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Die große Mommsen-Tagung : Woher weht der alte Wind?

  • -Aktualisiert am

Im Mantel der Geschichte: Gabriel de Saint-Aubin, Der Triumph des Pompeius. Bild: The Metropolitan Museum of Art

Auf der großen Mommsen-Tagung in Berlin zogen die Altertumswissenschaftler eine Bilanz der „turns“ der vergangenen drei Jahrzehnte. Auch die Forschungsförderung nimmt Einfluss auf die Forschungstrends.

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          Geisteswissenschaftler sind wendig, müssen es sein. Sie vertreten Fächer, in denen die Substanz des Wissens, anders als in den Naturwissenschaften, nicht exponentiell zunimmt. Speziell die historischen Wissenschaften müssen sich mit einem Quellenbestand bescheiden, der nur begrenzt vermehrbar ist. Ganz besonders gilt das für die Altertumswissenschaften. Mag die Feldforschung auch Jahr für Jahr mit teils sensationellen Funden aufwarten, im Kern arbeiten die Klassischen Archäologen, Althistoriker und besonders Altphilologen, die sich unlängst an der Freien Universität Berlin zur 35. Großen Mommsen-Tagung versammelten, mit dem gleichen Inventar an Zeugnissen wie der Namensgeber ihrer Fachgesellschaft vor mehr als hundert Jahren.

          Zum Glück gibt es immer wieder neue Fragen, die Bekanntes aus neuer Perspektive sehen lehren. Angefangen mit der „sprachwissenschaftlichen Wende“ der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, schlagen den Innovationsanstrengungen die sogenannten „Turns“ den Takt. In immer rascherer Folge werden neue Wenden ausgerufen: vom materiellen über den räumlichen bis zum ökologischen Turn.

          Auf der Mommsen-Tagung hat der einschlägig versierte Althistoriker Egon Flaig nur dreien der unzähligen Turns epistemologische Relevanz zuerkannt: erstens dem „Ur-Turn“ der linguistischen Wende, zweitens dem mit dem Namen Pierre Bourdieu verknüpften praxeologischen Turn, der die Fixierung der Sozialwissenschaften auf Interessen aufgebrochen und auf die Bedeutung „nicht-utilitaristischer Motivation“ hingewiesen habe, und drittens dem memorialtheoretischen Turn, der sich auf Maurice Halbwachs beruft und dem in den neunziger Jahren Jan Assmann zum Durchbruch verhalf.

          Abgekoppelt von den Zeitläuften

          In zwei Punkten unterscheiden sich die Turns von älteren Paradigmenwechseln. Zum einen haben sie alle eine gemeinsame Stoßrichtung: Die Verfechter der Turns sind angetreten, die zuvor vor allem an sozial- und noch davor an politikwissenschaftlichen Fragestellungen interessierten historischen Wissenschaften auf einen konsequent kulturwissenschaftlichen Kurs und damit zur Interdisziplinarität zu verpflichten. Sie waren darin ausgesprochen erfolgreich. Zum Zweiten erfolgt der Anstoß zu den Turns nicht mehr wesentlich durch Themen, die von außen an die Wissenschaft herangetragen werden. Die Konjunktur der Turns hat sich von den Zeitläuften weitgehend entkoppelt und Eigendynamik entwickelt.

          Das liegt an den wissenschaftsimmanenten Anreizsystemen, die jene belohnen, die als Erste auf den anfahrenden Zug eines neuen Turns aufspringen. Ihnen winken Fördergelder für interdisziplinär angelegte Projekte der „Verbundforschung“, die sich in den Geistes- und Sozialwissenschaften meist um die jeweils aktuellsten Turns gruppieren. Drittmittelkönigen sind im heutigen Wissenschaftsbetrieb die Anerkennung der Hochschulleitungen und der nicht minder schmeichelhafte Neid der Kollegen sicher.

          Dem Unbehagen an den Turns als wissenschaftlichen „Kapitalgeneratoren“ hat vor zwei Jahren der Mediävist Jan Keupp in einem Blogbeitrag Ausdruck gegeben. Anstatt Komplexität zu reduzieren und so der Erkenntnis zu dienen, sei vielfach der „Schleier um die Dinge“ noch undurchdringlicher gemacht worden, monierte Keupp mit Blick auf den „material turn“.

          Ein hermetischer Jargon

          Der Preis, den die Geisteswissenschaft insgesamt für solche Glasperlenspiele zahlt, ist womöglich inakzeptabel: Die kulturwissenschaftlich gewendeten Disziplinen haben sich, was früher exklusives Vorrecht der Soziologie und teilweise der Philosophie war, zum Teil einen hermetischen Jargon zugelegt, der für die Kommunikation nach außen ungeeignet ist. Lassen sich die Erträge der Verbundforschung einem Publikum jenseits der Universität noch vermitteln? Dass es möglich ist, beweist die auf der Tagung mehrfach zitierte Frühneuzeithistorikerin Barbara Stollberg-Rilinger, eine Virtuosin der Verbundforschung, die in ihrer Maria-Theresia-Biographie aber den Käfig der Fachsprachen verlassen hat. Oft geschieht leider das Gegenteil: Alte Hüte werden mit dem Putz überkomplexer Sprache befrachtet und als letzter Schrei der Forschung feilgeboten.

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