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Dienstleistung : Schluss mit der Warterei auf dem Amt

Berliner warten vor dem Bürgeramt in der Sonnenallee in Berlin-Neukölln. Bild: dpa

Ein Dienstleister nimmt Bürgern ihre Behördengänge ab. Die drei Gründer verarbeiten eigene schlechte Erfahrungen. Wie sieht ihr Konzept aus?

          4 Min.

          Neulich in Berlin: „Sehr geehrte Kunden, wegen eines kurzfristig freigewordenen Termins im Bürgeramt muss ich den Laden heute leider früher schließen. Ich bitte um euer Verständnis“ steht auf dem Zettel im Fenster eines Geschäfts in der Hauptstadt. Auf Twitter wurde das Foto hundertfach geteilt, Kommentar: „Dit is Berlin“. Aber nicht nur in der Hauptstadt leiden Bürger wegen schwer zu ergatternder Behördentermine. Die Personaldecke der Ämter ist dünn, seit dem großen Flüchtlingsansturm sind sie überlastet. In praktisch allen Städten muss man sich Wochen im Voraus anmelden oder stundenlanges Sitzen im Wartezimmer einkalkulieren, wenn man seinen Pass verlängern, den Wohnsitz ummelden oder ein neues Auto anmelden möchte.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Insgesamt 117 Millionen Stunden verbringen die Deutschen jährlich mit Behördengängen, hat Sebastian Simon ausgerechnet. Er ist der Geschäftsführer eines neuen Start-up-Unternehmens, das dies ändern will. Simon hat für die Rechnung die Statistiken der wichtigsten Ämter ausgewertet. Insgesamt kommen in Deutschland im Jahr laut amtlichen Angaben 38,94 Millionen Behördengänge zusammen, darunter 10,5 Millionen Autoneuzulassungen oder -umschreibungen sowie 9,8 Millionen Autoabmeldungen, 8,4 Wohnsitzummeldungen, 7 Millionen Ausweisabholungen und 700.000 Gewerbeanmeldungen. Durchschnittlich dauern solche Behördengänge drei Stunden inklusive An- und Abfahrt, rechnet Simons Team. Daraus ergeben sich die 117 Millionen Stunden Zeitverlust für die Bürger.

          Erledigungsbotengang für 39 Euro

          Viele nehmen sich einen halben Tag Urlaub für den Behördengang. Multipliziert mit dem durchschnittlichen Stundenlohn von 15,50 Euro, ergibt sich ein Verdienstausfall von 1,8 Milliarden Euro. Anders als in Schweden oder in den baltischen Ländern, wo E-Government schon weit gediehen ist und die Bürger viele bürokratische Vorgänge online erledigen, muss man in Deutschland fast immer physisch aufs Amt gehen. Trotz mancher guten Ansätze steckt E-Government hierzulande noch immer in den Kinderschuhen, die eID-Initiative (elektronische Identifizierung) ist noch wenig verbreitet.

          Sebastian Simon und seine Mitgründer Andreas Schmid und Lorenz Neff hatten selbst unangenehme Erfahrungen mit der Bürokratie gemacht – bei einer schwierigen Gewerbeanmeldung. Dabei kamen ihnen die Idee für ein Serviceunternehmen, das Bürgern die Behördengänge abnimmt – sei es bei der Auto-, Wohnsitz- oder Gewerbeanmeldung. Seit knapp einem Jahr ist ihre Internetseite www.erledigungen.de aktiv. In wenigen Minuten kann man sich anmelden und einen Abholdienst vereinbaren: Ein Mitarbeiter von erledigungen.de kommt dann nach Hause, holt die nötigen Unterlagen und eine Vollmacht ab und bringt alles zum Amt. Innerhalb von vier Werktagen sei der Behördengang erledigt, verspricht Simons Unternehmen. Zudem bieten sie einen 48-Stunden-Expresstarif an.

          Lorenz Neff, Sebastian Simon, Andreas Schmid (von links)
          Lorenz Neff, Sebastian Simon, Andreas Schmid (von links) : Bild: Jan Roeder

          „Die Bandbreite der Kunden ist sehr groß. Zum einen gibt es Privatleute, die nicht wochenlang auf der Kfz-Anmeldung warten wollen, oder vielbeschäftigte Berufstätige, die einfach keine Zeit für einen Behördengang haben“, erzählt Simon. Ein einfacher Erledigungsbotengang kostet 39 Euro, für Neukunden gibt es 10 Euro Rabatt. Am meisten würden Autoanmeldungen nachgefragt, am zweitmeisten Wohnsitzummeldungen, erzählt Simon. „Wir wollen den Leuten wieder mehr Zeit für die schönen Dinge des Lebens geben“, sagt er. Und natürlich will er selbst ein Geschäft machen.

          Angefangen mit „intelligenter Bratpfanne“

          Angefangen haben die Gründer in München, Hunderte Mal ist Simon zum Kreisverwaltungsreferat gepilgert. Inzwischen gibt es den Dienst auch in Frankfurt, Hamburg, Köln und Berlin. Die Zugriffszahlen sind noch bescheiden. Im Monat kommt knapp eine dreistellige Zahl von Aufträgen herein. In jeder Stadt hat die Firma drei bis vier Mitarbeiter, fast alles Werksstudenten und Mini-Jobber, die die Botengänge übernehmen. In diesem Jahr hoffen Geschäftsführer Simon und die Mitgründer, mit dem Umsatz knapp die Millionenmarke zu überspringen. Gewinn macht das Unternehmen dabei noch nicht. Sich selbst zahlen die Jungunternehmer ein bescheidenes Gehalt, das ihnen das Leben in der teuren bayerischen Landeshauptstadt ermöglicht.

          Auf die Idee von erledigungen.de kamen die drei, die sich als BWL-Studenten und wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität München kennengelernt hatten, erst über einen Umweg. Eigentlich wollten sie eine „intelligente Bratpfanne“ auf den Markt bringen, ein Kochgerät mit einem Sensor im Boden, das die richtige Temperatur für ein Steak automatisch an das Handy des Benutzers meldet. Das Teil war fertig entwickelt, doch die Hürden für ein Produktionsunternehmen und eine Markteinführung erschienen ihnen dann doch zu hoch. Und als sehr mühsam erwies sich auch der Prozess der Gewerbeanmeldung vor zwei Jahren.

          Bekanntheit steigern

          Da kamen die drei Freunde auf die Idee, dass ein Service zur Übernahme von Behördengängen eine gute Sache wäre. Als Startkapital legten sie Ersparnisse zusammen. Der gebürtige Österreicher Simon etwa gab Philharmoniker-Goldmünzen, die er einst zu Kommunion erhalten hatte. Diplom-Informatiker Schmid, der zuvor an der Uni in einem Zentrum für Unternehmensgründungen geforscht hatte, kümmerte sich um die erste Internetseite. Und vor einem Jahr fanden sie einen vermögenden Sponsor, der einen niedrigen sechsstelligen Betrag in das Start-up investiert hat.

          Die Geschäftsräume in München liegen sehr zentral, in der Kaufingerstraße. Dort hat Wayra, eine Tochtergesellschaft der spanischen Telefónica, einen Inkubator eingerichtet. Wörtlich übersetzt ist das ein „Brutkasten“ – sozusagen für neugeborene Unternehmen. Auf einer weitläufigen Etage sitzen mehr als ein Dutzend Kleinstfirmen von Jungunternehmern, getrennt durch dicke Stellwände. Jedes Start-up hat einen Stall, die Atmosphäre ist ungezwungen und international. Im Stall nebenan verhandelt ein offenbar britischer Jungunternehmer am Telefon auf Englisch. Für erledigungen.de besteht die erste große Herausforderung darin, bekannter zu werden. Dazu schalten sie Google-Anzeigen. Darüber hinaus basteln sie weiterhin an der Internetseite und entwickeln weitere Services, beispielsweise zur Übernahme von Visa-Beantragungen für Geschäftsleute oder an mehr Dienstleistungen rund um die Autozulassung.

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