelverhalten ihrer Babys zu kontrollieren. Während sich Investoren und Unternehmer ob des Geldregens, den Femtech verspricht, schon die Hände reiben, verbinden sich mit dem Bereich also auch gesellschaftliche Hoffnungen.

Gerda Binder glaubt ebenfalls an die Chancen. Die gebürtige Österreicherin arbeitet für das internationale Kinderhilfswerk Unicef und koordiniert von Bangkok aus Projekte in Südostasien und der Pazifikregion. Binder und ihr Team haben eine App entwickelt, die ein Paradebeispiel für Femtech ist – mit der aber kein Geld verdient werden soll.

Die App Oky soll Mädchen und jungen Frauen dabei helfen, spielerisch ihre Periode zu dokumentieren und ihren Körper besser zu verstehen. Das Angebot richtet sich vor allem an junge Nutzerinnen aus Ländern, in denen Themen wie die Monatsblutung mit Stigmata behaftet und nur wenige Informationen über sie verfügbar sind. „Sexualerziehung ist in vielen Ländern ein Tabuthema“, sagt Binder.

Digitale Einschränkungen

In Gesprächen mit Mädchen habe sie viele traurige Geschichten gehört: „Viele Mädchen denken, sie sind krank oder müssen sterben und sind zutiefst verängstigt, wenn sie das erste Mal Blut zwischen ihren Beinen sehen.“ Mit ihren Sorgen könnten sie sich aber an niemanden wenden. Deshalb gingen sie nicht mehr zur Schule oder versteckten sich in der hintersten Reihe – in ständiger Panik vor Blutflecken auf der Kleidung. „Die Regel, etwas so Natürliches, führt für sie zu enormem Stress und sozialer Isolation“, sagt Binder.

Der Mangel an Wissen über Sexualität verstärke zudem die Chancenungleichheit zwischen den Geschlechtern, wenn es etwa zu ungewollten Schwangerschaften komme. Vielen Mädchen werde damit die Möglichkeit einer Ausbildung und der wirtschaftlichen Unabhängigkeit genommen. Das trifft besonders für den globalen Süden zu.

Oky soll all das ändern. Entwickelt wurde die App im Auftrag von Unicef von dem britischen Unternehmen Therapy Box, das dafür mit 400 Mädchen aus Indonesien und der Mongolei zusammenarbeitete. Sie konnten ihre Wünsche an die App in den Entwicklungsprozess einbringen. „Dabei spielten auch digitale Einschränkungen eine Rolle“, sagt Binder. So ist es etwa möglich, Oky offline zu verwenden, damit keine mobilen Daten verbraucht werden. Weil viele Mädchen außerdem kein eigenes Handy besitzen, ist die App passwortgeschützt, und mehrere Nutzerinnen können auf einem Gerät gleichzeitig ein Profil erstellen. Zudem verbraucht sie nur wenig Speicherplatz, damit sie auch auf älteren Smartphone-Modellen funktioniert.

Nach der Pilotphase im Dezember des vergangenen Jahres soll das Open-Source-Programm nun großflächig ausgerollt werden. Finanziert wird das Projekt aus verschiedenen Geldtöpfen von Unicef, in Zukunft sollen lokale Partner aus den Bereichen Gesundheit, Bildung und Geschlechtergerechtigkeit die App tragen.

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