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Gründerserie : Die Lawinenretter von der Elbe

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Die Gründer von BluebirdMountain v.l.n.r. Markus Mueller, Konstantin Kollar, Moritz Obermeier, Daniel Leppert mit der Signal-Drohne „PowderBuddy“ im Labor. Bild: Henning Bode

Werden Skifahrer von Lawinen erfasst, ist die Suche oft langwierig und ein Rennen gegen die Uhr. Eine Drohne soll künftig Fundorte sofort anzeigen. Vier junge Gründer sind auf die Idee gekommen.

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          Gesicherte Pisten zu verlassen bedeutet stets erhöhte Gefahr. Notfallprävention mit Lawinen-Airbag, Schaufel, Schnorchel, Sonde und sogenanntem LVS-Gerät (Lawinenverschüttetensuchgerät) wird in riskantem Gelände dringend empfohlen. Auch damit können sich Lawinenopfer, allerdings nur selten, aus eigener Kraft befreien, und bis die Bergwacht kommt und die Unglücksstelle lokalisiert hat, vergeht kostbare Zeit. Schon nach zehn Minuten sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit rapide. Eine neue Technologie namens „Powder-Buddy“ will helfen, die Suche nach Verschütteten zu erleichtern und zu beschleunigen.

          Es handelt sich dabei um einen Flugroboter, den ein Skifahrer in die Luft katapultieren kann, wenn er von einer Lawine erfasst wird. Er trägt das faltbare Objekt in einem Abschussrohr von der Größe einer Thermoskanne im Rucksack mit sich und zieht im Ernstfall die Reißleine. Die freigelassene Drohne steigt dann aus der Lawine auf, bleibt über der Unglücksstelle stehen und zeigt mit Hilfe des von vielen Skifahrern genutzten Rettungsfunksystems LVS die Position des Verschütteten an. Helfer sparen wertvolle Zeit bei der Bergung, weil sie nicht mehr auf einem mehrere hundert Meter breiten Lawinenfeld das Erstfunksignal orten müssen.

          Der Flugkörper, der die schwierige Suche in Lawinen damit extrem verkürzt, wurde von drei Absolventen der Technischen Universität Hamburg und einem Kollegen von der Universität Göttingen seit Ende 2015 entwickelt. Zu seiner Vermarktung gründeten der Energie- und Umwelttechniker Konstantin Kollar (1987 geboren), der Wirtschaftswissenschaftler Daniel Leppert (1986), der Flugzeug-Systemtechniker Markus Müller (1987) und der IT-Experte Moritz Obermeier (1988 geboren) im September 2017 in Hamburg die gemeinsame Firma Bluebird Mountain GmbH. Das Unternehmen will langfristig mit einer ganzen Produktpalette von Lawinenrettungsdrohnen zum Marktführer werden. In diesem Frühjahr haben die Anfangsdreißiger in den deutschen und österreichischen Alpen mit ersten Kunden in einer Kleinserie von 25 Exemplaren den inzwischen achten Prototyp ihres Powder-Buddy getestet.

          Markteinführung erst 2020

          Seit ihrer Studentenzeit verbringen die vier passionierten Skifahrer, die vor allem Hänge mit unberührtem Tiefschnee lieben, ihren Winterurlaub zusammen in den österreichischen Alpen. Bei ihren Schwüngen auf ungesichertem Terrain fuhr stets die Sorge mit, womöglich selbst unter Schneemassen begraben zu werden oder Freunde nicht mehr retten zu können. Zwar hatten sie immer alle verfügbare Technik dabei, auch Kurse zur Lagebeurteilung und zum Einsatz der Suchgeräte absolviert. „Aber wir waren uns unsicher, ob wir im Ernstfall in der Lage wären, in kürzester Zeit eine Suche durchzuführen“, erzählen sie. Mit drei Ingenieuren in der Gruppe, noch dazu in der Kombination passender Fachrichtungen, lag es nahe, über eine schnelle, einfache technische Lösung für die Verschüttetensuche im Lawinenfall nachzudenken. Als ihre befristeten Arbeitsverträge ausliefen, wagten sie sich am ehemaligen Studienort Hamburg an ihr Projekt Powder-Buddy. Da der Entwicklungs- und Zertifizierungsaufwand für ihr Sicherheitsprodukt, das Menschenleben retten soll, hoch ist, planen sie die Markteinführung erst nach 2020. Bis dahin wollen sie verschiedene Entwicklungsstufen von Lawinensuchdrohnen anbieten und mit alternativen Offerten schwarze Zahlen schreiben.

          „Abhängig von der Zertifizierung starten wir 2019 die Serienfertigung mit ,Powder-Bee‘, einer Suchdrohne, die das LVS-Erstsignal bei Verschüttung automatisch findet“, sagt Konstantin Kollar, der zuvor zwei Jahre bei der European Space Agency in den Niederlanden gearbeitet hat. Auf „Powder-Bee“ soll fortentwickelt „Powder-Beagle“ folgen, um den genauen Verschüttungsort ausfindig zu machen. „Powder-Buddy“ selbst wird voraussichtlich 2022 in zwei Ausführungen marktreif: in einer Stand-alone-Variante (mit Rucksack, Abschussrohr, Auslösung und Drohne) und einer weiteren mit Lawinen-Airbag und gemeinsamer Auslösung für beide Systeme.

          Anders in jedem Land

          Seit ihrem Start 2016 haben die vier Jungunternehmer etwa 300.000 Euro benötigt. Hauptkostenpunkte waren Gehälter für sie selbst und ihre drei Mitarbeiter in Konstruktion, Elektronik und Software. Als zweitgrößte Ausgabe schlug das Material für die Kleinserie ihres Flugroboters zu Buche. Finanziert wurde über öffentliche Förderprogramme, so über das Exist-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums mit Zuschüssen vom Europäischen Sozialfonds (125.000 Euro) sowie über Gelder von „InnoRampUp“ aus dem Innovationsstarterfonds der Investitions- und Förderbank Hamburg (135.000 Euro). Außerdem steckten Kollar, Leppert, Müller und Obermeier ihre gesamten Ersparnisse von 40.000 Euro in das Unternehmen. Derzeit bereiten sie ihre erste Finanzierungsrunde durch Investoren vor. Sie wollen etwa 2 Millionen Euro einsammeln.

          Als Zielgruppe ihrer Markierungsdrohnen sehen die Gründer alle Skifahrer, Snowboarder und Schneeschuhwanderer, die sich abseits gesicherter Skipisten bewegen, dazu auf dem nordamerikanischen Markt Schneemobilfahrer. Im Alpenraum gebe es 3 Millionen Tourengeher, die sich ausschließlich außerhalb von Skigebieten aufhalten, auch viele sogenannte Variantenfahrer, die mit der Seilbahn auf den Berg, aber im ungesicherten Gelände herunterfahren. Hinzu kämen in Nordamerika zusätzlich 8 Millionen Tourengeher sowie ebenso zahlreiche Variantenfahrer.

          „Powder-Buddy“ wird nach derzeitigen Schätzungen etwa 2000 Euro brutto für den Endkunden kosten. Außerdem denken die Gründer über eine Mietlösung nach, die von den gesetzlichen Rahmenbedingungen abhängt. „Allein in den zwei Jahren unserer Entwicklung haben wir in Hamburg drei Anpassungen der Drohnen-Aufstiegserlaubnis erlebt“, klagt Konstantin Kollar. „Die Drohnenverordnung der Europäischen Union wird in den EU-Ländern sehr unterschiedlich ausgelegt, so dass wir unter Umständen unser Produkt für jedes Land anders anbieten müssen.“

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