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Erlebnisplattform Getyourguide : Wenn der weiße Hai vorbeischwimmt

Johannes Reck ist Geschäftsführer des Start-ups „Getyourguide“ Bild: Matthias Lüdecke

Ein Start-up bietet online Tickets und Touren für Urlauber auf der ganzen Welt an. Während das internationale Geschäft brummt, bringen die Gründer Berliner Parallelwelten an den Rand der Verzweiflung.

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          Lust auf Gänsehaut und Abenteuer? In dem Fall dürfte die Werbebotschaft für den Tauchausflug vor der südafrikanischen Küste passen. „Spüren Sie das Adrenalin, wenn weiße Haie an Ihrem Käfig vorbeischwimmen.“ Mit diesen Worten wirbt das Start-up „Getyourguide“ für den zehnstündigen Ausflug von Kapstadt nach Gansbaai. Das Unternehmen, das sich selbst mit drei Großbuchstaben schreibt, hat sich auf Erlebnisangebote im Internet spezialisiert. Die Palette reicht von klassisch bis exotisch.

          Manfred Schäfers
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Die meiste Nachfrage fällt in die erste Kategorie. Auf die Frage nach den fünf beliebtesten Erlebnissen zählt Geschäftsführer Johannes Reck auf: Vatikanische Museen, Wolkenkratzer Burj Khalifa in Dubai, Eiffelturm, Van Gogh Museum in Amsterdam. Doch könne man auch den Besuch eines Wrestling-Kampfs in Mexiko-Stadt oder eine Tour zu den Polarlichtern im Norden Norwegens buchen. Wie er weiter berichtet, gibt der Durchschnittskunde auf seiner Plattform etwa 100 bis 200 Euro je Reise aus.

          Lange hat Reck die eigenen Angebote über Getyourguide ganz normal gebucht. Das letzte Mal tat er das mit der Tour zum Berliner Lichter-Festival, bei dem die Wahrzeichen der Stadt mit farbenfrohen Mustern angestrahlt werden – und der Geschäftsführer spezielle Plätze ganz vorn im Bus reserviert hatte und mit einer Champagner-Flasche ankam. „Meiner Verlobten war das zu bunt. Jetzt bucht sie inkognito.“ Aber so viel verrät er dann doch. Anfang Oktober steht ein Urlaub in Andalusien an. Über die eigene Seite im Netz plant er den Besuch der Alhambra, einen Tagesausflug durch die Sierra Nevada und Führungen durch Cordoba und Sevilla.

          Wachsen mit der „Strategie Amazon“

          Städtereisen sind ein Wachstumsmarkt. Und immer mehr Leute organisieren ihre Ausflüge, wenn sie angekommen sind – mit dem Handy im Netz. Wo findet man die besten lokalen Erlebnisse? Nur wenige Anbieter haben im Internet eine Chance. Wer an den meisten Orten mit vielen Produkten präsent ist, wird „online“ zur ersten Adresse. Nur die Großen überleben. Vermutlich gibt es für diesen speziellen Markt lokaler Touren und Tickets nicht mehr Raum als für drei Anbieter. Das ist die Lehre von anderen Marktplätzen im Internet. Daher ist für Reck, der mit drei Kommilitonen die Plattform gegründet hat, Wachstum wichtiger als Gewinn. Man könnte es nach dem nunmehr dominierenden Online-Händler die „Strategie Amazon“ nennen.

          In vier Finanzierungsrunden haben Kapitalgeber über die Jahre insgesamt fast 180 Millionen Dollar (gut 150 Millionen Euro) in die Geschäftsidee gesteckt. Mittlerweile haben Reisende aus mehr als 155 Ländern über ihr Portal mehr als 20 Millionen Touren, Tickets und Aktivitäten gebucht. Eigene Büros gibt es derzeit in 14 Ländern, mit Tokio werden es 15 sein. Der Umsatz von Getyourguide verdoppelt sich nach Recks Angaben jedes Jahr. Ein Fünftel des Geschäfts entfalle auf Eintrittskarten von Museen, berichtet er.

          60 Prozent des Umsatzes werde mit Erlebnissen darum herum erzielt. Ein weiteres Fünftel entfalle auf Dinge wie Kanaltouren, Hüpf-rauf-Hüpf-runter-Busfahrten, Kochkurse, Transfers, Shows und Events. Neuestes Produkt: Touren unter dem eigenen Namen mit dem Zusatz „Originals“. Es gibt dann einen eigenen Anlaufpunkt, wo die Kunden mit W-Lan ins Internet können, Wasser bekommen oder ihr Handy aufladen können.

          Kunstkritische Führung für die Deutschen, zügiges Selfie für die Chinesen

          Die Touren sollen so gestaltet werden, wie es frühere Teilnehmer angeregt haben. Und die Vorstellungen sind sehr unterschiedlich. Beispiel Vatikanische Mussen: Der Deutsche wünscht sich eine fundierte kunstkritische Führung mit einem Experten, der seine Sprache spricht. Das kann dann gern ein paar Stunden dauern. Der Chinese legt mehr Wert auf das zügige „Selfie“.

          Wer durch die Büros in Prenzlauer Berg schlendert, sieht viele Menschen in Großraumbüros hinter Bildschirmen, die Wände sind mit bunten Zetteln gepflastert, auf den Gängen hört man fast nur Englisch. Rote Sitzkissen auf einem gestuften Podest, auf denen Leute sitzen und miteinander diskutieren – alles so, wie man sich die Dekoration einer Fernsehserie vorstellt, die in der Gründerszene spielt.

          Knapp 500 Mitarbeiter hat das Unternehmen bereits. Die meisten arbeiten in Berlin, einige in Zürich, was damit zu tun hat, dass die Gründer einst an der Eidgenössischen Technischen Hochschule studiert haben. Jedes Jahr wächst die Zahl der Mitarbeiter um 70 bis 80 Prozent. Der 33 Jahre alte Geschäftsführer spricht von 400 Leuten, die er in den nächsten zwölf Monaten einstellen muss. Jeden Tag spricht er mit Kandidaten. Oft werden diese extra aus einem fernen Land eingeflogen, um zu ergründen, ob der Bewerber in die Unternehmenskultur passt.

          Zwischen Politikbetrieb und Gründerszene

          Im Unternehmen sind gerade noch 12 Prozent der Mitarbeiter Deutsche, in der Softwareentwicklung sind es weniger als 10 Prozent. „Das größte Problem, das wir haben, ist der Mangel an Fachkräften“, betont Reck. „Während alle Leute hitzig über die Flüchtlinge diskutieren, denke ich die ganze Zeit, das wirkliche Zukunftsproblem ist eine ganz andere Migrationsfrage: Wie kriegen wir mehr gute Leute hierher?“ Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner und der frühere CDU-Generalsekretär Peter Tauber haben das Start-up schon besucht. Reck hat die Bundeskanzlerin auf Gründer-Terminen erleben können. Angela Merkel hat ihn mit ihrer Sachkenntnis, mit ihrem tiefen Einsteigen in Probleme beeindruckt.

          Und doch beklagt er ein merkwürdiges Nebeneinander in Berlin: hier die wuselige Gründerszene, dort der behäbige Politikbetrieb. Das eine hat wenig mit dem anderen zu tun. Die einen beschließen ein Rentenpaket, das die anderen wenig interessiert. Dass politische Entscheidungsprozesse zäh sind und viel Zeit brauchen, bringt Reck an den Rand der Verzweiflung. Er spricht von Parallelwelten. Er wünscht sich Politiker mit Visionen. Er fordert mehr Aufbruch. Drei Dinge hält er für geboten: erstens klare Einwanderungregeln für Top-Talente, zweitens eine riesige Bildungsoffensive, um Software-Talente zu fördern, drittens das Aufbrechen von Verkrustungen, damit sich Pensionsfonds und Versicherungen mit ihrem Kapital an Start-ups beteiligen können.

          Ans Verkaufen denken die Gründer nicht, auch wenn sie von dem Geld vermutlich den Rest ihres Lebens im Luxus schwelgen könnten. Er spricht von einem Lebenswerk, seine Mitgründer sehen das nicht anders. Reck bringt seine Motivation auf die Formel: „Die Chance zu so einer Gründung hat man nur ein Mal im Leben – und die gilt es zu nutzen.“

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