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Gründerserie : Bloß keine Einfaltspinsel

Zoe Boikou Bild: Frank Röth

Die Unzufriedenheit mit handelsüblichen Schminkpinseln war der Start für die Unternehmensgeschichte von Zoeva. Aber die Gründergeschichte wäre ohne Youtube wohl völlig anders verlaufen.

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          Zoe Boikou stellt Kosmetik her, aber der Lippenstift, der ihr am meisten bedeutet, stammt nicht von ihr, sondern einem Wettbewerber: Eine kleine goldene Hülse von Helena Rubinstein, der Lippenstift darin fast aufgebraucht, steht vor dem Foto einer strahlenden dunkelhaarigen Frau, die Boikou sehr ähnelt. Das Foto zeigt ihre Mutter als junge Frau. Von ihr hat sie den Lippenstift geerbt, aber auch alles andere, was Boikous Erfolg erst möglich gemacht hat: Das unternehmerische Gespür, den Mut und nicht zuletzt ihren Sinn für Ästhetik. „Von meiner Mutter habe ich die Liebe zur Kosmetik. Ein gutes Auftreten war ihr wichtig. Sie konnte sich zwar nicht viel leisten, hat aber immer auf Qualität geachtet“, sagt die Unternehmerin.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie sitzt in ihrem Büro in einem Gewerbegebiet, dessen nüchterne Umgebung so gar nicht zu ihren glamourösen Produkten passen will. Aber bei Zoeva ist ohnehin fast alles anders als in der Kosmetikindustrie üblich. Unternehmenssitz ist nicht in Paris oder New York, sondern Frankfurt. Die Gründerin stammt nicht aus der Branche. Und seinen Bekanntheitsgrad verdankt Zoeva nicht großen Marketingbudgets oder einem berühmten Werbegesicht, sondern den sozialen Medien.

          Vor allem aber hatte Zoe Boikou die richtige Idee zum perfekten Zeitpunkt. Die gebürtige Griechin, die mit zehn Jahren nach Deutschland kam, ärgerte sich über das Angebot an Schminkpinseln. Entweder waren sie günstig, aber von mieser Qualität. Und war die Qualität in Ordnung, waren sie so teuer, dass Boikou sie sich von ihrem Gehalt nicht leisten konnte. „Ich war überzeugt, dass es noch vielen anderen Frauen so gehen muss wie mir“, sagt sie. Die Kosmetikliebhaberin war sich sicher, eine Marktlücke entdeckt zu haben: Gute Puder-, Rouge-, und Lippenpinsel zu einem vernünftigen Preis. Sie recherchierte und stieß auf einen Hersteller in Kanada. Dort bestellte sie zehn Pinsel, behielt einen selbst und verkaufte die restlichen über das Internet. Vom Gewinn kaufte sie neue Produkte. Auf die Weise ist Zoeva bis heute gewachsen, auch wenn Zoeva 2016 mehr als fünf Millionen Pinsel verkauft hat, in diesem Jahr 40 Millionen Euro Umsatz anstrebt und 70 Mitarbeiter zählt. „Wir haben keinen Cent Schulden und keine Kapitalbeteiligung im Unternehmen“, sagt Boikou.

          Den Erfolg verdankt sie Youtube

          So konservativ die Finanzpolitik des Unternehmens ist, die mittlerweile Boikous Ehemann, ein ehemaliger Filialmanager von Lidl, verantwortet, so modern ist seine Erfolgsgeschichte. Sie wäre ohne das Aufkommen der Internetplattform Youtube und seiner ganz eigenen Stars nicht möglich gewesen. 2009, etwa ein Jahr nach der Gründung, gingen bei Zoeva auf einen Schlag sehr viele Bestellungen aus Italien ein. Der Grund: Eine italienische Youtuberin, die sich als eine der ersten auf der Plattform dem Thema Kosmetik widmete, empfahl in einem ihrer Videos die Pinsel des Unternehmens. Von da an lief es für Zoeva in den sozialen Medien, der Mund-zu-Mund-Propaganda des 21. Jahrhunderts, von ganz allein. Mehr und mehr Kosmetik-Bloggerinnen lobten die Pinsel, immer mehr Konsumentinnen empfahlen die Produkte weiter. „Und wenn sie etwas kritisierten, hat mir das auch weitergeholfen“, sagt Boikou.

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