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Gründerserie : Unternehmensfinanzierung per Auktion

Die Niedrigzinsphase kommt dem Unternehmen entgegen

„Wir stellen damit der Realwirtschaft, Kunden wie Lieferanten, Liquidität zur Verfügung“, beschreibt von der Linden die Vorteile des Geschäfts. Die Anleger schätzen seiner Ansicht nach vor allem, dass sie in realwirtschaftlich gesicherte Forderungen investieren und nicht in abgeleitete Finanzderivate. „Wir verspüren ein großes Interesse gerade von sogenannten Family Offices, die ihr Geld gern Nestlé für 30 Tage zur Verfügung stellen“, sagt von der Linden.

Derzeit kommt dem Unternehmen natürlich auch die Niedrigzinsphase entgegen. Dennoch ist nicht nur von der Linden von der Idee überzeugt. Auch sein aktives Aufsichtsratsmitglied Philip Holzer, viele Jahre Partner bei der Großbank Goldman Sachs und bekannt durch seine Aufsichtsratstätigkeit bei der Frankfurter Eintracht, glaubt, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Unternehmen alle Geschäfte mit einer oder wenigen Banken machten.

Allein auf weiter Flur ist CRX daher auch nicht. Aber bei Nestlé habe man sich am Ende gegen 15 Mitbewerber durchgesetzt. „Ausschlaggebend für unsere Entscheidung zugunsten der Supply-Chain-Finance-Plattform CRX Markets war deren einfache weltweite Integrierbarkeit in ein SAP-konformes Controlling und Rechnungswesen“, begründet Frédéric Lelieur die Entscheidung. Lelieur ist bei dem größten Lebensmittelkonzern der Welt für die Finanzierung der Lieferkette zuständig. Auch Holzer definiert CRX als von der Technik getriebenes Unternehmen.

Alles andere als eine Garagengründung mit Taschengeld

Das Geschäftsmodell funktioniert nur, wenn eine Elektronik zur Verfügung steht, die täglich viele Rechnungen erfasst, die Zustimmung der Lieferanten einholt, die Rechnungsbeträge bündelt - zum Beispiel nach Währungen oder anderen Kriterien -, die Versteigerung der Forderungen organisiert und die Zahlungsströme überwacht. Wenn man davon ausgeht, dass allein einer der ersten Großkunden etwa 4500 Lieferanten hat, denen er im Laufe eines Jahres Milliarden Euro schuldet, ahnt man die Dimension dieser Aufgaben. Zudem muss das ganze Geschäft juristisch mit gerichtsfesten Verträgen unterlegt sein, klagt von der Linden. Der Aufbau von CRX war deshalb alles andere als eine Garagengründung mit Taschengeld. Zunächst in Frankfurt und heute in München wurde fast zwei Jahre nur programmiert und getestet, Verträge geschrieben und Anträge gestellt. CRX unterliegt der Aufsicht durch die Bafin Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht und der Bundesbank. Der Investitionsbedarf wird sich am Ende auf etwas 10 und 12 Millionen Euro belaufen.

Die Gewinnschwelle hat das 30 Mitarbeiter beschäftigende Unternehmen noch nicht erreicht. „Aber auch das Unternehmen 360 T brauchte fünf Jahre, um in die Gewinnzone zu kommen“, sagt von der Linden über seine erste Finanzmarkt-Gründung. „Dann aber erwirtschafteten wir deutlich zweistellige Umsatzrenditen nach Steuern von mehr als 30 Prozent“, fügt er hinzu. Wie der Devisenhandel lebe auch die neue Plattform von sogenannten Skaleneffekten, will sagen, dass man unterhalb einer Minimalauslastung gar nichts verdient, aber dann mit steigendem Volumen überdurchschnittliche Gewinne einfährt. In der Sprache eines Finanzexperten heißt das: „Marktplätze skalieren hinten raus super.“ Aber mit dem Nestlé-Vertrag dürfte man der Gewinnschwelle deutlich näher gerückt sein.

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