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Gründerserie : Pulse Shift fühlt den Puls der Mitarbeiter

Jascha Quintern, David Hoeffler, Michael Dell, Norman Weisenburger und Martin Müller Bild: Claus Setzer

Siebzig Prozent aller Veränderungsprojekte in Unternehmen haben wenig Erfolg oder scheitern völlig. Fünf ehemalige SAP-Berater haben eine Idee, wie sich das verbessern lässt.

          3 Min.

          Veränderung ist das Schlagwort der Zeit. Die Gründe sind unterschiedlich: Globalisierung, Digitalisierung oder demographischer Wandel. Die Folge für ein Unternehmen ist immer, sich anzupassen. Das erfolgt zum einen am Markt über neue Geschäftsmodelle und Produkte, aber immer stärker auch nach innen durch Veränderung der Unternehmensorganisation. Die Veränderung der oft über Jahrzehnte gewachsenen Struktur fällt vielen Unternehmen aber meist noch schwerer als die Veränderung des Geschäftsmodells. „Ich habe mich immer gefragt, warum Unternehmen sehr viel mehr über ihre Kunden wissen als über ihre Mitarbeiter“, wundert sich David Hoeffler, Vorsitzender der Geschäftsführung des Start-ups Pulse Shift GmbH, Mannheim. Hoeffler und sein Kollege Martin Müller haben als ehemalige Talent-Management-Berater bei dem Softwarehaus SAP gelernt, dass sich Unternehmen mit Menschen schwertun, weil hier nicht nur harte Fakten gelten, sondern auch sogenannte weiche Faktoren.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Deren Vernachlässigung kann aber gravierende Auswirkungen haben: 70 Prozent aller Veränderungsprojekte in Unternehmen haben nicht den gewünschten oder gar keinen Erfolg. „Veränderungs-Management gleicht doch heute über weite Strecken einem Blindflug“, ist sich Hoeffler sicher. „Wer Veränderungen durchsetzen will und muss, braucht mehr als Bauchgefühl, der braucht einen Seismographen, der die Erschütterungen genau und schnell misst, die eine Veränderung auslöst“, fügt er hinzu.

          Genau an diesem Seismografen arbeiten Hoeffler, Müller und ihre drei Mitgründer und Mitgeschäftsführer Michael Dell, Jascha Quintern und Norman Weisenburger. Sie alle sind jeweils zwischen 28 und 33 Jahren alt und waren bei SAP, haben sich aber erst nach ihrer Tätigkeit für das Softwarehaus zusammengefunden, sagt Dell. Die Hauptmotivation sei gewesen, sich selbständig zu machen. „Selbständigkeit ist für die persönliche Entwicklung durch nichts zu ersetzen“, findet Quintern. „Als Selbständiger ist man für alles selbst verantwortlich, man kann keinem anderen die Schuld geben“, präzisiert Weisenburger die Prägekraft der Selbständigkeit. Hoeffler ist der Ideengeber, Müller der Vertriebler der Gründergruppe, Dell, Quintern und Weisenburger die Programmierer des im November 2015 gegründeten Unternehmens.

          Erst einmal harte Faktoren zusammentragen

          Bei aller Bedeutung der weichen Faktoren sind es nämlich zunächst einmal harte Fakten, die auch Pulse Shift zusammenträgt. Denn am Ende lässt sich ein Unternehmen nur „mit dem Fokus auf ergebnisorientierte Kennzahlen und Daten führen“, wissen auch die jungen Unternehmer und fühlen sich dem auf Fakten basierten Managementansatz verpflichtet.

          Ihr System misst zwar den menschlichen Widerstand gegen Veränderungen, tut dies aber mit hohem Technikeinsatz, vor allem mit digitalem. Sie zapfen unternehmensinterne Quellen an wie die Erfassung der Krankheitstage oder die Entwicklung anderer Kennzahlen. Darüber hinaus erheben sie direkt bei den durch Veränderung betroffenen Mitarbeitern deren Stimmungen und Meinungen.

          Am Ende soll das Management schnell und präzise erkennen, wie eine beschlossene Veränderung im Unternehmen ankommt. Denn die Schwierigkeiten fangen in der Regel erst an, „wenn die Anwendung einer Maßnahme auf die Menschen trifft“, stellt Müller fest. Dort begännen doch alle Unsicherheiten und auch Widerstände, weil Kollegen nicht ausgebildet sind, Angst vor der Technik haben, einfach keine Veränderung wollen oder nach dem Motto verfahren, auch diese Veränderung könne man folgenlos verstreichen lassen, weil bald die nächste folge.

          Große Unternehmen sind die Zielgruppe

          In kleinen Unternehmen merkt der Inhaber selbst, wo es hakt. „Unser System richtet sich daher auch an große Unternehmen mit mindestens 5000 Beschäftigten“, in denen das Management keinen direkten Kontakt mehr zur Basis hat, sagen die Pulse-Shift-Inhaber. Dass die Idee gar nicht so banal ist, wie sie sich anhört, zeigt die selbst für die fünf Gründer erstaunlich große Resonanz. „Ich hatte mir den Vertrieb sehr schwer vorgestellt, aber wir müssen kaum aktiv verkaufen. Wir haben sehr viele Anfragen“, sagt Vertriebsleiter Müller.

          Man starte jetzt mit drei Pilotprojekten bei einem Dax-Unternehmen (20 000 Mitarbeiter), bei einem IT-Unternehmen mit 80 000 Beschäftigten und einer Verwaltung mit 8000 Angehörigen. Die fünf Gründer sind sich ihres Erfolgs sicher, denn gegen 70 Prozent Mißerfolgsquote der bisherigen Vorgehensweise könne man nur gewinnen. Dass auch andere an diesen Erfolg glauben, zeigt auch das Interesse von Beratungshäusern. Die Strategieberatung „Strategy+“ (PWC) hat Pulse Shift zum Kooperationspartner gewählt.

          Der Erfolg soll sich auch schon bald in Umsatz und Gewinn von Pulse Shift messen lassen. Die ehemaligen SAP-Berater haben bisher ihren Unterhalt und den Aufbau des Unternehmens über Fremdprogrammieraufträge finanziert. Das soll spätestens im kommenden Jahr auslaufen. Dann werde man sich nur noch um die Vermarktung und Anwendung des eigenen Produkts kümmern. Das könne man wegen des hohen Automatisierungsgrades zunächst noch mit wenig Personal bewerkstelligen. Außer den fünf Gründern gibt es zwei studentische Hilfskräfte. Der Aufwand für neue Kunden beträgt 20 bis 30 Manntage. Die Begleitung des Veränderungsprojekts erfordere dann noch 2 Manntage je Woche, weil der Rest standardisiert sei. „Wir wollen so groß wie nötig sein, aber so klein bleiben wie möglich“, sagt Hoeffler.

          Bis 2019 soll die Gewinnschwelle erreicht sein und von 2020 an mit dem eigenen Produkt Gewinn gemacht werden. Die Auftragsprogrammierung hat es ermöglicht, das Unternehmen auch in der Aufbauphase verlustfrei zu führen. In fünf Jahren möchte man auch international ein wichtiger Begleiter von Transformations-Projekten in Großunternehmen sein.

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