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Gründerserie : Eine coole Verrücktheit

Gründer Oliver Kniffler, Holger Sedlak und Jürgen Süß (von links) Bild: Jan Roeder

Der eine wollte eine Heizung bauen, der andere ein solarbetriebenes Kraftwerk. Sie verbanden sich – und entwickelten den E-Chiller, ein Kühlgerät ohne umweltschädliche Kältemittel.

          3 Min.

          Verrückte Ideen haben Oliver Kniffler und Holger Sedlak schon etliche gehabt in ihrem Berufsleben. Die beiden Tüftler kennen sich schon seit vielen Jahren, seit sie gemeinsam für den Münchner Halbleiterkonzern Infineon gearbeitet haben. Aber eine Idee war dann so verrückt, dass sie umgesetzt werden musste. Genau genommen, war es eine coole Idee, eine Kältemaschine zu entwickeln, die umweltfreundlich mit Wasser kühlt statt mit umweltschädlichen Kältemitteln.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Mit diesem Gerät, so groß wie ein Schaltschrank, stehen sie jetzt kurz vor dem Marktdurchbruch. „E-Chiller“ haben sie ihre Kompressionskältemaschine genannt, die Rechenzentren kühlen und Bürogebäude klimatisieren soll, Chemie durch reines Wasser ersetzt und dabei auch noch Strom spart. Gerade auf die Kühlung von Rechenzentren entfällt der Löwenanteil der Stromkosten, weshalb etwa Großkonzerne wie Google und Facebook ihre Serverfarmen im kühlen Skandinavien gebaut haben.

          Klimaneutrale Kühlung als Ziel

          Der E-Chiller sei „die perfekte Antwort auf die F-Gase-Verordnung, die steigende Umweltbelastung und die prognostizierte Energiekostenentwicklung“, heißt es in dem druckfrischen Werbeprospekt. Die europäische Regelung zu fluorierten Treibhausgasen (F-Gase) kann für das kleine Start-up-Unternehmen mit dem klangvollen Namen Efficient Energy eine große Wirkung entfalten. Nach dem Willen der Europäischen Union müssen Unternehmen ihren Treibhausgasbeitrag in den kommenden Jahren drastisch senken, Genehmigungen zum Bau neuer Rechenzentren erhalten viele nur noch bei klimaneutraler Kühlung. Es wäre die Chance für den E-Chiller.

          Kniffler und Sedlak sitzen in einem fensterreichen Büro im ersten Stock zusammen mit Jürgen Süß, dem Vorstandsvorsitzenden von Efficient Energy. Es ist sehr heiß an diesem Nachmittag in Feldkirchen vor den Toren Münchens. Im gesamten Gebäude gibt es keine Klimaanlage, und im Besprechungszimmer ist es schwül. Eigentlich keine gute Werbung für den E-Chiller, müssen die drei zugeben. Doch Efficient Energy ist mit seinen 50 Mitarbeitern nur Mieter in der Gewerbeimmobilie; auf die Klimatisierung haben sie keinen Einfluss. Der einzige E-Chiller im Keller des Gebäudes ist angeschlossen, um das Versuchslabor im Erdgeschoss zu kühlen. Das funktioniert immerhin tadellos.

          1000 Teile, 50 Patente

          In zwei Hallen von der Größe eines Fußballfeldes bauen derzeit 15 Mitarbeiter die Kühlgeräte aus gut 1000 Teilen zusammen. Bis auf die Wasserpumpe und den Wärmetauscher haben Kniffler und Sedlak alles selbst konstruiert, mehr als 50 Patente haben sie angemeldet.

          Von einer Serienfertigung ist Efficient Energy augenscheinlich noch ein Stück entfernt. Der Umsatz liegt nach Angaben des Vorstands noch unter einer halben Million Euro. Aber grundsätzlich könnten jedes Jahr 1200 Geräte im Drei-Schicht-Betrieb gebaut werden. „Die Technik ist ausgereift“, sagt Süß und verweist auf die gute Erfahrung eines Kunden:  Das Deutsche Milchkontor, eines der größten deutschen Molkereiunternehmen in Bremen, betreibt zwei E-Chiller in seinen Rechenzentren. „Seit zwei Jahren läuft das problemlos“, sagt der Efficient-Energy-Chef, der seine leitende Stellung beim dänischen Klimakonzern Danfoss gegen den unsicheren Posten beim Münchner Start-up eingetauscht hat.

          Markt von 80 Milliarden Euro

          Jetzt will Süß mit dem E-Chiller den gut 80 Milliarden Euro schweren Markt für Kältetechnik aufrollen, es mit den Großen der Branche aufnehmen wie Johnson Controls, Daikin Industries oder Carrier aus dem UTC-Climate-Konzern. Für Süß ist das kein Wagnis, die Technik des eigenen Produkts sei der Konkurrenz klar überlegen. „Die Großen haben sich auf die Optimierung der bestehenden Technik verlegt, wir bieten etwas ganz Neues.“

          Wie das Neue in den Markt für Kältetechnik gekommen ist, gehört auch zum Verrückten dieser Gründungsgeschichte. Denn eigentlich wollten Kniffler und Sedlak in den Heizungsmarkt einsteigen. „Ich war unzufrieden mit der neuen Ölheizung, die bei mir zu Hause eingebaut wurde“, erzählt Sedlak. „Ich wollte ein solarbetriebenes Kraftwerk entwickeln“, erzählt Kniffler.

          Idee kam auf Weihnachtsfeier

          Auf einer Weihnachtsfeier bei Infineon haben sie sich über ihre Ideen ausgetauscht. Dann gingen sie gemeinsam ans Werk, zunächst mit Sedlaks neuer Wärmepumpe, die Wasser als Kältemittel verwenden sollte. Viele Feierabende und Wochenenden vergingen so. Vor zehn Jahren gaben beide, wie sie erzählen, „die Halbleiterei“ bei Infineon auf, liehen sich 1,5 Millionen Euro von zwei Privatinvestoren und gründeten die Efficient Energy GmbH. Es war kein geringes Risiko, das die beiden Familienväter im Alter von damals 38 (Kniffler) und 50 Jahren (Sedlak) eingingen: „Wir hatten uns vorgenommen, möglichst schnell eine Demonstrationsanlage zu bauen.“

          An der Geschwindigkeit haperte es. Und das Ziel verloren sie auf halbem Weg ebenfalls aus den Augen. Dass der Heizungsmarkt eng verwandt ist mit dem Kältemarkt, das war beiden Technikern von Anfang an klar. Ebenso wussten sie, dass Heizungen viel mehr Energie vergeuden. Aber der Marktzugang war im anderen Fall viel leichter. „Eine Kühlanlage ist letztlich die gleiche Maschine wie eine Wärmepumpe. Wir haben unsere Demonstrationsanlage nur noch ein bisschen umgebaut“, sagt Kniffler und lacht.

          Die Kapitalgeber konnten sie von ihrem Strategieschwenk ebenso leicht überzeugen wie den erfahrenen Technologiescout Süß. Ob es ihnen jetzt gelingt, Unternehmen, Banken und Versicherungen von ihrem Produkt zu überzeugen, ist die alles entscheidende Frage für die Zukunft der Efficient Energy GmbH. Und dann ist ja auch noch Knifflers Frage, wie ein solarbetriebenes Kraftwerk gebaut werden könnte, unbeantwortet geblieben.

           

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