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Die Gründer : Gegen den Widerstand der Krankenkassen

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Als die Arbeit immer mehr wurde, gab Paul Brandenburg seine Arbeit als Notarzt auf. Bild: Roger Hagmann

Eine digitale Lösung für ein analoges Problem: die elektronische Patientenverfügung. Wie der Patient seinen Willen kundtun kann, wenn er dazu nicht in der Lage ist.

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          Paul Brandenburg hatte Spätdienst auf der Intensivstation. Ein Patient wurde eingeliefert, der mehr als zwölf Minuten ohne Kreislauf in der Sauna des städtischen Schwimmbades gelegen hatte. Der Notarzt, der dorthin zu Hilfe gerufen wurde, reanimierte den Bewusstlosen. „Er hatte das Pech, dass er überlebt hat“, beschreibt Brandenburg das Ergebnis des Einsatzes, das ihn zur Gründung seines Start-ups verleitete. „Für den Patienten bestand keinerlei Chance auf Genesung oder aus dem Koma wieder zu erwachen. Es lag aber keine Patientenverfügung vor“, sagt Brandenburg, Facharzt für Allgemein- und Notfallmedizin, der weitere Notsituationen kennt, in denen die Verfügung nicht auffindbar oder derart formuliert war, dass sie für den Mediziner keine konkrete Aussagekraft hatte.

          Er überlegte, wie ein System aussehen könnte, das die Informationen über die gewünschte Behandlung des Patienten zum Zeitpunkt des Notfalls für den behandelnden Arzt bereithält. Drei Jahre lang stellte er zusammen mit anderen Ärzten, Psychologen und Medizin-Juristen Überlegungen an.

          Nur ein Drittel der Deutschen hat eine Patientenverfügung

          Als die zeitliche Beanspruchung aus dem Start-up einen Umfang annahm, der es Brandenburg nicht mehr erlaubte, auch noch in Vollzeit als Notarzt tätig zu sein, kam der Sprung ins kalte Wasser: Er nahm bei der Bank einen Privatkredit auf. „Ich war von der Idee derart überzeugt, dass ich persönlich ins Obligo gegangen bin“, beschreibt Brandenburg seine ersten Schritte als Unternehmer.

          Laut Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2014 ist ein Marktpotential für sein Vorhaben vorhanden: Nur ein Drittel der deutschen Bevölkerung besitzt eine Patientenverfügung, und mehr als 70 Prozent planen, eine zu erstellen. Im April 2015 gründete Brandenburg in seiner Heimatstadt Berlin das Unternehmen Dipat, das elektronische Patientenverfügungen anbietet. Der Kunde füllt online einen elektronischen Fragebogen mit Fragen zu Vorerkrankungen und bestimmten Medikamenten aus – aber auch zur Physis, die erhalten oder hergestellt werden soll, wenn der Patient nicht mehr selbst entscheiden kann.

          Der Kunde wird befragt

          Fragen wie „Sie verlieren dauerhaft die Fähigkeit, Sprache zu verstehen. Was andere sagen, hört sich nach unverständlichen Lauten an. Lesen können Sie jedoch. Würden Sie den Tod vorziehen?“ können in Abstufungen bejaht oder verneint sowie mit „Ich weiß es nicht“ beantwortet werden. Dabei erhält der Kunde online Hilfestellung und kann Rückfragen stellen.

          Den bekundeten Behandlungswillen überträgt der Arzt im Notfall in entsprechende Maßnahmen: Der umgangssprachlich verwendete, aber medizinisch unpräzise Begriff der „künstlichen Beatmung“ wird, je nach Kontext, in „invasive Beatmung“, „Intubation“ oder „Anlage einer Trachealkanüle“ übersetzt, um mit der entsprechenden Folge unerwünschte Behandlungen auszuschließen. „Es wird in der medizinischen Wirklichkeit sehr schnell sehr konkret. Weit gefasste Beschreibungen versagen“, gibt Brandenburg zu bedenken. Deshalb müsse man den Kunden im Vorfeld befragen, was er genau wolle.

          Ein Hinweis auf der Versichertenkarte

          Die ausgedruckte und unterschriebene Patientenverfügung wird bei Dipat und beim Kunden hinterlegt. Der Arzt wiederum hat auf die Verfügung bei Dipat Zugriff, um sie im entscheidenden Moment einzusehen. „Der Kunde erhält einen Aufkleber für die Versichertenkarte seiner Krankenkasse, auf der ein Code steht, über den die Patientenverfügung online abrufbar ist.“ Dass dies im Notfall funktioniert, weiß er aus seiner Zeit als Notarzt. „Natürlich geht es bei einem Einsatz vor allem darum, den Menschen zu retten. Dennoch müssen Rettungssanitäter schon mit Blick auf die Abrechnung routinemäßig nach der Versichertenkarte suchen“, sagt Brandenburg.

          Ein Code auf der Versichertenkarte ermöglicht den Zugang zur Patientenverfügung.
          Ein Code auf der Versichertenkarte ermöglicht den Zugang zur Patientenverfügung. : Bild: dpa

          Um sein Unternehmen professionell aufzustellen, bewarb sich der Mediziner beim SpinLab der Handelshochschule Leipzig und bekam im Accelerator-Programm für sechs Monate die Gelegenheit, sich im Bereich Betriebswirtschaft, Recht und Marketing unterstützen zu lassen. Dort traf er auch den Entwickler, mit dem der Gründer den Spagat zwischen Datensicherheit und schnellem Informationszugang für die Rettungskräfte bewerkstelligt: Die verschlüsselte Software wurde programmiert und die Daten aus Datenschutz-Gründen auf Servern ablegt, die in Deutschland gehostet werden.

          Große Investoren steigen ein

          Brandenburgs Geschäftsmodell ist seiner Zeit möglicherweise noch etwas voraus. Seine Annahme, dass die Krankenkassen die Monatsbeiträge für ihre Mitglieder übernehmen würden, hat sich nicht bestätigt. Zwar habe er lobende Worte erhalten, da ungewünschte Behandlung und damit verbundene Kosten vermieden werden könnten, dennoch erschien die Idee den Krankenkassen kommunikativ zu heikel. Man habe ihn vertröstet mit den Worten: „Wenn der Gedanke in der Bevölkerung angekommen ist, dann sprechen wir noch mal.“

          „Anbieter auf dem E-Health-Markt brauchen Durchhaltekraft“, weiß Brandenburg. „Nur sehr wenige bekommen mit ihren Produkten eine Kassenerstattung.“ Er bietet seinen Service nun gegen eine jährliche Gebühr an, die einem Monatsbeitrag für ein gutes Fitness-Studio entspricht. Nachdem der Bundesgerichtshof im Februar 2017 entschieden hatte, dass eine Patientenverfügung nur dann rechtliche Gültigkeit erlangt, wenn sie konkrete Behandlungsentscheidungen in konkreten Behandlungssituationen aufweist, fanden sich auch Investoren: Im April 2017 stiegen der Technologiegründerfonds Sachsen und die Madsack Mediengruppe mit 2 Millionen Euro ein. Gleichzeitig siedelte Brandenburg sein Unternehmen mit zehn Mitarbeitern in Leipzig an und hatte Ende Juli 2017 nach eigenen Angaben 5000 Kunden. Vor wenigen Tagen ist auch der Axel Springer Verlag als Investor eingestiegen, um Medienleistungen im Umfang von einer Million Euro zu erbringen.

          Dipat plant bis Ende 2018 einen Umsatz von 2,4 Millionen Euro mit 130000 Nutzern. Dafür wirbt er analog in ganzseitigen Zeitungsanzeigen. „Mit steigendem Alter wächst das Interesse an unserem Produkt. Fast die Hälfte unserer Kunden ist über sechzig und eher offline“, berichtet Brandenburg. Der Patient, dessen Schicksal die Initialzündung für sein Start-up war, verstarb nach einigen Monaten im Koma an einer Lungenentzündung. An das Leiden der Angehörigen, die das Ableben täglich mit ansahen, denkt er noch heute.

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