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Gründerserie : Handgestrickt wie damals in Sachsen

Andrew Lindner, Gründer und Inhaber von Lindner Socks in Crookwell Bild: Lindner Socks

Weil ihnen keine Wahl blieb, gründeten Mutter und Sohn Lindner Quality Socks in Australien neu. Der kleine Familienbetrieb arbeitet noch mit betagten Maschinen. Doch das schadet offenbar keineswegs.

          3 Min.

          Im australischen Städtchen Goulbourn steht ein riesiger Bock aus Beton. In seinem Inneren findet sich ein Andenkenladen, der alles rund ums Schaf verkauft. Seit die Siedler hier vor 200 Jahren mit der Schafzucht begannen, hat sich nicht viel geändert: Ist der Preis für Fleisch hoch, setzen sie auf Lämmer. Bringt Wolle mehr, wird geschoren. So kennt und liebt Andrew Lindner seine Heimat. Als er vier Jahre alt war, wanderten die Lindners von Neumarkt in der Oberpfalz zunächst nach Goulbourn aus. Denn hier fanden sie, was sie schon in der alten Heimat nutzten: Garn, um daraus Socken zu stricken. „Schon seit 300 Jahren stellt unsere Familie Strickwaren her – zunächst im sächsischen Thalheim, nach dem Zweiten Weltkrieg dann in Bayern“, erzählt Lindners Mutter Gisela. In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Lindner sogar Lieferant für Adidas: „Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1966 haben die Spieler unsere Strümpfe getragen.“

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Der Vater, von Auseinandersetzungen mit dem Bruder und der Sorge um den Atomunfall in Tschernobyl 1986 getrieben, wollte nach Australien. Als er Jahre später nach Deutschland zurückkehrte, musste sich die Mutter allein durchschlagen. „Wir haben völlig neu angefangen“, sagt Gisela Lindner. „Was uns geblieben war, sind die alten Maschinen aus den Sechzigern.“ Im Wolldorf Crookwell gründeten die Auswanderer die Strumpffabrik Lindner Quality Socks neu.

          5000 Besucher im Jahr

          Andrew war damals 26 Jahre alt. Vieles musste er nun rasch lernen: das Zerlegen der betagten Maschinen, deren anspruchsvollen Betrieb, die Geheimnisse guter Stricksocken, Ein- und Verkauf. Bis heute liegt der Laden am Anfang der Hauptstraße von Crookwell, im Raum dahinter wird gestrickt, daneben genäht, verpackt und versandt. Lindner Socks ist ein Familienbetrieb. Mutter Gisela springt mit 64 Jahren ein, wenn Not am Mann ist. Sohn Andrew kann alles, macht alles und weist den Weg in die Zukunft. Seine Frau Lucy kümmert sich um den Markenauftritt – unter anderem tragen die 18 Socken-Modelle Vornamen aus der langen Liste der Ahnen, wie „Max“ oder „Otto“. Sechs Angestellte machen Buchführung und Verkauf, nähen oder beschicken die Märkte. Gut 18.000 Paar Socken finden so in jedem Jahr den Weg zu ihren Trägern.

          Sie alle werden auf den betagten Maschinen von Gottlieb Eppinger aus Denkendorf oder britischen Bentley-Strickmaschinen gearbeitet. Viele kommen noch als „Sockenschlange“ aus den Maschinen, die dann aufgeschnitten wird. Lindner steckt viel Energie in den Aufbau des Strumpfes, macht sich Gedanken über die Rippen, die früher üblich waren, über den Winkel zwischen Fuß und Schaft, der 90 Grad betragen muss, damit die Socke im Stiefel nicht aufscheuert: „Solch einen Winkel produziert keiner der computergesteuerten chinesischen Automaten.“

          „Bei uns kann jeder Kunde den Chef fragen“

          Der Deutschaustralier hat erfahren, wie ein Gewerbe sterben kann. Und seine Lehren gezogen: „Wir lassen uns auf keinen Preiskampf ein.“ 49 australische Dollar (26,98 Euro) für ein Paar Socken aus Merino, Angora und Seide ist aber auch in Australien viel Geld. „Wir haben uns immer gewundert, aber die Leute kommen wieder. Oft mit dem BMW aus Sydney, und dann kaufen sie gleich mehrere Paar.“

          Lindner spricht keinen Marketing-Slang, aber hat ähnliche Erkenntnisse. „Die Kunden kaufen Qualität, die es sonst nicht mehr gibt. Und sie kaufen unsere Geschichte. Und eine solche Geschichte kannst du nicht über Billigangebote und Preisschlachten kaputtmachen.“ Den ursprünglichen Nachteil der Handfertigung wandelte er zum Vorteil: „Am Anfang hatten wir kein Geld, in neue Maschinen zu investieren. Mit neuen Maschinen aber müsste ich auf derselben Ebene wie die Konkurrenz bestehen. Das schaffe ich nicht.“

          Einer der Vorteile der Manufaktur: „Bei uns kann jeder Kunde den Chef fragen. Und er bekommt eine Antwort.“ Der kleine Laden am Ende der Welt zählt gut 5000 Besucher im Jahr – und jeder verlässt ihn mit einem oder zwei Paar Socken. Hier werden 60 Prozent des Jahresumsatzes von rund einer halben Million australischer Dollar erzielt, der Rest vor allem online. Hinzu kommen Marktstände und Boutiquen. Die „gläserne Fabrik“ hinter dem Laden hilft enorm. „Manche Kunden sind von den Preisen abgeschreckt. Aber wenn ich sie dann durch die Fabrik führe, haben sie die Preise schnell vergessen“, sagt Lindner.

          Drei Tonnen Wolle im Jahr

          Fast 90 Prozent der Strümpfe werden aus der Merino-Wolle gestrickt, die Bauern rund um Crookwell liefern. Obwohl der Ursprung der Garne vielleicht nur zehn Kilometer entfernt liegt, haben sie einen Weg von 15.000 Kilometern hinter sich, bis sie bei Lindner landen: „Wir bestellen bei unseren Bauern. Die aber liefern die Fließe zum Spinnen und Färben nach China“, sagt der 38 Jahre alte Unternehmer. Erst bei Lieferung bemerkte Lindner, dass die Absender aus China keine Unbekannten waren: Die australische Wolle wird von der deutschen Südwolle-Group aus Schwaig bei Nürnberg im chinesischen Zhangjiagang verarbeitet, und von dort zurück nach Crookwell gesandt.

          Rund drei Tonnen Wolle verarbeiten die Lindners im Jahr. Sieben Farbtöne stehen zur Auswahl, für Sonderwünsche färben sie im Keller. Der Arbeitsalltag verlangt viel. „Wir sind sehr deutsch organisiert“, sagt Gisela Lindner. „Für uns sind Tugenden wie Pünktlichkeit und Verlässlichkeit wichtig. Das hat uns in Australien hohe Achtung eingebracht.“

          Das große Ziel des Stricker-Familie ist eine allmähliche Umstellung der Fertigung: „Die Kunden wollen ein Naturprodukt. Deshalb sollten die Farmer klimabewusster arbeiten. Und das Spinnen in China ist für viele Käufer ein echtes Problem.“ Eine Spinnerei im Merinoland, so wie früher in Sachsen oder in der Oberpfalz, würde der Marke unendlich helfen.

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