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Gründerserie : Aus Daten werden Bilder

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Ingmar Franke, Jan Wojdziak, Franziska Hannß und Dietrich Kammer (von links) haben das Unternehmen „Gesellschaft für Technische Visualistik“ gegründet. Bild: Matthias Lüdecke

Ein Dresdner Start-up beginnt mit einem Auftrag für einen Konzern – und macht gute Erfahrungen mit diesem Modell. Die erste Million Umsatz ist geschafft und die Weichen für die Zukunft sind gestellt.

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          Die Gründung war für uns der einzige Weg“, sagt Jan Wojdziak, einer von vier Gründern des Dresdner Start-ups „Gesellschaft für Technische Visualistik mbH“ (GTV). Als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Mediengestaltung der Technischen Universität (TU) Dresden hatte Wojdziak mit seinen Kollegen und späteren Mitgründern Dietrich Kammer, Martin Zavesky und Ingmar Franke in industrienahen Forschungsprojekten gearbeitet, als sie für den damaligen Auftraggeber eine Software entwickelten. Diese sollte allerdings auch gewartet werden. „Das ist mit dem Auftrag einer Universität nur schwer vereinbar“, sagt Wojdziak. „So haben wir die Gelegenheit genutzt und ausgegründet.“

          Im Oktober 2012 ließen die promovierten Ingenieure ihre Gesellschaft mit eigenem Kapital in Dresden eintragen und stellten weitere acht wissenschaftliche Mitarbeiter der TU ein. „Natürlich sind Neugründungen ein Risiko, aber entgegen der befristeten Verträge an der Uni erhielten wir die Perspektive, die ein Start-up bietet“, erinnert sich Franziska Hannß, Medieninformatikerin und Prokuristin bei GTV an den Schritt. Nachdem sich einer der Gesellschafter für eine andere berufliche Entwicklung entschied, musste das junge Team zwei Jahre nach der Gründung die Aufgabenteilung umorganisieren. Die verbliebenen Gründer haben die Mitarbeiterzahl mittlerweile auf zwanzig erhöht, wobei die Hälfte in Teilzeit beschäftigt ist.

          Weitere Auftraggeber aus der Automobilindustrie, aber auch Museen und Banken sind als Kunden hinzugekommen. „Wir visualisieren große Datenmengen, entwerfen individuelle Schnittstellen und entwickeln maßgeschneiderte Software“, beschreibt der 36 Jahre alte Wojdziak das Kerngeschäft von GTV. Hannß, die in Teilzeit an der TU promoviert, sieht eine große Schnittmenge zwischen GTV und der Technischen Universität: Der permanente Wissenstransfer und die Zusammenarbeit mit den Studenten, die schon während ihres Studiums GTV kennenlernen, sind ein großer Vorteil. „Die Uni brodelt“, sagt sie. „Das ist eine Innovationswerkstatt.“ Von diesem Knowhow würden ihre Kunden profitieren, die gezielt im forschungsnahen Umfeld nach Partnern suchen.

          Die nächste Stufe der Digitalisierung

          So kam es auch zu der Zusammenarbeit mit dem Automobilhersteller Porsche, der an seinem größten Fertigungsstandort, dem Werk Leipzig, am Qualitätsmanagement der Zukunft arbeitet. Im eigens dafür eingerichteten Inno-Space wird seit Sommer 2017 Start-ups und Spin-offs aus Universitäten Raum gegeben, in enger Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern aus der Produktion Neues zu entwickeln. „Das bietet uns die Möglichkeit, Innovationen und kreative Mitarbeiterideen aufzunehmen, weiterzuentwickeln und so neuartige Lösungsansätze zu erarbeiten“, sagt Jonas Buch, Mitarbeiter im Bereich Unternehmensorganisation von Porsche.

          Um für die stetige Optimierung die nötigen Voraussetzungen zu schaffen, hat das Unternehmen dort die IT-Infrastruktur seines Werkes in Teilen nachgebildet, in dem die Abläufe der gesamten Fabrik simuliert werden können. „Im Inno-Space können wir die erarbeiteten Lösungen testen, ohne die Abläufe in der Fabrik zu stören und sie später geordnet implementieren“, sagt Buch.

          Als eines der ersten der zehn Start-ups, die im Inno-Space arbeiten, konnte GTV dort in großen Teilen eine Augmented-Reality-Anwendung (AR) exklusiv für diesen Auftraggeber entwickeln, mit der Qualitätskontrollen am Fahrzeug durchgeführt werden. Dabei wird die mit der Kamera erfasste Stelle eines Bauteils über eine computergenerierte Konstruktionszeichnung gelegt und in jeder Phase der Produktion kann die Soll-Ist-Abweichung in 3D angezeigt werden. Die Software erkennt sofort das betreffende Bauteil oder die Fuge und zeigt die Darstellung auf einem Tablet-Computer an. Die ermittelten Daten können so etwa Zulieferern in Echtzeit weitergeleitet und weltweit über die zentrale Datenbank des Werkes verschiedenen Nutzern sofort verfügbar gemacht werden.

          Neue Funktionen werden viel schneller eingebaut

          „Unsere agile Arbeitsweise und die sehr kurzen Zyklen zur Vorstellung der neuesten Arbeitsstände haben die zeitnahe Entwicklung begünstigt“, sagt Hannß, die Projektleiterin von GTV. „Durch die Nähe zu den Nutzern unserer Anwendungen können die Funktionen ohne großen Vorlauf getestet und die Anpassungen zeitnah vorgenommen werden.“

          „Auf diese Weise können Innovationen schneller in den Produktiveinsatz gebracht werden“, begrüßt auch Wojdziak diese Zusammenarbeit. „Das ist kein Vergleich zu früher, als Software von Unternehmen bestellt wurde und die Anwender nach langer Entwicklungszeit etwas bekamen, womit sie nicht effektiv arbeiten konnten.“

          Durch dieses AR-Projekt hat GTV viel gelernt. „Es ist spannend, sich als kleines Unternehmen, das dynamisch agiert, in den etablierten Strukturen eines Großkonzerns zu bewegen und die Zusammenarbeit zum Erfolg zu führen“, sagt Wojdziak. Am Ende zähle, dass die Anwendung alle Anforderungen erfülle und so für die Mitarbeiter nutzbar sei.

          Dieses, auch als Corp-up bezeichnete Konzept, in Innovationsräumen großer Firmen (Corporates) Start-ups mit bezahlten Projekten anzusiedeln, erfolgt meist ohne finanzielle Beteiligung. Es handelt sich häufig um Partnerschaften im Ein- und Verkauf oder in der Produktinnovation. Dabei dient dieses Konstrukt den Interessen beider Seiten, denn so kann schnell herausgefunden werden, ob die Kooperation einen Mehrwert bringt, die verschiedenen Unternehmenskulturen können parallel gelebt werden, den Großkonzernen steht es offen, auch mit anderen Start-ups zu kooperieren und ohne finanzielle Verflechtung bringen sie sich in keine langfristige Abhängigkeit.

          Mit ihrem Umsatz von knapp einer Million Euro im Jahr 2017 sieht Wojdziak der Zukunft optimistisch entgegen, denn an weiteren Projekten mangelt es nicht. Für zusätzliches Wachstum hat GTV die Weichen gestellt: Ein zweiter Standort an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg ist bereits entstanden, um die enge universitäre Zusammenarbeit auszubauen.

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