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Start-up-Gründer : Raum für Helden

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Die Gründer des Start-ups Roomhero: Daniel Kuczaj, Arthur Rehm und Steven Cardoso (v. l. n. r.) Bild: Helmut Fricke

Das Frankfurter Start-up Roomhero hat klein angefangen, will jetzt aber Europas führender Ausstatter für Wohn- und Büroflächen werden – und zwar komplett digital.

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          Die urbanen Generationen Y und Z wechseln ihren Wohnort schneller als ehemals ihre Eltern. Sie studieren mal zwei Semester in Frankfurt und reisen danach für ein Jahr durch Thailand. Dort arbeiten sie vielleicht drei Jahre in der Zweigstelle des Arbeitgebers in Hamburg und kommen dann wieder zurück in die Frankfurter Heimatstadt. Viele von ihnen bevorzugen deshalb flexible Mietverträge und wollen gerne in möblierte Wohnungen ziehen, um nicht jedes Mal wieder neue Möbel kaufen zu müssen.

          Vermieter stellt das vor Herausforderungen. Sie müssen ihre Apartments attraktiv für den urbanen Mainstream gestalten, gleichzeitig aber auch Individualität schaffen. Außerdem sind sie auf die Hilfe von Innenarchitekten, Händlern, Lieferanten und Monteuren angewiesen – zwischen denen die Kommunikation auch schon mal schwierig sein kann. Von der Planung bis zum finalen Aufbau können Monate vergehen. Einige Vermieter haben auf dieses Prozedere keine Lust und suchen nach effizienteren Lösungen. Hier setzt Roomhero an, nach Eigenwerbung Europas erster digitaler Inneneinrichter.

          Das Unternehmen begann im Jahr 2014 zunächst damit, Wohnungen für Privatleute zu gestalten, die den Besuch im Möbelhaus satthatten und sich Innenarchitekten nicht leisten konnten. Das Ganze habe jedoch ein ständiges Hin und Her bedeutet, da die Kunden gegenüber ihrer eigenen Wohnung sehr emotional eingestellt seien, sagt Clemens Rüttler, bei Roomhero zuständig für Geschäftsentwicklung und Verkauf. „Da haben wir oft kein Ende gefunden“, sagt er. Als sich das junge Unternehmen zunehmend etabliert hatte, kamen Kunden hinzu, die sich unkomplizierter verhielten.

          Begehbare 3D-Simulationen

          Die Mitarbeiter des Start-ups fragten nach, warum das denn so schnell gegangen sei, und einige hätten geantwortet: „Wir richten nicht für uns selbst, sondern für unsere Mieter ein.“ Um für einfache und schnelle Abläufe zu sorgen, beschlossen die Gründer, sich ausschließlich auf Vermieter zu konzentrieren. Das Geschäftsmodell blieb dasselbe. Damit der von Roomhero entwickelte Algorithmus richtig arbeiten kann, muss der Kunde zunächst einen Online-Fragebogen ausfüllen. Die Software präzisiert dann die Wünsche und Bedürfnisse und berechnet die potentielle Rendite oder Mietsteigerung, die nach der Arbeit von Roomhero realistisch ist.

          Weil das Start-up vor ein paar Monaten ins Frankfurter Bahnhofsviertel umgezogen ist, stehen in den neuen Büroräumen noch Kisten herum. Roomhero sitzt im fünften und sechsten Stockwerk, die Aussicht auf die Frankfurter Skyline ist beeindruckend. Daniel Kuczaj ist einer der Gründer des Unternehmens. Er sagt, dass die Arbeit des Algorithmus immer von Mitarbeitern begleitet wird, die sich mit dem Thema Inneneinrichtung auskennen: „Wir arbeiten viel mit Künstlicher Intelligenz, haben hier aber trotzdem sechs Innenarchitekten sitzen, die alles überprüfen“, sagt er.

          Auf Basis der Daten erstellen Mitarbeiter von Roomhero ein Einrichtungskonzept und bestimmen einen garantierten Festpreis. Der Kunde bekommt das Konzept als „begehbare“ 3D-Simulation zugeschickt und kann sich entscheiden, ob er das Gesamtpaket oder einzelne Elemente haben möchte. Danach besorgt, liefert und baut Roomhero in Zusammenarbeit mit Partnerunternehmen die Möbel zum Wunschtermin auf. Der Kunde muss sich also um fast nichts kümmern. Nachdem der Auftrag abgeschlossen ist, unterstützt das Unternehmen seine Kunden weiter. So tauscht Roomhero auch defekte Möbel und Geräte aus.

          „Macht es mal so wie bei Google oder WeWork“

          Das Start-up will mit seinem Geschäftsmodell dafür sorgen, dass Vermieter den Wert ihrer Immobilie steigern können. So wirbt das Unternehmen auf seiner Internetseite damit, dass sie durch die Möblierung im Durchschnitt 60 Prozent mehr Mieteinnahmen im Vergleich zu einer unmöblierten Immobilie erzielen können. Roomhero wächst nach eigenen Angaben jährlich um rund 100 Prozent, in diesem Jahr sogar um 200 Prozent. Das Unternehmen erwirtschaftet durchschnittlich einstellige Millionenbeträge – hat aber trotzdem große Ziele. Kuczaj will mit Roomhero Europas führender Ausstatter für Wohn- und Gewerbeflächen werden.

          Der digitale Einrichter bewegt sich allerdings in einem Marktumfeld mit negativem Image. So machen Skeptiker und Demonstranten regelmäßig Immobilienunternehmen für die hohen Mieten in Großstädten verantwortlich und fordern mitunter, Konzerne wie Vonovia oder Deutsche Wohnen zu enteignen. In Berlin wurde kürzlich ein Mietendeckel beschlossen. Daniel Kuczaj stört sich an der Berichterstattung über die beiden Unternehmen, die schon Kunden von Roomhero gewesen sind. „Auch auf dem Immobilienmarkt gibt es schwarze Schafe“, sagt er. „Aber das ist, wenn überhaupt, nur ein Promilleanteil aller Anbieter.“ Den Enteignungsplänen kann er nichts abgewinnen: „Davon wird nicht eine Wohnung mehr gebaut.“ Er sagt, es müsse stattdessen mehr Bauland ausgewiesen werden, um auf die hohe Wohnungsnachfrage in den Städten zu reagieren.

          Seit diesem Jahr gestaltet Roomhero auch Gewerbeflächen für Unternehmen. Die Einrichtung von Büros sei wesentlich komplexer, sagt Kuczaj. „In Wohnungen musst du eigentlich nur vier Bereiche abdecken: Schlafen, Wohnen, Essen und teilweise Arbeiten.“ Richte man jedoch Gewerbeflächen ein, gebe es deutlich mehr Bereiche, um die sich Roomhero kümmern müsse. Das Team um Kuczaj ist darauf spezialisiert, unkonventionelle Start-up-Büros zu gestalten. So hat das Unternehmen das Tech-Quartier in Frankfurt eingerichtet, in dem Hessens erstes Fintech-Zentrum seinen Sitz hat.

          Viele der Unternehmen kämen schon mit einem vorgefassten Bild zu Roomhero, sagt Kuczaj: „Macht es mal so wie bei Google oder WeWork.“ Ansonsten wünschen sich viele Kunden einen Mix aus soliden und exklusiven Büroräumen. Die Arbeitsplätze mit Schreibtisch und Computer sollen so oder so ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten. „Geht es aber um die Konferenzräume, darf es schon mal etwas mehr sein“, sagt Kuczaj. Die Kunst sei es dann, beide Welten zu kombinieren.

          Die Gründer

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