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Gründerserie : Die digitale Nest-Verwaltung

  • -Aktualisiert am

Anke Odrig, Gründerin der Firma Little Bird in ihrem Arbeitszimmer Bild: Matthias Lüdecke

Die Suche nach einem Kita-Platz kostet meist Zeit und Nerven. Hier setzt „Little Bird“ an: Das Unternehmen will Kommunen und Eltern das Leben per Software leichter machen.

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          Die Geschichten, die Eltern über ihre Suche nach einem Kita-Platz erzählen, sind in der Regel Schauergeschichten. Viele und sehr lange Wartelisten kommen darin vor, Mehrfachbewerbungen, selbstgebackene Kuchen, Probespielnachmittage und zahlreiche Telefonate, um sich „noch mal zurückzumelden“. Auch Anke Odrig hat das durchlitten, als sie neu nach Berlin gezogen war, mit Baby und frisch getrennt. Das muss auch anders gehen, dachte sie sich damals. Und dass man diese Kita-Sucherei dringend digitalisieren müsse.

          Heute sitzt die Zweiundvierzigjährige in ihrem Büro in Prenzlauer Berg und klickt sich durch das Programm ihrer Firma, mit dem inzwischen mehr als hundert Kommunen überall in Deutschland ihre Betreuungsplätze digital verwalten. 35 Mitarbeiter hat Anke Odrig, 15 davon Informatiker. Little Bird heißt ihr 2009 gegründetes Unternehmen – weil die Kitaplatz-Suche die Suche nach einem Nest ist und weil die Little-Bird-Software den Städten und Gemeinden eine Art Vogelperspektive auf die Betreuungssituation erlaubt. Das Baby, mit und wegen dem Anke Odrig damals gründete, wird bald elf. Ein fünfjähriger Bruder ist dazugekommen, ihr neuer Mann arbeitet im Unternehmen mit. In den Büroräumen zieren blaue Vögelchen die Wände und Vogelhäuschen die Regale, mittags kochen alle zusammen in der großen Küche.

          Ganz holperfrei allerdings war der Weg dorthin nicht. Am Anfang war Anke Odrig nicht einmal sicher, ob sie wirklich ein Unternehmen gründen oder nur ihre Idee verkaufen würde. Klar war ihr nur, dass sie in ihren alten Job beim Softwarekonzern SAP nicht zurückkonnte; die Dienstreisen wären unvereinbar gewesen mit ihrer neuen Rolle als alleinerziehende Mutter. Sie sah sich zunächst an, wie andere Internet-Portale gemacht waren, etwa für die Suche nach Flügen oder Mietwagen. Ein Kitaplatz sei natürlich etwas anderes und viel persönlicher, sagt sie. „Aber letztlich gibt es auch da viele dezentrale Informationen, und man bekommt keinen Überblick.“

          Es hat alles viel zu lange gedauert

          Am Anfang schwebte ihr eine Plattform vor, die Eltern die Suche nach einem Kindergartenplatz erleichtert. Dann aber lernte sie Sylvia Röder kennen, Leiterin des Schul- und Familienamtes im sächsischen Heidenau. „Sie hat mir die Sicht der Städte erklärt“, sagt die Unternehmerin. Dadurch war ihr klar: Kindergärten und Kommunen müssen mit ins Boot, ein Elternportal reicht nicht. Eine Art Buchhaltungssoftware für Kitas muss her, die den gesamten Alltag abbildet: von Platzvergabe und Betreuungsvertrag bis Personalplanung. Anke Odrig nahm das Abfindungsangebot ihres damaligen Arbeitgebers an und legte los. Aber: „Es hat alles viel zu lange gedauert“, sagt sie über die Anfänge. Die Kommunen, denen sie ihre Idee vorstellte, wollten das Projekt nicht vorfinanzieren. „Kommen Sie wieder, wenn Sie ein fertiges Produkt haben“, hieß es. Deshalb besorgte sie sich bei der Volksbank einen Kredit. Der aber reichte nicht für die Dimensionen, in denen sie dachte.

          Der Durchbruch kam, als sie das Program „Pro FIT“ der Investitionsbank Berlin entdeckte, mit dem technologische Innovationen gefördert werden. 2010 bekam sie den Zuschlag – und ein Darlehen von fast einer Million Euro. Das Konzept hatte sie da schon ausgetüftelt, jetzt konnte sie Leute einstellen. Im Sommer 2010 war es so weit: Die Stadt Heidenau, deren Amtsleiterin das Projekt ja von Anfang an begleitet hatte, setzte die Little-Bird-Software als erste Kommune ein. Heute nutzen 84 Städte und Gemeinden das System, 20 weitere stehen in den Startlöchern. Jüngster Neuzugang und bislang größter Kunde ist Köln.

          Anke Odrig, die 2015 für den Deutschen Gründerpreis nominiert war, strahlt eine tatkräftige Munterkeit aus, die ansteckt. Wenn sie lacht, und das tut sie ziemlich oft, dann lacht ihr ganzes Gesicht. Und sie hat kein Problem damit, offen auch über Schwierigkeiten zu sprechen. Man merkt ziemlich schnell, wie sehr sie das, was sie tut, auch heute noch begeistert. „Die ersten drei Jahre waren im Vertrieb die Hölle“, gibt sie unumwunden zu. Kein Wunder. Das Geschäftsmodell von Little Bird lässt zwei Welten aufeinanderprallen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: innovatives, wendiges Start-up trifft auf Behördenapparat. Der Kulturschock ist programmiert.

          „Kommunen überlegen sich natürlich dreimal, ob sie eine kleine, neue Firma beauftragen“, sagt die Gründerin und Geschäftsführerin. Wer könne schon wissen, ob es sie morgen noch gebe. „Wir machen neben unserer Software auch viel Kommunikations- und Überzeugungsarbeit.“ Manchmal seien Bürokratie und lange Entscheidungswege die größten Hindernisse. Auf der anderen Seite aber seien Städte und Gemeinden gute und treue Kunden, die konstruktiv mitarbeiteten.

          Die Little-Bird-Software als Portallösung mit Datenbank

          Mit jeder neuen Kommune, die sie als Referenz vorweisen konnten, liefen die Geschäfte besser. 2014 erreichte Little Bird die schwarze Null; dieses Jahr rechnet Anke Odrig mit 1,2 Millionen Euro Umsatz. Inzwischen ist der Social Venture Fund Ananda mit an Bord, der Wagniskapital in soziale Geschäftsmodelle investiert. Auch die Gründerin selbst hat noch einmal in ihr Unternehmen investiert, ebenso ein Business Angel. Anke Odrig aber hält mit 55 Prozent noch immer die Unternehmensmehrheit.

          Die Little-Bird-Software, im Grunde eine Portallösung mit Datenbank, funktioniert über Schnittstellen zu den IT-Systemen der Kommunen und Kita-Träger. Über die Benutzeroberflächen können die Kindergärten ihre Belegungssituation in den nächsten Monaten abrufen, Anmeldungen, Wartelisten, Verträge, Stammdaten der Kinder und selbst Bewerbungen verwalten. Eltern wiederum können sich einen Überblick über die Betreuungseinrichtungen in ihrer Stadt verschaffen, sich bewerben und auf im Hintergrund vernetzte Wartelisten setzen lassen. Die Kommune hat durch die Datenbank einen genauen Überblick, wie viele offene Plätze es gibt, wie viele Bewerber je Platz – und wenn jemand einen Platz angenommen hat, bereinigt sich die Warteliste in Echtzeit selbst. Karteileichen auf endlos langen Wartelisten gibt es nicht mehr. Die Kosten für das System richten sich nach der Anzahl der Kindertagesstätten in der jeweiligen Kommune. Erste Städte nutzen das System schon zusätzlich für die Verwaltung von Hortplätzen und Tagespflege; die Vergabe von Grundschulplätzen soll folgen.

          Anke Odrig will aber auch Eltern in Städten helfen, die nicht auf eine zentrale und digitale Verwaltung ihrer Kinderbetreuungsangebote setzen können oder wollen. Künftig will Little Bird auch solche Mütter und Väter bei der Suche nach einem Betreuungsplatz unterstützen – und zur Not auch bei der Durchsetzung ihres Rechtsanspruchs auf einen Kitaplatz.

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