https://www.faz.net/-gyl-8y2uq

Gründerserie : Freie Essensauswahl – mit Segen vom Finanzamt

Hungrig auf mehr: Florian Gottschaller (links) und Ralph Meyer Bild: Jan Roeder

Spendit macht Geschäfte mit Kreditkarten, auf die steuerfreie Zuwendungen des Staates geladen werden. Mit der Lunchit App fürs Essen ist die Bedingung denkbar einfach.

          4 Min.

          Eine „Lex Spendit“ hat es nicht gegeben; zumindest nicht dem Namen nach. Es bedurfte aber eines Mehrheitsbeschlusses der Bundesländer, der den Weg für das Geschäftsmodell von Florian Gottschaller und Ralph Meyer frei machte. Es geht um Essenszuschüsse für Mitarbeiter. Das Abrechnungssystem über eine App stellt das alte System mit Essenmarken oder Gutscheinen in Frage, wenn denn Mitarbeiter nicht in eine Kantine gehen können. Die Lunchit-App, so eine Idee, fotografiert die Rechnung für das Mittagessen im Restaurant und leitet diese an die Lohnbuchhaltung weiter. Die schreibt den täglich zustehenden steuerfreien Betrag von 6,27 Euro, knapp 130 Euro im Monat, mit der Gehaltsabrechnung gut.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Gottschaller und Meyer wagten sich in eine Sphäre vor, deren Tiefen und Abgründe sie nicht im Ansatz erahnen konnten. Die Lohn- und Einkommensteuer ist tangiert – also der Fiskus im Spiel. Es kostete viel Zeit, die Finanzbehörden vom Sinn einer solchen App zu überzeugen: eineinhalb Jahre. Anfang 2015 war die Idee umgesetzt; Lunchit startete Mitte 2016 – nach dem Plazet der Bundesländer.

          Investmentbanker und Robotikunternehmer

          Die beiden 43 Jahre alten Unternehmensgründer hätten es eigentlich wissen können. Denn in die Niederungen der Steuergesetzgebung tauchten sie schon ein, als sie mit der Spendit AG ihr Unternehmen im März 2014 gegründet hatten. Entstanden ist die Geschäftsidee ein dreiviertel Jahr zuvor. Der Bundesfinanzhof urteilte damals, dass für steuerfreie Zuwendungen des Arbeitgebers auch aufgeladene Kreditkarten genutzt werden können. Die Spendit AG gibt eine solche Kreditkarte aus.

          Gottschaller war einst Investmentbanker in London, bei Morgan Stanley und Bear Stearns, bevor er 2009 mit Partnern ein Robotikunternehmen gegründet hatte. Meyer ist Unternehmensberater bei Roland Berger gewesen. Beide haben sich bei einem Projekt kennengelernt. Beide wollten etwas anderes machen. Weil er das Thema mit den steuerfreien Sachbezügen aufgeschnappt hatte, rief Gottschaller im August 2013 seinen Kompagnon in spe vom Strand in Spanien an und erzählte ihm von seiner Idee. Meyer – vom Beraten müde – stand in der Schlange bei der Post in München-Solln. Als er das Postamt verließ, waren sich beide einig. Heute sitzen sie im Münchner Glockenbachviertel mit fat 40 Mitarbeitern.

          528 Euro im Jahr sind steuerfrei

          Eigentlich klingt es simpel. Unternehmen dürfen steuer- und abgabenfrei bestimmte Leistungen an Mitarbeiter geben. Da kommt was zusammen: Sachleistungen und Gutscheine von monatlich 44 Euro oder 528 Euro im Jahr; Geschenke an Mitarbeiter zu besonderen Anlässen (Hochzeit, Silberhochzeit, Geburt eines Kindes, Kommunion, Konfirmation) bis zu drei Mal im Jahr bis maximal jeweils 60 Euro; eine Werbefläche am Auto eines Beschäftigten seiner Firma bringt 252 Euro; Kosten für die geschäftliche Nutzung des privaten Internetanschlusses bis zu 600 Euro.

          Der Arbeitgeber übernimmt nicht nur die 40 Euro Jahresgebühr für die Spendit-Kreditkarte, die mit einem Bankpartner betrieben wird. Er lädt sie auch mit einem Betrag im Wert der steuerfreien Zuwendungen auf. Daneben kann sie als normales Bezahlmittel genutzt werden. Unternehmen sparen Lohnnebenkosten.

          Nach drei Jahren erwirtschaften die beiden Gründer mit der Spendit-Kreditkarte Gewinn. Davon ist das zweite Angebot mit der Lunchit-App, deren Absatz nur langsam Fahrt aufnimmt, weit entfernt. Zu lange haben die Verhandlungen mit dem Fiskus gedauert. „Wir wollten aber explizit die App von den Finanzbehörden abgesegnet bekommen, um auf der sicheren Seite zu sein“, sagt Meyer. Schließlich geschieht es auch in deren Interesse. Denn es gibt mehr Transparenz.

          Zahlen, fotografieren, abschicken

          Die App leitet die fotografierte Rechnung an die Buchhaltung weiter. Die Software erkennt die Inhalte, überprüft Ausstellungsort und -datum. Der Arbeitgeber bezuschusst so nicht mehr den Kauf von Lebensmitteln oder Zigaretten über abgegebene Gutscheine. Quittungen werden erkannt, die am Sonntag oder weit weg vom Arbeitsort ausgestellt worden sind.

          Nebenbei hat der Mitarbeiter Flexibilität in der Auswahl, muss nicht mehr Gutscheine im Supermarkt ausgeben oder gar verfallen lassen. Und der Arbeitgeber hat einen erheblich geringeren Aufwand, indem er Anbieter und Dienstleister von Gutscheinsystemen wie Edenred und Sodexo aus Frankreich nicht mehr teuer bezahlen muss. Und doch läuft die App noch zäh an, muss das digitale Produkt erst einmal bekannt werden, weshalb Gottschaller und Meyer Klinken putzen gehen. Mit der Spendit-Kreditkarte haben sich bislang 1600 Unternehmen mit insgesamt 25 000 Mitarbeitern angefreundet. Monatlich kämen 100 Unternehmen als neue Kunden hinzu. Da es sich zumeist um Ingenieur- oder Architektenbüros, um Arztpraxen oder Rechtsanwaltskanzleien handelt, ist die durchschnittliche Zahl der Mitarbeiter gering. Oft wird es auch von relativ neuen Unternehmen genutzt, die sich im Aufbau befinden und noch kräftig expandieren werden. Darin sieht Gottschaller ein großes Potential, was zugleich Basis für Lunchit sein dürfte. Die Produkte ergänzten sich sehr gut. „Und vor allem funktioniert die App auch in vielen anderen Ländern“, sagt Meyer.

          Sprung nach Europa geplant

          Mit der Gesellschaftsform einer nicht börsennotierten AG gab es einen seriösen, transparenten Anstrich, um Finanzierer zu finden. Alte Kontakte von Gottschaller eröffneten den Zugang zu privaten Geldgebern wie Reimann Investors; einem Investmentvehikel für vermögende Privatinvestoren (Family Office). Es ist vom Erfolg der Spendit überzeugt und langfristig investiert. „Vom Fintech-Startup sind wir zum jungen Unternehmen geworden“, sagt Gottschaller. „Wir würden gerne ein altes Unternehmen werden.“ Die Gründer halten zusammen 80 Prozent, 20 Prozent drei Unternehmer und Reimann Investors. Nach Italien, Frankreich, Spanien oder Belgien würden sie gerne mit ihren beiden Produkten gehen. Erfahrungen mit Steuerfragen haben sie ja nun gemacht. Nicht immer müssen diese leidlich ausfallen. In Österreich, wo die Lunchit-App gerade gestartet ist, ging es wohltuend unkompliziert zu. Ralph Meyer stellte im Wiener Finanzministerium das neue Modell vor. Am nächsten Tag war Lunchit am Start.

          Die Gründer

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ausrottung der Dinosaurier : Die Mutter der Katastrophen

          Das Massensterben der Dinosaurier und vieler anderer Arten vor 66 Millionen Jahren war sehr wahrscheinlich nicht hausgemacht. Neue Spuren führen weg von den großen Vulkanen – und hin zu einem einzelnen Ereignis.
          Der russische Oligarch Wjatscheslaw Mosche Kantor

          Auschwitz-Gedenken in Israel : Eine Bühne für Putin

          In Jerusalem erinnert das erste „Welt-Holocaust-Forum“ an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Ohne politische Verwerfungen läuft das nicht ab – ein russischer Oligarch spielt dabei eine pikante Rolle.
          Ein Mitarbeiter versprüht Desinfektionsspray an einem Bahnhof in Wuhan.

          Neuartige Lungenkrankheit : „Wir sind nun in der kritischsten Phase“

          Seit Sonntag ist die Gesamtzahl der mit dem Coronavirus Infizierten in China um das Siebenfache gestiegen, die Behörden melden inzwischen 17 Todesfälle. Die jährliche Reisewelle zum Neujahrsfest wird deshalb zur Herausforderung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.