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„Workeer“ : Flüchtlings-Stellenbörse trifft den Nerv der Zeit

  • Aktualisiert am

Vorbereitung aufs Arbeiten: Flüchtlinge in der Lernwerkstatt. Bild: dpa

Zwei Bachelorstudenten stellen eine Jobbörse für arbeitssuchende Flüchtlinge ins Netz - und die Resonanz in den sozialen Netzwerken geht durch die Decke. Karriere einer einfachen Karriereidee.

          3 Min.

          Die Flüchtlingsdebatte in Deutschland reißt nicht ab. Nun macht eine kleine Nachricht in den sozialen Netzwerken eine große Karriere. Es ist die Geschichte zweier Studenten, die eine Website entworfen haben, die mit ganz einfachen Mitteln Flüchtlinge mit potentiellen Arbeitgebern in Deutschland zusammenbringen soll.

          Workeer.de“ heißt die Seite; derzeit befindet sie sich noch in der Beta-Phase; Nutzer sollen den Betreibern in den kommenden Wochen Feedback zur Verbesserung geben. Auf der Plattform können Geflüchtete ihren Lebenslauf präsentieren; Arbeitgeber, die Flüchtlinge beschäftigen würden, können Gesuche publizieren. Die Betreiber, Philipp Kühn (25) und David Jacob (24), haben gerade ihr Kommunikationsdesign-Studium abgeschlossen und die Job-Plattform am vergangenen Montag als Bachelorarbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin eingereicht.

          Noch ist der Umfang der Bewerbungen und Gesuche überschaubar: 45 Stellengesuche treffen auf 60 Angebote. Bemerkenswert allerdings ist, wer hier sucht: Ein Arzt, ein Zahnarzt und ein Biochemiker sind darunter, mehrere Kfz-Mechaniker, ein Metallbauer, ein Web-Designer und ein Automatisierungstechnikstudent. Es gibt aber auch Bewerber, die schlicht nach einem Job als Reinigungskraft suchen oder schreiben, sie würden alles machen, Hauptsache, sie hätten Arbeit.

          60 Stellenangebote – 1000 Retweets

          Trotz der noch begrenzten Zahl der Anzeigen schlägt „Workeer“ in den sozialen Netzwerken schon hohe Wellen. Der Ansatz trifft offensichtlich den Nerv der Zeit. Vielleicht, weil gerade so viel über Flüchtlingsfragen debattiert wird. Vielleicht, weil viele bedauern, dass in Zeiten von Fachkräftesorgen das Potential vieler Flüchtlinge ungenutzt bleibt. Vielleicht, weil die Seite ein wenig naiv daherkommt. Vielleicht ist es auch eine Mischung aus allem.

          Als die Plattform das erste Mal online ging, setzte Student Kühn einen Tweet ab: „Ich habe zusammen mit @__Jaco eine Jobbörse für Flüchtlinge erstellt! Wir brauchen eure Hilfe, um das zu verbreiten!“. Mehr als 1000 Mal wurde dieser Satz schon retweetet, zahlreichen Medien gaben die Studenten in den vergangenen Tagen Interviews, und auch per E-Mail scheinen sie eine Flut von Rückmeldungen zu bekommen. Mittlerweile twittert Kühn: „current status http://www.nooooooooooooooo.com/  #emailoverflow“.

          Aber dürfen die Flüchtlinge überhaupt arbeiten?

          Bei allem Jubel bleibt jedoch so manche Hürde für die Jobbörse: Arbeitsrechtliche Fragen klammert Workeer weitgehend aus. Finden sich Arbeitgeber und Bewerber auf der Plattform, müssen sie hinterher individuell klären, ob und unter welchen Umständen die jeweilige Firma den Flüchtling überhaupt beschäftigen darf.

          Die Betreiber hoffen, dass allein der Erstkontakt mit den Bewerbern die Unternehmen ermutigt, sich dem Bürokratieaufwand zu stellen. „Mit der Plattform soll ein geeignetes Umfeld geschaffen werden, in dem diese besondere Gruppe von Arbeitssuchenden auf ihnen gegenüber positiv eingestellte Arbeitgeber trifft“, schreiben die Jacob und Kühn.

          Vielfach steht ein hoher bürokratischer Aufwand tatsächlich dem Abschluss von Arbeitsverträgen zwischen Flüchtlinge und Unternehmen entgegen. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) will das ändern und hochqualifizierten Flüchtlingen den Zugang zu Aufenthaltsgenehmigungen in Deutschland erleichtern. BA-Vorstand Raimund Becker hatte sich zuletzt für eine Herausnahme solcher Flüchtlinge aus dem Asylverfahren ausgesprochen und für eine Aufenthaltsgenehmigung über die Blue Card. Bislang müssen die Flüchtlinge, um einen Blue-Card-Antrag zu stellen, nach deutschem Recht zunächst zurück in ihr Heimatland, um dort ein spezielles Visum zu beantragen. Becker kritisierte, dies sei eine „absurde Vorstellung“, da die Betroffenen zuvor vor Krieg und Verfolgung in ihrer Heimat geflüchtet seien.

          Es gibt auch regionale Versuche Flüchtlingen schneller Arbeitsplätze zu vermitteln. In Berlin sollen von September an 13 eigens geschulte Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit stadtweit dafür zuständig sein, geeignete Asylbewerber so schnell wie möglich unterzubringen, wie die Chefin der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg, Jutta Cordt, am Donnerstag ankündigte. Zwei der Fachleute sollen in einem dreimonatigen Pilotversuch direkt beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die aussichtsreichen Neuankömmlinge ausfindig machen. Flüchtlinge wollten arbeiten, hob Cordt hervor. Und die Wirtschaft signalisiere, dass sie großes Interesse an ihnen habe. Besonders gesucht würden Ingenieure, Pflegekräfte, Elektriker, Bus- und Lastwagenfahrer, aber auch Bauarbeiter.

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