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Grammatische Vielfalt : Der Evidential lässt dem Faktenzweifel keine Chance

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Kleine Sprachgemeinschaften fördern oft die grammatische Komplexität. Im nördlichen Kaukasus findet sich besonders variantenreiche Sprachen. Bild: Reuters

Die Grammatik der Sprachen der Welt unterscheidet sich erheblich. Die raffiniertesten Sprachen gedeihen oft in der Abgeschiedenheit. Doch auch sie reizen die Möglichkeiten der Grammatik nicht aus.

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          Gott schuf weniger Sprachen als Völker, deshalb mussten sich mehrere Völker jeweils eine Sprache teilen. Die schwierigste von allen blieb übrig, denn niemand wollte sie haben. So wurde sie schließlich dem kleinsten Volk auf Erden zugeteilt, den etwa tausend Bewohnern von Artschi, einer Ansammlung von Dörfern im Norden des Kaukasus, die heute zur russischen Teilrepublik Dagestan gehören.

          Diese Alternative zum babylonischen Turmbau erzählten die Leute von Artschi dem russischen General Peter von Uslar, der in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts die zerklüfteten Landschaften des Kaukasus bereiste, um seine Sprachen zu erforschen. Der deutschstämmige Pionier der Ethnolinguistik traf in Artschi auf Menschen, die auf ihre zurückgezogene Lebensweise ebenso stolz waren wie auf ihre schwierige Sprache. Die fasziniert Linguisten auch heute noch, denn tatsächlich zählt sie wegen ihrer enorm verschachtelten Flexionsmuster und Wortbildungsregeln zu den kompliziertesten der Welt und übertrifft das angeblich ja so schwere Deutsch bei weitem.

          Es ist vor allem die Morphologie, die Konjugationen, Deklinationen und Wortbildungsregeln, die eine Sprache kompliziert machen kann. Sie spielt in Sprachen wie dem Artschinischen eine besonders wichtige Rolle, denn deren Grammatik funktioniert nach dem Muster des Zauberworts „Mutabor“, mit dem sich der märchenhafte Kalif in einen Storch verwandelt. In dem einen lateinischen Wort stecken gleich vier deutsche Ausdrücke: „Ich werde verwandelt werden“. Sprachen, die nach dem Mutabor-Prinzip arbeiten, packen möglichst viele Informationen wie Zeitstufen, logische Beziehungen und Möglichkeitsformen in die Silben und Endungen ihrer Wörter.

          Schwindelerregende Kombinationen

          Dabei schlägt Artschinisch das Lateinische um Längen. Das gilt nicht nur für die Substantive mit ihren fünfzehn Kasus, sondern erst recht für die Flexion des Verbs, das neben Zeitstufen, Singular und Plural auch die grammatischen Geschlechter und Kasus der Substantive berücksichtigt und zudem noch dreizehn Modusformen bildet. Zu denen gehören neben Indikativ, Konjunktiv und Imperativ auch Spezialitäten wie „Dubitativ“, „Admirativ“, „Reportativ“ oder „Evidential“, die Zweifel oder Überraschung ausdrücken und Selbsterlebtes von bloß Gehörtem unterscheiden. Die grammatische Kombinatorik ist schwindelerregend: Rein mathematisch lassen sich pro Verb eineinhalb Millionen mögliche Formen bilden. Das errechneten Linguisten der Universität von Surrey, die das Artschinische erforschen.

          Ein Kontrastprogramm zum Artschinischen bildet das Riau-Indonesische, die Verkehrssprache für mehrere Millionen Menschen auf Sumatra. Ihre Grammatik ist eine der sparsamsten der Welt. So stellt der Satz „ayam makan“ die Wörter „Huhn“ und „essen“ schlicht nebeneinander. Ob jemand das Huhn isst oder ob es selbst isst, ob es um ein oder mehrere Tiere geht, ob das Ganze in der Gegenwart stattfindet oder schon Vergangenheit ist, all das ergibt sich nur aus dem Zusammenhang.

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