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Trend zum Kollektiv : Die Forschung der vielen

Individueller Erfolg wird zum Messproblem

Nach dem Ausscheiden wichtiger Mitglieder können sich aber deutliche Veränderungen in der Produktivität einer Gruppe ergeben. 2010 untersuchten amerikanische Wissenschaftler, welche Auswirkung der unerwartete Tod eines wissenschaftlichen „Superstars“ auf die weitere Arbeit der jeweiligen Ko-Autoren hatte. Die Analyse von 112 Todesfällen in den Lebenswissenschaften ergab, dass die Publikationsraten der Zurückgebliebenen im Schnitt um fünf bis acht Prozent sanken. Auf der Suche nach der Ursache für diesen Effekt konnten die Wissenschaftler zunächst die Erklärung ausschließen, dass der wegfallende, fördernde Effekt der Vernetzung des Verstorbenen allein verantwortlich ist, beispielsweise dessen Verbindungen zu Förderinstitutionen oder Herausgebern von Journalen. Stattdessen argumentieren sie dafür, dass der besondere geistige Einfluss des Erfolgswissenschaftlers entscheidend sei. Die „intellektuelle Einflusssphäre“ des Stars und die besondere Qualität seiner Anregungen seien diejenigen Faktoren, die insbesondere nahe Kollegen unter dem plötzlichen Verlust leiden ließen.

Peter Higgs (Mitte, rechts) mit Mistreitern am Tag, an dem der Nachweis des Higgs-Bosons verkündet wurde.
Peter Higgs (Mitte, rechts) mit Mistreitern am Tag, an dem der Nachweis des Higgs-Bosons verkündet wurde. : Bild: Cern

Dieser Befund weist bereits auf ein grundlegendes Problem hin, unter dem die Wissenschaft in Zeiten großer Forschungskollaborationen zu leiden hat, sobald sie den Erfolg von Forschern primär an deren Veröffentlichungen misst: Wie kann der individuelle Beitrag von Wissenschaftlern eingeschätzt werden, insbesondere wenn sich die Anzahl der Autoren im Extremfall in gleichen Größenordnungen bewegt wie die Anzahl der Wörter des Artikels und auch die Reihenfolge der Autoren keinen Aufschluss über deren Rolle gibt? Wenn der Leser mit der Zuschreibung der relativen Leistung einzelner Autoren alleingelassen wird, sind junge Wissenschaftler automatisch im Nachteil, wie schon der amerikanische Soziologe Robert Merton in den späten sechziger Jahren erkannte: den Ruhm heimsen vor allem diejenigen ein, die bereits erfolgreich sind.

2014 modellierten die Informatiker Huan-Wei Shen und Albert-Lászlo Barabási, wie in verschiedenen Disziplinen die implizite Verteilung von Anerkennung funktioniert. Demnach wird demjenigen Autor der Hauptteil der Arbeit an einem Paper zugetraut, der im selben Forschungsfeld am meisten geleistet hat. Wirklich gerecht ist diese Beurteilung offensichtlich nicht, schließlich kann es immer auch brillante Jungforscher geben, die sich nach zentralen Leistungen in einem Gebiet einem anderen zuwenden.

Eine naheliegende Lösung ist, die Beiträge der Autoren in wissenschaftlichen Arbeiten im Rahmen einer allgemein anerkannten Taxonomie explizit zu benennen. Einige Zeitschriften, wie „Science“, „Nature“ oder „PNAS“ tun dies bereits. Für Gruppengrößen wie in der Teilchenphysik erscheint so ein Verfahren aber kaum durchgängig praktikabel. Die Anzahl von Publikationen ist dann offensichtlich keine sinnvolle Kenngröße für den individuellen Erfolg von Wissenschaftlern mehr. Vor diesem Hintergrund mögen wieder individuelle Leistungen wie Vorträge auf Konferenzen in den Vordergrund rücken. Deutlich wird in jedem Fall eines: Die notwendige Finanzierung ist nicht die einzige Herausforderung, die sich aus dem stetigen Wachstum wissenschaftlicher Projekte ergibt. Es gibt eine ganze Reihe von Aspekten wissenschaftlicher Forschung, die in Zeiten von „Big Science“ neu überdacht werden müssen.

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