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Gründerserie : Das Facebook für Nachbarn

Christian Vollmann (links) und Till Behnke Bild: Matthias Lüdecke

Ob Leihoma oder Leiter: Knapp eine Million Nachbarn helfen sich über die Plattform Nebenan.de. Die Gründer verdienen damit zwar noch kein Geld. Das soll sich aber bald ändern.

          3 Min.

          Dass ihr Start-up den Zeitgeist trifft, merkten Christian Vollmann und Till Behnke spätestens in dem Moment, als eine 80 Jahre alte Dame in ihr loftartiges Büro im Berliner Stadtteil Kreuzberg spazierte. Dieser Anmeldeprozess im Internet, der sei ihr zu kompliziert, ließ sie die beiden wissen, aber mitmachen würde sie bei Nebenan.de trotzdem gern. Und so setzten sich die Gründer mit ihr an einen Rechner und füllten Schritt für Schritt das Online-Formular aus.

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Auf der Seite von Vollmann und Behnke dreht sich alles um Nachbarschaftshilfe im digitalen Zeitalter. Eltern suchen über die Plattform eine Leihoma für ihren Nachwuchs, Altbau-Bewohner nach einer Leiter, um an ihre Stuckdecken zu kommen. Auch manche Joggingpartner haben sich so schon gefunden. Die ersten Nutzer warb Gründer Christian Vollmann vor drei Jahren noch höchstpersönlich an – nachdem er schon mehrere Jahre im Berliner Scheunenviertel wohnte, aber wie so viele berufstätige Menschen wenig bis gar keinen Kontakt zu seinen Nachbarn hatte.

          Man muss dazusagen, dass die Idee schon damals keine ganz neue war. Der Pionier unter den Nachbarschaftsnetzwerken heißt Nextdoor, kommt aus den Vereinigten Staaten und ist seit 2011 auf dem Markt. Längst hat Nextdoor auch eine deutsche Seite, aber Vollmann legt Wert darauf, dass sich die Angebote unterscheiden. Weniger Datenanalyse und Werbung, mehr Transparenz – man könnte sagen, Nebenan.de will deutscher sein als der amerikanische Rivale. „Wir werden keine Psychogramme von Nutzern erstellen“, sagt Vollmann mit Blick auf die umstrittenen Geschäftspraktiken von Facebook.

          Den Gründern geht es zunächst um schnelles Wachstum

          Doch diese Zurückhaltung wirft natürlich auch die Frage auf, wie die Plattform auf lange Sicht eigentlich Geld verdienen will. So genau wissen das die beiden Gründer selbst noch nicht. Gerade erst haben sie in einer Finanzierungsrunde von Investoren wie Lakestar und Burda 16 Millionen Euro eingesammelt. Das verschaffe ihnen zwei bis drei Jahre Zeit, um am Geschäftsmodell zu feilen, sagen sie. Die Gründer können sich beispielsweise kostenpflichtige Premium-Profile vorstellen, für Handwerker, öffentliche Institutionen, aber auch Privatnutzer, die keinerlei Werbung sehen wollen. Mit einem Beitrag von einem Euro im Monat könnte sich das vielleicht schon rechnen, schätzen sie, aber das müsse die Zukunft zeigen.

          Derzeit geht es bei Nebenan.de wie bei so vielen Start-ups vor allem darum, möglichst schnell zu wachsen. Bislang sind rund 800.000 Nutzer in 6500 Nachbarschaften in Deutschland über die Plattform vernetzt. Die Mitarbeiter des Start-ups definieren dabei selbst, welche Straßenzüge ein Viertel umfasst. „Es gibt da kein Register, auf das wir zugreifen könnten“, sagt Vollmann. Rund 100 Teilnehmer braucht eine Gruppe nach den Erfahrungen der Gründer mindestens. Sonst sei die Gefahr zu groß, dass Fragen unbeantwortet bleiben und die Nutzer sich schnell wieder verabschieden.

          In besonders beliebten „Kiezen“ in Berlin, aber auch in Frankfurt, Hamburg oder München gibt es diese Schwierigkeiten nicht. Dort sei mitunter schon mehr als jeder fünfte Haushalt angemeldet. Das sonst in sozialen Netzwerken weitverbreitete Problem von Beleidigungen und Beschimpfungen anderer Nutzer beobachten die Gründer nach eigener Aussage nur ganz selten. Zum freundlich bis kumpelhaften Tonfall trägt vermutlich wesentlich bei, dass sich jeder neue Nutzer etwa mit seinem Personalausweis als echter Bewohner seines Viertels ausweisen muss. Und dass alle auf der Seite auch mit ihren echten Namen erscheinen. „Die Leute gehen anders miteinander um“, sagt Behnke. „Man könnte sich ja jederzeit auf der Straße begegnen.“

          Neben Deutschland hat Nebenan.de seit kurzem einen Ableger in Frankreich, fünf weitere Länder sind für die kommenden zwei Jahre geplant. Welche das sind, wollen die Gründer mit Blick auf die Konkurrenz lieber noch nicht verraten. „Wir haben auf jeden Fall eine europäische Vision“, sagt Behnke. Und sie sind überzeugt, dass sich ihr Geschäftsmodell auch durch die Expansion gut rechnen könnte. Derzeit arbeiten rund 45 Mitarbeiter für das Start-up, für ungefähr doppelt so viele ist in dem Kreuzberger Hinterhof-Bau Platz. Viel mehr seien vermutlich auch gar nicht nötig, um die verschiedenen Länder-Plattformen zu steuern, sagt Behnke.

          Förderung von sozialen Projekten

          Ganz so groß ist der Druck, bald Geld zu verdienen, ohnehin nicht – zumindest nicht für seinen Kompagnon Christian Vollmann. Seit dieser im Jahr 2008 die Videoplattform MyVideo an Pro Sieben Sat 1 verkaufte und später die erfolgreiche Partnervermittlung eDarling mitgründete, dürfte er finanziell ausgesorgt haben. Zudem bewies er anschließend als Start-up-Finanzier ein gutes Händchen, erkannte zum Beispiel früh das Potential des Wissenschaftsportals Researchgate. Doch auch wenn sich Vollmann nach seinen ersten Start-up-Engagements stärker sozial engagieren wollte: Der Ehrgeiz, aus Nebenan.de ein profitables Unternehmen zu machen, treibt ihn trotzdem an.

          Das gilt auch für seinen Kompagnon Till Behnke, der einst die Online-Spendenplattform Betterplace.de mitgründete und danach gerne etwas machen wollte, bei dem er nicht allein auf Spenden und Sponsoren angewiesen war. Nun leisten sich die beiden den Luxus, über eine an Nebenan.de angedockte Stiftung soziale Projekte zu fördern – etwa den Nachbarschaftstag, der am 25. Mai stattfindet. Neben den Schreibtischen der Mitarbeiter stapeln sich schon die Boxen mit Kreidestiften, Spielen und anderen Utensilien für ein Nachbarschaftsfest. Mitmachen kann jeder – spätere Vernetzung nicht ausgeschlossen.

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