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Daten digitalisieren : Vorreiter für das papierlose Labor

Florian Hauer (links) und Simon Bungers (rechts). Bild: Matthias Lüdecke

Wissenschaftler sind Eigenbrötler, die keine moderne Technologie wollen? Von wegen: Das Berliner Start-up Labfolder kommt der Vision vom digitalen Labor immer näher.

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          Sie kennen die Probleme aus der eigenen, jahrelangen Erfahrung: Im Labor wird vielfach noch recht altmodisch gearbeitet. Sehr viel funktioniert manuell und wenig automatisiert, Notizen und Ergebnisse werden in eine Kladde geschrieben. Digitalisierung? Fehlanzeige. Simon Bungers und Florian Hauer kennen sich schon seit ihren Studienzeiten in Göttingen. Bungers wurde dort am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin im Jahr 2010 promoviert, Hauer war am Institut für physikalische Chemie. Das Fazit: Viel Zeit und auch Material sind in den Jahren für Versuche, Tests und Erhebungen eingesetzt worden, die zuvor eigentlich schon ein Kollege gemacht hatte – allein das Aufspüren der Daten war sehr langwierig oder aber die Schrift anderer Laboranten schlicht nicht zu entziffern. Am Ende war es dementsprechend oft einfacher, den Versuch selbst neu zu starten.

          Ilka Kopplin

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Schon damals kam den beiden Wissenschaftlern deshalb die Idee, das Labor endlich von seinem unübersichtlichen Papierwust zu befreien und zu digitalisieren. Im Jahr 2012 gründeten Bungers, Hauer und damals noch Mathias Schäffner schließlich das Berliner Start-up Labfolder, zu Deutsch in etwa Labormappe. Dahinter steckt die Idee einer einfach zu handhabenden, flexiblen und kostengünstigen Software, die es auch kleinen Labors ermöglicht, Kladden künftig ad acta zu legen, erzählt Mitgründer Bungers. „Laborbücher gehören zur Grundausstattung für jeden Forscher – genauso wie Gummihandschuhe oder der Kittel“, sagt er. Deshalb sei das elektronische Laborbuch eine gute Einstiegsmöglichkeit, um nach und nach auch das Labor zu digitalisieren. „2013 haben wir mit vielen Mitarbeitern in Labors gesprochen, und wir haben oft als Antwort bekommen, dass man immer mit dem Papierlabor arbeiten werde“, erzählt Bungers von den Anfängen. Der Wissenschaftler und Laborant sei eben nicht selten ein etwas eigenbrötlerischer Heimwerkertyp. „Als wir angefangen haben, gab es zwar schon Software in dem Bereich“, sagt Bungers. Allerdings sei diese recht teuer und wenig kompatibel mit anderen Programmen gewesen. Die Labfolder-Gründer setzten sich deshalb für ihr Produkt zum Ziel, dass es intuitiv benutzbar, flexibel auch für Teams einsetzbar und günstig sein sollte.

          Einfacher importieren

          Auch wenn die Entwicklung einer Software nie endgültig fertig ist, so sind die meisten Eigenschaften in der heute verfügbaren Labfolder-Software doch schon erfüllt worden: Die Daten stehen allen Forschenden einer Gruppe gleichzeitig zur Verfügung, auch die Projektplanung wird dadurch einfacher und übersichtlicher. Aufgaben lassen sich jeweiligen Mitarbeitern zuordnen, eine Kommentierfunktion vereinfacht die Kommunikation und macht so manche Mail unnötig. Texte und Tabellen können aus Word und Excel importiert werden, Programme wie Dropbox lassen sich verknüpfen, Protokolle können mit Vorlagen einfach angelegt und erstellt werden. Mit einer Suchmaschine ist das leidige Stöbern in alten Büchern vorbei, auch finden sich Daten, von denen der Laborant womöglich noch nichts wusste.

          Auch eine Kontrollfunktion ist integriert. Zum einen kann der Gruppenleiter damit Zugriffsrechte festlegen, zum anderen werden Einträge mit Ersteller, Datum und Uhrzeit dokumentiert. Für die Datensicherheit und Datenintegrität ist das eine wichtige Voraussetzung. Auch gibt es die Möglichkeit, eine digitale Unterschrift zu setzen – eine Technik, die auch von verschiedenen Behörden und Instituten akzeptiert wird, darunter die amerikanische Arzneizulassungsbehörde FDA. Die Software geht weit über eine reine Erfassung und Archivierung von Daten hinaus, sondern bietet ein System zum Labormanagement.

          Umsatz fast verdreifacht

          „Das Ziel ist es, so viele Daten wie möglich digital zu erfassen und zu speichern und den Wissenschaftlern damit zur Seite zu stehen“, sagt Bungers. 2014 hatte man ursprünglich ein Labor gesucht, das sich bereit erklären würde, Labfolder in einer Testversion zu nutzen. Mit einem Aushang in der Berliner Charité wollte das Jungunternehmen auf sich aufmerksam machen. Im Fachbereich für experimentelle Neurologie war man allerdings schnell so überzeugt, dass mittlerweile große Teile der vorklinischen Forschung des Klinikums mit der Software arbeiten. Gleiches gilt für alle Max-Planck-Institute in Deutschland, die Labfolder zu den Kunden zählt. Ebenso das National Institute of Health in Amerika. Mehr als 20000 Nutzer hat Labfolder mittlerweile auf der Welt, etwa 3500 davon sind zahlende Kunden. Der Fokus liegt dabei auf kleinen Laboren aus dem akademischen Bereich, mittelständischen Unternehmen und Start-ups. Die sogenannte Freemium-Variante ermöglicht es bis zu drei Nutzern, zunächst kostenfrei die Software in abgespeckter Form zu nutzen. Ansonsten zahlen Labore je Monat und Mitarbeiter 45 Euro – ausgenommen akademische Labore, für die es mitunter Rabatte gibt, sowie Großkunden mit eigenem Preismodell. Die Kunden nutzen dabei entweder die Cloud-Variante von Labfolder oder aber ihre eigenen Server.

          Wie viel Umsatz das Jungunternehmen macht, möchte das Management nicht sagen. Nur so viel: „Im vergangenen Jahr haben wir unseren Umsatz fast verdreifacht“, sagt Bungers. Mittlerweile arbeiten rund 20 Beschäftigte für das Berliner Start-up, man hat auch eine kleine Vertriebsorganisation in Amerika. „Es gibt eine gesunde Konkurrenz, aber wir haben uns zum Ziel gesetzt, Marktführer zu werden“, sagt der 38 Jahre alte Mitgründer. Deshalb tüftelt das Labfolder-Management an weiteren Funktionalitäten. Interessant wäre eine automatische Bestellfunktion für den Nachschub an Labormaterialien. Außerdem kann man sich Partnerschaften vorstellen, etwa mit Laborausrüstern. Wenn etwa Laborwaage und andere Gerätschaften mit Labfolder verknüpft wären, dann käme man Bungers Vision eines digitalen Labors zumindest ein Stück näher. „Daten sind letztlich überall. Die Vision wäre, wenn künftig eine Künstliche Intelligenz – ein virtueller Laborassistent – dem Forscher vorschlagen würde, an welcher Stelle er was zu tun hat“, sagt der studierte Molekular- und Neurobiologe.

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