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Die große Mommsen-Tagung : Woher weht der alte Wind?

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Zu besichtigen war das auf der Mommsen-Tagung gleich im Eröffnungsreferat des Kölner Althistorikers Karl-Joachim Hölkeskamp zur „Karriere“ der politischen Kultur als Konzept. Über die „Legitimierungen“ politischer Ordnungen und das „Aushandeln von Agenden“ reden wir jetzt schon eine ganze Weile. Seinem Prisma der politischen Kultur hätte Hölkeskamp weit mehr Erklärungskraft verleihen können, hätte er auf Begriffsungetüme à la „Ensemble nomologischen Wissens“ verzichtet.

Den Eindruck, dass biedere Forschung mit einem nur lose auf den Gegenstand bezogenen Großaufgebot an Theorie garniert wurde, hatte man bei manchen Vorträgen. Zuweilen fehlte es an Gespür dafür, dass die Gewinnung von Idealtypen Mittel der Erkenntnis ist – und nicht ihr Ziel. Hier und da zeigte sich die Fadenscheinigkeit der herangezogenen Denkfiguren: Bruno Latours „Agency“ der Dinge und seine „Akteur-Netzwerk-Theorie“ (ANT) konnte die Münchner Althistorikerin Babett Edelmann-Singer nicht zum Klingen bringen, obwohl ihr Beispiel von Alexanders Mantel, der durch seine schiere Präsenz im dritten Triumph des großen Pompeius im Jahr 61 vor Christus dem römischen Ritual einen neuen Sinn zuordnete, gut gewählt war. Doch der Versuch, kraft „material turn“ den Dingen eine Stimme zu geben, muss misslingen, weil die ANT letztlich ein Taschenspielertrick ist, der die Wirkungsmacht an die handelnden Personen zurückdelegiert.

Resistenz der gewachsenen Fachkultur

Allerdings wurde auch deutlich, dass die klassischen Altertumswissenschaften dem von Keupp beklagten Prinzip der Kapitalgenerierung durch Verunklarung mit ihrer gewachsenen Fachkultur einiges entgegenzusetzen haben. Sie schlagen sich tagtäglich mit in höchstem Maße sperrigen, widerständigen und gewiss nicht aus sich selbst heraus zu erklärenden Texten wie Artefakten herum und haben Hermeneutiken entwickelt, deren Tradition weit zurückreicht, deren Dynamik aber ungebrochen ist. Die „Konzentration auf das Kerngeschäft“ hat deshalb der Heidelberger Latinist Jürgen Paul Schwindt angemahnt. In subversiver Brechung des Konzepts hat Schwindt den „philological turn“ proklamiert und ein „philologisches Lesen“ gefordert, „ganz dicht an der Grasnarbe“.

Anders als die anderen Wenden will Schwindts Turn gerade nicht andere Wissenschaftszweige beglücken, sondern ist ein Appell zur Disziplinarität, zum Stöbern nach Verborgenem in den Repositorien fachlichen Wissens. Das philologische Lesen ist selbstverständlich offen für neues Erkenntnisinteresse und neue Fragen, aber es setzt Fertigkeiten doch zwingend voraus, die in der Begeisterung der Institutionen für Inter- und Transdisziplinarität verlorenzugehen drohen. Die nur vermeintlich banalste: Wer mit Lust Vitruv oder Sueton lesen will, muss Latein können, und das recht gut.

Der Orkan des Digitalen

Schließlich dürfte sich der von den Turns entfachte frische Wind wie ein laues Lüftchen ausnehmen gegen den Orkan des Digitalen, der gegenwärtig über die Geistes- und damit auch Altertumswissenschaften hereinbricht. Zur Frage, wie man Analoges künftig in Digitales wird übersetzen können, forscht schon seit geraumer Zeit Charlotte Schubert an der Universität Leipzig. Gemeinsam mit ihrem Projektmitarbeiter Hannes Karl zeigte sie, dass die Erstellung eines digitalen Index nur scheinbar trivial ist und tatsächlich einen grundlegenden Wechsel des hermeneutischen Modells markiert. Epistemologisch ist die digitale Wende auf einer ganz anderen Ebene angesiedelt als die Turns, die sich die Wissenschaft selbst verordnet hat.

Die Mommsen-Gesellschaft und ihre Vorsitzende, die Berliner Archäologin Johanna Fabricius, haben mit der diesjährigen Mommsen-Tagung Bilanz gezogen nach reichlich dreißig Jahren, in denen diverse Turns die geisteswissenschaftliche Landschaft maßgeblich geprägt haben. Die Leistungsschau der deutschsprachigen Altertumswissenschaften hat gezeigt, dass Archäologie, Philologie und Alte Geschichte dort am stärksten sind, wo sie ihre hermeneutische Kernkompetenz fest im Blick haben. Exemplarisch steht dafür der Kieler Gräzist Claas Lattmann, dessen Habilitationsschrift „Mathematische Modellierung bei Platon zwischen Thales und Euklid“ die Mommsen-Gesellschaft mit dem Bruno-Snell-Preis 2019 ausgezeichnet hat.

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