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Gründerserie : Nicht jeder braucht eine Drohne

  • -Aktualisiert am

Gründer von Flynex: Michael Petrosjan, Christian Caballero und Andreas Dunsch (von links) Bild: Robert Gommlich

Viele Unternehmen wollen Drohnen kaufen, doch nicht jedes weiß, wie Daten vernünftig ausgewertet werden können. Diese Marktlücke haben Start-up-Gründer entdeckt, die auf ihre Erfahrung bei der Bundeswehr zurückgreifen können.

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          Ich mach was mit Drohnen“ ist heute fast Trend. Ein Trend, der kaum hinterfragt wird, wie Andreas Dunsch beklagt. Dunsch ist Gründer und Vorsitzender der Geschäftsführung des Start-ups Flynex. Dabei sei doch die Frage, was man eigentlich wolle und ob man dafür überhaupt eine Drohne brauche. „Die meisten Unternehmen wollen doch gar nicht fliegen, die wollen Daten“, stellt der ehemalige Fallschirmjägeroffizier fest.

          Dafür reiche manchmal auch ein Handyfoto oder eine Satellitenaufnahme. „Wir denken vom Ende her und fragen, was soll das Ergebnis sein“, beschreibt Dunsch das Vorgehen seines Unternehmens. Und wenn dann Drohnen tatsächlich eingesetzt werden, will Flynex den Kunden ermöglichen, die Technologie der unbemannten Luftfahrtsysteme skalierbar einzusetzen.

          Der 35 Jahre alte Unternehmensgründer weiß, wovon er spricht: Dunsch hat in seiner 13-jährigen Bundeswehrzeit mit Drohnen gearbeitet und die Daten, die die Drohnen gesammelt haben, analysiert. Vor Ende seiner Dienstzeit merkte der ehemalige Hauptmann bereits, dass Nutzer in der zivilen Welt die operativen Prozesse unterschätzten, welche die Drohnen-Technologie mit sich bringt. Mit zwei weiteren Ex-Offizieren seiner Truppengattung entstand die Idee, Unternehmen dabei zu unterstützen.

          Viele Einsatzmöglichkeiten für verschiedene Branchen

          Den Gründern war klar, dass sie die Beratung automatisieren müssten, um möglichst viele Anwendungsfälle abdecken zu können. Daher lag es nahe, ein Software-Unternehmen zu gründen. Viele Entwickler winkten aufgrund der Komplexität des Vorhabens ab. Über einen gemeinsamen Kontakt lernte Dunsch den Software-Entwickler Holger Dirksen kennen. Nach einem einstündigen Gespräch war Dirksen überzeugt und antwortete: „Lass machen.“ Zu viert gründeten sie im September 2015 ihr Unternehmen Flynex in Hamburg, zunächst ohne Konzept, nur mit der Absicht, ihre Idee umzusetzen.

          „Wir wissen, wie es beim Militär funktioniert, und haben Erfahrung damit, Prozessketten zu verknüpfen“, beschreibt Dunsch seinen Wissensvorsprung, der ihm die Konzeption eines dreistufigen Projektmanagementtools erlaubte. „Es gibt keine Branche, die keinen Anwendungsfall hat“, behauptet er. „Denn die Frage ist nicht, was macht das Unternehmen im Kern, sondern wo sind die Anwendungsfälle innerhalb der Wertschöpfungskette.“

          So kommen Vogel-Drohnen an Flughäfen zum Einsatz, um Vogelschwärme wegzulocken, oder Umweltschutz-Organisationen lassen den Baumbestand ermitteln, in Automobilwerken sollen Drohnen den Werkschutz unterstützen, oder Logistikunternehmen zählen auf diese Weise den Bestand im Hochregallager. Drohnen leisten auch Rettungsmannschaften Dienste, um Rettungsreifen abzuwerfen.

          Karte zeigt Einschränkungen in ganz Deutschland

          Erst wenn klar ist, welcher Erkenntnisgewinn von Kunden erwartet wird, stellt Flynex Überlegungen an, ob und, wenn ja, welche Art von Drohne gebraucht wird: Soll sie inner- oder außerhalb eines Gebäudes fliegen, welche Reichweite und Flughöhe soll sie haben, welche Art von Messsensorik muss die Drohne tragen, um die Daten zu erheben. „Beim Militär gibt es die kleinsten und größten Drohnen mit einem Gewichtsspektrum von 17 Gramm bis 7 Tonnen“, begründet Dunsch seinen Erfahrungsvorsprung.

          Da jeder Aufstieg je nach Ort und Gewichtsklasse der Drohne anderen Auflagen unterliegt, nicht zuletzt durch die im April 2017 erlassene Regulierung, hat Flynex eine detaillierte, frei verfügbare Karte für Deutschland entwickelt. Als Erstinformation zeigt sie, welche Einschränkungen wie Windräder oder Stromleitungen und Verordnungen in dem jeweiligen Gebiet zu beachten sind.

          Investoren unterstützen das Start-Up

          Die aktualisierten Informationen erhält Flynex auch von der Deutschen Flugsicherung in festgelegten Zyklen. Bereits 10.000 Nutzer verwenden die Karte, denn die Übersetzung von behördlichen Auflagen in allgemein verständliche Angaben durch Flynex entlastet die Gratis-Nutzer.

          Wenn Kunden die Software online buchen, können sie ihre Flugrouten nicht nur gut planen, sondern auch die Genehmigungen für das Überfliegen digital beantragen. Zudem will Flynex seine Kunden bei der Auswahl von Partnern unterstützen, die Drohnen herstellen oder vermieten und Piloten vermitteln.

          Wo darf die Drohne überhaupt fliegen? Flynex bietet eine Karte mit Hinweisen und Einschränkungen für ganz Deutschland.
          Wo darf die Drohne überhaupt fliegen? Flynex bietet eine Karte mit Hinweisen und Einschränkungen für ganz Deutschland. : Bild: dpa

          Die Finanzierung des Start-ups stemmten die vier Gründer am Anfang aus eigenen Mitteln und erhielten im September 2016 eine Förderung durch das Inno-RampUp-Förderprogramm der Hamburgischen Investitions- und Förderbank. Kurz vor der Markteinführung erhielt das Unternehmen von weiteren Investoren – Technologiefonds Sachsen Plus und High-Tech Gründerfonds – eine siebenstellige Summe, um den Unternehmensaufbau und die Markteinführung sicherzustellen. Eine Auflage des Investors sah vor, den Unternehmenssitz nach Sachsen zu verlagern. Damit hat Flynex mit seinen zwölf Mitarbeitern zwei Standorte: Leipzig und Hamburg. Die ehemaligen Offiziere, die auch Abschlüsse im internationalen Management haben, ließen von ihren sieben hauseigenen Programmierern verschiedene Module in die Software integrieren, die eine weitere Nutzung der Daten nach dem Drohnenflug mit Kooperationspartnern von Flynex erlauben: So können damit, je nach Bedarf, Fassaden- oder Trassenanalysen erfolgen, Thermalaufnahmen ausgewertet oder auch 3D-Rundgänge in Gebäuden erstellt werden.

          Arbeitet Flynex bald international?

          „Uns ist kein weiteres Unternehmen bekannt, das mit unserem Ansatz in Europa am Markt ist“, beschreibt Dunsch die Wettbewerbssituation. Derzeit arbeitet Flynex in Pilotprojekten bei Kunden aus der Automobilindustrie, Energiebranche und Bauwirtschaft. Damit wurde 2017 ein fünfstelliger Umsatz erzielt.

          „Wir stehen noch am Anfang und konzentrieren uns darauf, unsere Lösungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, sagt Dunsch an seinem letzten „Schultag“. Sein Start-up war Teil der fünften Klasse des Accelerator-Programms im Spinlab der Handelshochschule Leipzig, das den teilnehmenden Start-ups Räume und Coaching zur Verfügung stellt. „Wir möchten hier bleiben“, sagt Dunsch. „Das Gründerumfeld ist sehr gut.“ Ende 2018 steht für Flynex die Folgefinanzierung an, zumal die Skalierbarkeit seines Unternehmens offenkundig in der Internationalisierung der Dienstleistung liegt. Der Grundstein dazu sei gelegt, mehr wolle man dazu noch nicht sagen.

          Die Gründer

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