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Berliner Start-up Hund Hund : Mode aus dem Goldfischglas

„Für die meisten Fabriken sind wir zu klein“

Bevor Hoole und Kücke starten konnten, stand aber zunächst die mühsame Suche nach Produzenten in Europa an. Schließlich wollte man lange Transportwege vermeiden und möglichst gut die Arbeit in den Fabriken selbst inspizieren können. „Anfangs sind wir fast einen Monat lang durch Portugal gereist und haben Kontakte gesammelt“, erinnert sich Hoole. Zwar hatten beide Erfahrungen in der Modebranche, aber eine Lieferkette aufbauen und Produzenten finden war völliges Neuland.

Ihr Wunsch nach möglichst langlebigem Material machte es noch mal komplizierter. „Wir brauchen gute Qualität und gute Preise, sind aber für die meisten Fabriken zu klein“, sagt Hoole. Von einem Kleidungsstück lassen sie derzeit rund 150 Stück anfertigen. Neue Entwürfe testen sie mit bis zu acht Exemplaren. Produziert wird in Portugal, Polen, Litauen und Rumänien.

Robuster Entwurf: Das Atelier-Gebäude „Lobe“ im Berliner Ortsteil Wedding soll Arbeiten und Leben, Privates und Öffentliches vereinen – und das mindestens ein halbes Jahrhundert lang.
Robuster Entwurf: Das Atelier-Gebäude „Lobe“ im Berliner Ortsteil Wedding soll Arbeiten und Leben, Privates und Öffentliches vereinen – und das mindestens ein halbes Jahrhundert lang. : Bild: Andreas Pein

Das Team in Berlin besteht aus vier festen Mitarbeitern und diversen Freiberuflern. Isabel Kücke kümmert sich um das Design, Hoole um Finanzen, Organisation und Marketing. Interviews gibt in der Regel nur er. Seine Partnerin bleibt lieber im Hintergrund und brütet über potentiellen Neuheiten. Als Mann fürs Finanzielle berechnet Hoole auch die einzelnen Kostenbestandteile.

„Da ist nicht viel Raum für Fehlgriffe“

Bei einem Dauerbrenner, der Herrenhose aus Wolle namens „Fre“, fallen demnach für den Stoff 9,86 Euro an, das Sticken kostet 20 Euro, und für das Fotoshooting berechnet Hoole anteilig 2,07 Euro. Zusammen mit Hardware, Steuern und Marketingkosten stehen so Kosten von 59,55 zu Buche, die Hose verkauft Hund Hund für 129 Euro – ergibt eine Marge von 69,45 Euro. „Da ist nicht viel Raum für Fehlgriffe“, sagt Hoole. Bislang habe man aber vielleicht einen Style verpatzt, die meisten Stücke seien recht schnell vergriffen.

Einen Schlussverkauf gebe es so gut wie nie. Bislang scheint die Strategie aufzugehen. 2019 werde man wohl dreimal so viel verkaufen wie 2018, der Großteil der Bestellungen kommt neben dem deutschsprachigen Raum aus Frankreich und Großbritannien. Kommendes Jahr plant das Duo erstmals mit einem Umsatz im siebenstelligen Bereich.

Natürlich haben auch die Konzerne das Thema Nachhaltigkeit für sich entdeckt. Ganz gleich ob H&M, Zara oder C&A – vermeintlich grüne Kollektionen sind längst Standard, obgleich der Anteil am jeweiligen Gesamtumsatz gering ausfällt. Diese mächtige Konkurrenz sorgt Hoole nicht, im Gegenteil: „Je mehr Unternehmen nicht bloß Greenwashing betreiben, desto besser.“

Überbleibsel der Produktion von Luxuslabels

Zudem würden nachhaltige Materialien so erschwinglicher für kleine Labels. Hund Hund arbeitet derzeit viel mit Tencel – eine industriell-hergestellte Faser aus Holz –, und im Winter kaufe man rund 75 Prozent des Stoffes aus den Überbleibseln der Produktion von Luxuslabels. Diese „Resteverwertung“ hat allerdings einen Nachteil: Über die genaue Herkunft ihres Stoffes und die Arbeitsbedingungen etwa auf den Baumwollplantagen wissen die beiden Gründer meist relativ wenig.

Mehr finanziellen Spielraum für Hund Hund verspricht sich Hoole derweil durch ein zweites Standbein. Wie einst das schwedische Modelabel Acne haben sie eine Agentur gegründet.

Für den ersten Kunden – ein kalifornisches Möbelunternehmen – gestaltet Hoole aktuell eine neue Website und kümmert sich um die digitale Werbestrategie. Groß bewerben wollen sie das neue Angebot aber nicht, das Modelabel soll das Hauptgeschäft bleiben. Ein Treffen mit dem Auftraggeber haben sie so kurzerhand auch für ein Hund Hund-Fotoshooting in Kalifornien genutzt.

Zur Normalität dürfte das freilich nicht werden, selbst wenn das Modegeschäft stark wachse. „Wir sind kleine Eremiten“, sagt er. Rummel meidet das Paar lieber, auch die Fashion Week in Berlin lassen sie stets links liegen. Von einem großen Unternehmen träumen sie ohnehin nicht. „Wir mögen es, alle unsere Partner zu kennen, und das soll so bleiben“, sagt Hoole. Ein Ladengeschäft in Berlin darf es irgendwann aber schon sein – gerne auch im Verbund mit Marken von Freunden. Doch dafür müsse alles passen.

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