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Corona als Chance : Die Krisen-Gründer

  • -Aktualisiert am

Zarah Bruhn gründete mit Maximilian Felsner das Start-up Social Bee – und gründet jetzt einfach weiter. Bild: Jan Roeder

Auch Start-ups sind durch Corona bedroht. Doch die Krise kann auch eine Chance sein. Einige Geschäftsmodelle passen perfekt in die Corona-Zeit, andere entwickeln konkrete Problemlösungen für die Pandemie.

          3 Min.

          Der März war für Zarah Bruhn einer der schwierigsten und zugleich produktivsten Monate des Jahres. Die Münchner Gründerin des Start-ups Social Bee hatte zunächst ihre Mitarbeiter aufgrund der Corona-Krise in Kurzarbeit schicken müssen und sorgte sich um die Existenz ihres Unternehmens. „Zuerst war ich frustriert und habe Trübsal geblasen“, sagt sie. Doch dann sprach sie mit einem Freund über die Situation. Er motivierte sie, aktiv zu werden. Statt also in Sorgen zu versinken, schaute sie nach vorn. Ihre Leitfrage: „Was kann ich in meiner freien Zeit tun, um in dieser Situation etwas Positives beizutragen?“

          In kürzester Zeit gründete Bruhn ein neues Unternehmen, das eine App bereitstellt, die Einkaufshilfe digital organisiert. Die „Bring-&-Ring“-Anwendung funktioniert so: Es gibt die sogenannten Bringer, die einen Einkauf für jemanden übernehmen möchten. Und es gibt die Ringer, die ihre Wohnung aktuell nicht verlassen können und deshalb einen Einkaufszettel in der App hochladen. Die Bringer können sehen, wer in ihrem Umfeld gerade etwas aus dem Supermarkt, der Drogerie oder der Apotheke braucht – und die Ringer so mit den benötigten Lebensmitteln versorgen. Derzeit trägt sich die App über Fördergeld. Allerdings: „Wir entwickeln ein Nutzungskonzept, das auch nach der Pandemie wirtschaftlich tragfähig ist“, sagt Bruhn.

          „In Krisenzeiten merkt man schneller, wo die Probleme liegen.“

          Auch Start-ups kämpfen in der Corona-Krise ums Überleben, weil sie oft kaum finanzielle Rücklagen haben. Laut einer Studie des Bundesverbands Deutsche Start-ups von April sind neun von zehn Start-ups in ihrem Geschäft von Corona beeinträchtigt, mehr als 80 Prozent davon sogar in ihrer Existenz gefährdet. Einige Branchen sind besonders betroffen, etwa Tourismus-Start-ups, zu denen Flixbus und Getyourguide gehören. Vor der Krise konnten sie noch große Finanzierungsrunden verkünden und galten als Hoffnungsträger der Szene. Doch seit Reisen kaum mehr möglich sind, brechen ihnen die Umsätze ein.

          Laut Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gingen im Jahr 2017 rund 15 Prozent aller Gründer mit einer Neuheit auf den regionalen, deutschen oder internationalen Markt. Das Ministerium zählt 430.000 neue Vollzeitarbeitsplätze, die jährlich durch Start-ups entstehen. Deshalb hat die Bundesregierung ein Hilfspaket von zwei Milliarden Euro auf den Weg gebracht, um die deutsche Start-up-Szene am Leben zu halten. Christian Miele, Präsident des Bundesverbands Deutsche Start-ups, mahnt allerdings, dass das Geld so schnell wie möglich bei den Gründern ankommen müsse. „Gelingt es nicht, Start-ups rechtzeitig in der Corona-Krise zu unterstützen, befürchten wir ein Start-up-Sterben und einen Schaden der gesamten Innovationsfähigkeit Deutschlands“, sagt er.

          Umso wichtiger ist es gerade für Gründer, nicht zu verzagen und die Krise als Chance zu begreifen. Einigen Unternehmen fällt das leicht, weil ihr Geschäftsmodell perfekt in die Corona-Zeit passt. Dazu gehört das Telemedizin-Start-up Onlinedoctor: Seine Gründer haben ein Portal ins Leben gerufen, auf dem sich die Nutzer online Ratschläge von einem Hautarzt ihrer Wahl holen können. Seit Corona steigen die Zugriffszahlen stark, immer mehr Dermatologen wollen mit dem Start-up zusammenarbeiten. Und auch die Lernplattform Sofatutor freut sich über rekordverdächtige Nutzerzahlen – dank Homeschooling.

          Andere, so wie Zarah Bruhn, haben konkrete Problemlösungen für die Pandemie entwickelt. Wenn sich Investoren davon überzeugen lassen, dass eine Unternehmensidee Potential hat, kommen die Gründer viel schneller an die notwendigen Ressourcen. Das hat Bruhn auch bei Bring & Ring gemerkt. In kurzer Zeit hatte sie das nötige Startkapital von 20.000 Euro zusammen, weil so viele Menschen gespendet haben. Das Team besteht aus 20 Freiwilligen, dazu kommen einige namenhafte Agenturen wie Fischer Appelt und Jung von Matt, mit denen Bruhn für das Marketing zusammengearbeitet hat. Die Software der App und Website haben unter anderem Mitarbeiter von Flixbus entwickelt, alles pro bono.

          Nach dem enthusiastischen Start gilt es nun für Bruhn und ihr Team, Bring & Ring langfristig zu stabilisieren. „Wir wollen weg von der freiwilligen Projektbasis und hin zu einem Unternehmen, das sich auch nach Corona hält“, sagt sie. Denn der Erfolg eines Start-ups hängt aus ihrer Sicht davon ab, wie nachhaltig seine Vision ist. Auch Bruhns erstes Unternehmen Social Bee ist im Zuge einer Krise entstanden – nämlich im Jahr 2015, als mehr als eine Million Geflüchtete Asyl in Europa suchten.

          Mit Social Bee helfen sie und ihr Team Unternehmen dabei, Geflüchtete in ihren Betrieb zu integrieren. Die Gründerin findet: „In Krisenzeiten merkt man schneller, wo die Probleme liegen.“ So war das damals auch schon bei der Gründung von Social Bee. „Deshalb ist genau wie vor fünf Jahren auch jetzt das Engagement, gemeinsam Lösungen zu entwickeln, besonders hoch“, sagt Bruhn.

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