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Gründerserie : Im Kampf für die Kaffeekirsche

Laura Zumbaum Bild: Matthias Lüdecke

Nach einer neuen Verordnung der EU stand die Gründerin Laura Zumbaum vor dem Nichts. Aber sie ließ sich nicht von der Bürokratie klein kriegen. Jetzt ist sie mit Plan B erfolgreich: einer Limonade aus grünem Kaffee.

          4 Min.

          Laura Zumbaum ist nicht zu bremsen. Von der EU nicht, von den Gesundheitsbehörden nicht und von den verkrusteten Strukturen im deutschen Einzelhandel erst recht nicht. Nicht weniger als den Kaffeehandel in der Welt fairer machen will die 29 Jahre alte Berlinerin – und versucht das, indem sie den Deutschen ihr Lieblingsgetränk einmal ganz anders serviert: in Form einer Limonade aus grünen, also ungerösteten Kaffeebohnen. Die sieht aus wie Bitter Lemon und schmeckt auch ein bisschen danach, nur weniger süß und mit einer leichten Kaffeenote. Wach machen kann das Getränk auch, in jeder Flasche steckt laut Etikett so viel Koffein wie in zwei Espressi.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Selo heißt die Limo und ist eigentlich nur eine Notlösung. Denn ursprünglich hatte Zumbaum etwas ganz anderes im Sinn. „Es ging mir nicht unbedingt darum, eine Limo zu produzieren“, erzählt sie. „Es ging mir vor allem darum, den Kaffeehandel nachhaltiger und fairer zu machen.“ Nachdem sie nach ihrem Betriebswirtschaftsstudium erste Stationen bei den Start-ups Coffee Circle und Mymuesli durchlaufen hatte, ging sie mit einer eigenen Idee an den Start: einem Erfrischungsgetränk aus der Kaffeekirsche. Da in den meisten Teilen der Welt nur die geröstete Kaffeebohne genutzt wird, landen die roten Schalen der Kaffeefrucht meistens ungenutzt im Müll. Und das, obwohl sie laut Zumbaum noch mehr Koffein enthalten. „In Anbaugebieten wie dem Jemen, Äthiopien oder Bolivien ist es ganz normal, aus den Kaffeekirschen auch Kaffee zu brühen“, erzählt sie. Die getrockneten Schalen werden dabei ähnlich wie Tee aufgegossen und ergeben ein rötliches Getränk. „Poor men‘s coffee heißt er dort.“

          Warum also nicht auch die Deutschen auf den Geschmack der Kaffeekirsche bringen, dachte Zumbaum. Von Freunden und Verwandten nimmt sie Kredite über 25.000 Euro auf, bei der Arbeitsagentur beantragt sie einen Gründerzuschuss, durch den sie sechs Monate lang 60 Prozent ihres letzten Gehalts bekommt. Das reicht für die Entwicklung des Getränks, erste Prototypen und die Gründung der Selo good beverages GmbH im Jahr 2015. Um eine erste Charge Flaschen abzufüllen, nimmt sie über eine Crowdfunding-Kampagne noch einmal 2. 000 Euro auf. Mit diesen ersten Flaschen klappert sie dann die Berliner Lokale ab, per Fahrrad. Mit Erfolg: Der rote Kaffeekirschentrunk passt gut in die Welle neuer Erfrischungsgetränke. Die coolen Hipster trinken keine Coca-Cola. Die Hauptstadt-Bohéme dürstet nach immer neuen Kreationen, und sei es nur für das ausgefallene Instagram-Foto.

          Von einem Tag auf den anderen ohne Umsätze

          Der Einstieg des Business Angels Christophe Maire erlaubt Zumbaum, ihr Geschäft etwas professioneller aufzubauen und erste Mitarbeiter einzustellen. Bald ist Selosoda auch in Bars in Hamburg und Amsterdam zu haben. Doch als der Zug gerade Fahrt aufnimmt, trudelt plötzlich eine E-Mail ein: Die Gesundheitsbehörden teilen Zumbaum mit, dass die Kaffeekirsche in Deutschland nicht „verkehrsfähig“ sei. Die EU hatte die Kaffeeschalen in die Liste der „neuartigen Lebensmittel“ aufgenommen, für die man nach einer neuen Verordnung nun eine eigene Genehmigung beantragen musste. Zumbaum hatte das nicht mitbekommen und nun ein Problem. „Von einem Tag auf den anderen standen wir ohne Umsätze da“, erzählt die junge Gründerin, noch heute etwas geplättet. „Wir hatten noch 500 Kilogramm Kaffeekirschen und 50.000 abgefüllte Flaschen auf Lager, mit denen wir plötzlich nichts mehr anfangen konnten.“

          Es ist ein langer Kampf mit den Behörden, der daraufhin beginnt. Um die Anerkennung der Kaffeekirsche als neues Lebensmittel in der EU kümmert sich ein Kaffee-Importeur aus Österreich – Ergebnis noch offen. Ein Strafverfahren gegen Zumbaum wegen des Verstoßes gegen das Lebensmittelschutzgesetz wurde zwar bald wieder fallengelassen. Erst vor wenigen Wochen aber verhängten die Behörden in der Sache ein Bußgeld gegen sie. Zumbaum bleibt aber optimistisch: Immerhin sei sie nicht vorbestraft.

          Und kleingekriegt haben die Bürokraten die Gründerin auch nicht. Stattdessen kam sie auf die Idee mit dem grünen Kaffee. Auch ungewöhnlich, aber erlaubt. Ende 2017 sammelten Zumbaum und ihre Mitstreiter wieder 25 000 Euro über eine Crowdfunding-Kampagne ein, um eine erste große Charge zu finanzieren. Und dieses Mal wird der Trunk nicht nur an einige hippe Bars verteilt. Auch erste Supermärkte konnte Zumbaum schon von ihrem Getränk überzeugen. Vor allem Bio-Märkte wie Alnatura oder Denn’s seien schnell dabei gewesen.

          „Im Handel sind die Vertriebswege sehr verrostet“

          Einen Ritterschlag erhielt Selo vor wenigen Tagen von der Einzelhandelskette Rewe, die die Limonade aus grünem Kaffee im Rahmen eines Wettbewerbs zum innovativsten neuen Produkt gekürt hat. Belohnung ist die Aufnahme von Selo in das Sortiment aller 3000 Rewe-Märkte. Hans-Jürgen Moog, der bei Rewe für den Einkauf und die Eigenmarken verantwortlich ist, bescheinigte Selo großes Marktpotential. „Auch konventionelle Supermärkte wie Rewe und Edeka wollen sich inzwischen gerade über ausgefallene Produkte vom Discounter unterscheiden“, sagt Zumbaum.

          Dennoch ist das Geschäft mühsam. „Im Handel sind die Vertriebswege oft sehr verrostet.“ Deshalb versucht Zumbaum, gemeinsam mit anderen Neulingen am Lebensmittelmarkt einen stärkeren Auftritt gegenüber den Handelsgrößen zu organisieren. „Es hilft auf jeden Fall, mit anderen kleinen Food-Herstellern Kooperationen einzugehen.“ Um für den Handel attraktiver zu werden und um im Supermarktregal nicht unterzugehen, hat Zumbaum nun auch zwei weitere Geschmacksrichtungen von Selo entwickeln lassen; natürlich wieder nichts, was nach nullachtfünfzehn klingt. Kurkuma-Orange und Hibiskus heißen die Neuen. „Mehr als eine Sorte zu haben ist wichtig, um im Handel richtig präsent sein zu können“, sagt Zumbaum.

          Ihr Fernziel bleibt allerdings noch immer, die Kaffeekirsche zu etablieren. Denn aus Sicht von Zumbaum sind die Hersteller des Kaffees die schwächsten Glieder in der weltumspannenden Wertschöpfungskette, die Weltmarktpreise bestimmen und drücken die riesigen Kaffeekonzerne. „Wenn die Kaffeebauern die Kaffeekirsche auch verkaufen können, kann das ihren Umsatz um 50 Prozent steigern“, meint Zumbaum.

          Wenn sich das bisherige Abfallprodukt ebenfalls etabliere, könnten sich die Landwirte ein zweites Standbein aufbauen. Sollte die Genehmigung als neuartiges Lebensmittel in Brüssel im ersten Anlauf scheitern, will Zumbaum daher weiterkämpfen und versucht, die Stiftungen großer Kaffeekonzerne für ihre Ziele zu gewinnen. „Meine Hoffnung ist, dass der grüne Kaffee ein Botschafter für die Kaffeekirsche sein kann.“

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