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Onlineplattform Energieheld : Die private Energiewende

  • -Aktualisiert am

Philipp Lyding, Pascal Ludynia und Michael Kessler Bild: Daniel Pilar

Viele Hauseigentümer möchten ihre Immobilie energetisch sanieren. Aber wer liefert was, wer fördert wen? Auf solche Fragen suchte auch einer der Gründer der Plattform „Energieheld“ Antworten - und machte sein eigenes Unternehmen daraus.

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          Online-Start-ups geben sich immer häufiger heroisch bei ihrer Namenswahl, heißen „Lieferheld“, „Rabattheld“ oder „WG Held“. Auch „energieheld“ aus Hannover macht mit diesem Suffix selbstbewusst auf sein Angebot aufmerksam: Die digitale Plattform berät Hausbesitzer individuell rund um energieeffiziente Gebäudesanierung. Dazu gehören Bau- und Fördermöglichkeiten, die Verbindung mit passenden Handwerkern und die Koordination zwischen den Beteiligten im Sanierungsprozess. Über www.energieheld.de bekommen Kunden die optimale Modernisierung ihrer Immobilie zum besten Preis, heißt es auf der Website. Entlohnt wird die Dienstleistung mit einer erfolgsbasierten Provision durch die Fachbetriebe, die das Portal digital an die Kunden vermittelt.

          Energieheld wurde 2012 von drei niedersächsischen Wirtschaftsingenieuren gegründet, die seitdem gemeinsam die Geschäfte führen. Philipp Lyding aus Hannover (geboren 1979) und Michael Kessler aus Göttingen (1981) waren Kommilitonen, der Jüngste, Pascal Ludynia aus Gifhorn (1987), fand über gemeinsames Fußballspielen dazu. Kessler, promoviert über hocheffiziente Solarzellen, brachte aus einer früheren Tätigkeit in Berlin Berufserfahrung im E-Commerce mit. Lyding sammelte am Fraunhofer Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik digitale Erfahrung im Projekt- und Prozessmanagement dieser Branche. Die Kombination von Energie und Digitalisierung bei Kessler wie bei Lyding beförderte die Idee von Energieheld.

          Der eigentliche Funke kam von Kesslers Schwierigkeiten bei der energetischen Sanierung seines Göttinger Elternhauses. „Man muss sich durch viele Handwerkerforen lesen, wird mit gesetzlichen Standards, Fördermöglichkeiten und Zertifizierungen konfrontiert und verliert so schnell den Überblick über die Kosten“, erinnert sich der heutige Energieheld-Geschäftsführer. Mühsam trug er damals verfügbare Informationen zusammen, fand auch heraus, welche Handwerker zu dem Vorhaben nötig und in der Region aufzutreiben waren. Im Kleinformat entstand, was zur Geschäftsidee von Energieheld wurde - eine digitale Plattform, die alle Informationen zur energieeffizienten Modernisierung eines Hauses gebündelt bereitstellt und passend Handwerker vermittelt.

          Große Anfangsinvestitionen waren nicht nötig

          Bedarf für ihr Online-Angebot sehen die Energieheld-Gründer genug. Sie gehen davon aus, dass vor allem die Fülle offener Fragen klimaschutzfreundliche Hausbesitzer von energieeffizienter Modernisierung abhält. In diese Lücke steigen sie ein: „Gebäude sind mit 40 Prozent des gesamten deutschen Energieverbrauchs der größte Treiber des Klimawandels“, so Philipp Lyding. „Allein in Deutschland wollen das jährlich mehr als eine Million Immobilienbesitzer ändern und ihren Energieverbrauch reduzieren, um dadurch Geld zu sparen und zusätzlich einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.“ Die unabhängige Energieheld-Plattform mache die Auswahl und den Prozess energetischer Modernisierung für Sanierungswillige so effizient, transparent und online wie möglich. Mit mehr als 3,8 Millionen Besuchern sei die Website inzwischen Marktführer in dem kaum digitalisierten Multimilliarden-Wachstumsmarkt. „Schon jetzt greifen 250 000 Interessenten monatlich auf unser Portal zu, mehr als 3000 davon bitten um Beratung, und ein Großteil lassen sich dann Handwerker vermitteln“, berichtet Lyding.

          Energieheld, zunächst als haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaft gegründet, wurde später in eine GmbH umgewandelt. Ihr ursprüngliches Konzeptpapier habe relativ schnell eine erste regionale Förderung mit Anstoßfinanzierung und Büroräumlichkeiten erhalten, so dass die Firmengründung zeitgleich umgesetzt werden konnte, erzählt Philipp Lyding. Der Businessplan sei Grundlage für Förderprogramme wie „Startup Impuls“ aus Hannover gewesen. Online existiert die Firma seit Dezember 2012. Am Markt aktiv wurde sie 2013. Große Anfangsinvestitionen waren offenbar nicht nötig, und es fielen nur geringe Personalkosten an. Die Gründer selbst traten durch ihre Arbeit und ein wenig Eigenkapital von 20.000 Euro in Vorleistung. Nach ersten signifikanten Umsätzen gaben seit 2013 namhafte Business Angels der Digitalszene, darunter Martin Sinner (Vorstand Saturn/Media Markt Online, Gründer Idealo), Robert Gentz (Vorstand Zalando SE) und Philip Magoulas (Shore GmbH - ehemals Zalando) frisches Geld - bislang 200 000 Euro. Wichtig an diesen Investoren sei auch deren „tiefgreifende Erfahrung im Aufbau und der Skalierung von digitalen Unternehmen sowie ihr exzellentes Netzwerk mit wertvollem Know-how, auf das Energieheld jederzeit zurückgreifen kann“, betont Lyding.

          15 Mitarbeiter an zwei Standorten

          Mit der Entwicklung ihres Unternehmens sind die drei Gründer sehr zufrieden. Energieheld zählt aktuell 15 Mitarbeiter, agiert an den beiden Standorten Hannover und Bremen, verfügt zudem im Raum Niedersachsen über ein breites Fachpartnernetzwerk. Bewertet wird das Unternehmen mit 3,5 Millionen Euro. Konkurrenz wie „Thermondo“, „Ventoro“, „Vitraum“ oder „Heizungsfinder“ fürchtet Energieheld nicht. Auch wenn es zunächst nicht ganz einfach gewesen sei, das komplexe eigene Modell am Markt zu etablieren, vertraut das Gründertrio auf sein Alleinstellungsmerkmal - die alle Gewerke übergreifende, beratungsintensive Offerte „aus einer Hand“. Das Vertrauen ist offenbar gerechtfertigt. „Mit einer erreichten Profitabilität im letzten Quartal 2015 und einem Jahresumsatz von 350 000 Euro, also einem Plus von mehr als 100 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wollen wir nun im gesamtdeutschen Markt durchstarten.“

          Um weitere Standorte sowie eine Plattform in Österreich und der Schweiz zu eröffnen, ferner den IT-Bereich zu stärken und Software-Lösungen für Handwerksbetriebe, dazu Partnermodule für Stadtwerke und andere externe Firmen anzubieten, sammelt Energieheld seit Anfang Januar über die Crowdinvestingplattform „Companisto“ neues Geld ein. Inzwischen ist die Investitionsschwelle von 100.000 Euro weit überschritten, die angestrebte Summe von 500.000 Euro aber noch nicht erreicht.

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