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Entsalzungsanlagen : Berliner Wasserkioske liefern in Afrika sauberes Wasser

Die Gründer von Boreal Light: Ali Al-Hakim (links) und Hamed Beheshti Bild: Matthias Lüdecke

Zwei Jungunternehmer aus Berlin installieren solarbetriebene Entsalzungsanlagen in Kenia. Ihr Wasserhaus hilft den Ärmsten und soll Profit machen. Jetzt interessieren sich große Konzerne dafür.

          4 Min.

          Viele Millionen Menschen in Afrika haben keinen Zugang zu gutem Trinkwasser. Was sie aus ihren Bohrlöchern, aus Flüssen oder Seen herausholen, ist salziges Brackwasser. Es ist kaum genießbar und oft gesundheitsschädlich. Vor allem in Ostafrika leiden große Teile der Bevölkerung darunter. Wasser zu entsalzen kostet viel Geld mit den üblichen energiefressenden Entsalzungsanlagen. Für einen Kubikmeter Trinkwasser zahlt man in Kenia mindestens 40 Euro – zu teuer für die Armen in den ländlichen Gemeinden, die nicht mal ans Stromnetz angeschlossen sind.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Das soll sich jetzt ändern: mit solarbetriebenen Wasserentsalzungsanlagen. Auf der Insel Wasini im Indischen Ozean im Süden Kenias gibt es kaum Infrastruktur: kein Stromnetz, kein Fließwasser, keine befestigten Straßen. Aber sauberes, günstiges Trinkwasser soll es hier bald geben. Dieser Tage bauen Techniker einen „Wasserkiosk“ auf. Entwickelt haben den Wasserkiosk zwei in Berlin ansässige Jungunternehmer, Hamed Beheshti und Ali Al-Hakim. Fünf mal vier Meter Grundfläche hat der Kiosk, er sieht von außen aus wie ein Baustellen-Container. Auf dem Dach sind Solarzellen montiert – das ist ein Unterschied zu anderen Entsalzungsanlagen, die einen Stromanschluss oder einen Dieselgenerator benötigen. „Mit diesem Wasserkiosk wird der Preis radikal gesenkt, wir verkaufen einen Kubikmeter Wasser für etwa 20 Euro, also 2 Cent je Liter, das ist weniger als die Hälfte als sonst in Kenia und ein Viertel des in Wasini Üblichen“, erzählt Start-up-Gründer Beheshti. Im März öffnet der Kiosk auf der Insel.

          Weiter Weg zum Start-up

          Zeitgleich wird ein zweiter in Kitangela, südlich von Nairobi eingerichtet. Beim Aufbau der Projekte hilft die Deutsche Auslandshandelskammer in Nairobi. „Das war der Hauptgrund, warum wir in Kenia starten“, sagt Beheshti. Bis Ende 2018 planen er und sein Partner Al-Hakim, in Kenia und Nachbarländern 18 Wasserkioske zu installieren. Auf einer Ostafrika-Landkarte in Beheshtis Werkstatt sind lauter rote Punkte eingeklebt für die künftigen Kioske.

          Ihr Büro und ihre Werkstatt sind in einem Berliner Technologie-Gründerzentrum, in Adlershof, im Süden der deutschen Hauptstadt untergebracht, der Senat fördert dort Start-ups. Der 34-jährige Jungunternehmer Beheshti hat einen weiten Weg zurückgelegt bis hierher. Er ist gebürtiger Iraner und hatte Elektrotechnik studiert und anschließend in Ostasien in der Solarindustrie gearbeitet. Als er an der American University in Beirut studierte, vermittelte ihm sein dortiger deutscher Betreuer ein Stipendium des UN-Umweltprogramms für Deutschland. Erst ging Beheshti an die TU Dresden, anschließend schrieb er an der Freien Universität Berlin eine Doktorarbeit. Sein Partner Ali Al-Hakim, gebürtiger Iraker, kam schon als Kind nach Deutschland. Der heute 33-Jährige hat Maschinenbau an der TU Berlin studiert.

          Die Luxusvariante ist keine Lösung

          2013 gründeten sie ihr Unternehmen Boreal Light. Beheshti hatte dafür eine kleine Immobilie in Iran verkauft, die ihm gehörte, sein Kompagnion Al-Hakim hat all seine Ersparnisse eingebracht. Durch eine Crowd-Funding-Kampagne kamen weitere 125.000 Euro zusammen, die Beteiligungsgesellschaft GreenTec Capital Partners gab zusätzliches Startkapital. Zunächst entwickelten sie einen Prototyp für eine Klein-Windanlage mit sehr leichter Turbine. Doch eine Produktion hätte eine Drittelmillion Euro gebraucht – diese Kapitalhürde war zu hoch.

          Ihre zweite Idee war dann der Wasserkiosk. Die beiden haben dafür bestehende Systeme für Entsalzungsanlagen radikal vereinfacht. „Andere Anbieter für solche Kleinanlagen zur Wasserentsalzung bauen diese meist für Yachten, das sind Luxuslösungen wie ein Ferrari“, sagt Beheshti. Solche Apparate könne man sich in afrikanischen Dörfern niemals leisten, verstanden die beiden Firmengründer nach mehreren Reisen nach Kenia. „Wir haben keinen Ferrari, sondern einen Toyota gebaut“, erklären Beheshti und Al-Hakim. Sie verwenden günstigste, aber robuste Komponenten: ein einfacher, solargetriebener Elektromotor, einfache Pumpen, die das Wasser mit hohem Druck durch eine Membran pressen, Gummischläuche statt teurer Edelstahlleitungen, handbetriebene statt elektrisch gesteuerter Ventile.

          Wasserkiosk mit sozialer Komponente

          Damit konnten sie den Preis für die Anlage, die aus gut 400 Einzelteilen besteht, auf rund 22.000 Euro senken. Das ist immer noch viel, aber eben halb so viel wie bisherige Produkte. Und die Maschine ist so robust und einfach, mit einem einzigen Ein-/Aus-Schalter, dass sie nicht schnell kaputtgeht und im Bedarfsfall von lokalen Technikern repariert werden kann.

          Trinkbar oder Brackwasser? Millionen Menschen in Afrika haben keinen Zugang zu gutem Trinkwasser.

          Nun starten sie mit der Installation der ersten Anlagen. Ihre Projekte haben auch lokale Politiker in Kenia so sehr überzeugt, dass sie den beiden Jungunternehmern gratis Land überlassen als Standort für ihre Container. Denn die Wasserkioske bieten nicht nur günstigeres Trinkwasser. „Sie sind zugleich soziale Treffpunkte: Es gibt drinnen eine kleine Bibliothek mit hundert Kinderbüchern, die uns Hilfsorganisationen spenden. Dann gibt es eine Ladestation für Mobiltelefone, W-Lan für Internet, einen Kühlschrank, in dem beispielsweise Medizin gelagert werden kann. Und zudem werden Lebensmittel, zum Beispiel Kekse, verkauft“, erzählt Beheshti. Der Kiosk auf der Insel Wasini steht neben der lokalen Schule. Deren Rektor freut sich, dass hier technische Ausbildungen stattfinden können.

          Hilfsorganisationen und Konzerne sind interessiert

          Je Wasserkiosk beschäftigen sie drei Personen, zwei für Betrieb und Verkauf und einen Wachmann für die Nacht. Insgesamt zehn Angestellte hat das kenianische Tochterunternehmen der beiden schon. Die beiden Unternehmer betreiben die Anlagen selbst, laut Planung soll ein Kiosk 2600 Euro Umsatz im Monat machen. Innerhalb von drei Jahren soll sich die Investition amortisieren und die Gewinnschwelle erreicht sein. Was ist dabei ihre Motivation? „Wir sind kein Wohltätigkeitsprojekt, wir wollen Profit machen“, stellt Beheshti klar. „Aber es erfüllt uns mit Freude, dass unser Geschäft mit dem Wohlergehen der ärmsten Menschen verbunden ist“, sagt er.

          Inzwischen haben sich die Hilfsorganisationen Oxfam und Care International bei Boreal Light gemeldet, die Wasserkioske für den Jemen kaufen wollen. Der italienische Süßwarenkonzern Ferrero schickte eine große Managergruppe nach Berlin-Adlershof, die sich die Entsalzungsapparatur anschauten. Auch der niederländische Tiernahrungshersteller Nutreca und der Konsumgüterkonzern Unilever sind interessiert. Vor kurzem gab es noch eine freudige Nachricht für die Gründer: Ihr Start-up wurde als „European Food Startup of the Year“ prämiert. Das Preisgeld von 50.000 Euro stecken sie in den Aufbau ihrer Firma.

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