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Universität Halle spart : Die fetten Jahre sind vorbei

  • -Aktualisiert am

Demonstration gegen die angekündigten Sparmaßnahmen an der Universität Halle Anfang April diesen Jahres. Bild: dpa

Die Universität Halle konkretisiert ihren Sparplan. Für die Versäumnisse des Rektorats sollen unter anderem die Indologie und die Südasienkunde aufkommen. Ist das wirklich nötig?

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          Wer über seine Verhältnisse lebt, muss den Gürtel enger schnallen. Mehr Geld, als sie hat, gibt seit Jahrzehnten die Universität Halle-Wittenberg aus. Weil die Landesregierung in Magdeburg dem nicht länger zusehen mochte, hat sie der Universität 2014 eine Hochschulstrukturplanung verordnet, die, Empfehlungen des Wissenschaftsrats folgend, in erster Linie Effizienz angemahnt hat.

          Die Universität hat daraufhin ein Konzept vorgelegt, das nach Angaben des Ministeriums „nicht erkennen“ ließ, „wie geplante Strukturänderungen mit dem Budget in Übereinstimmung gebracht werden sollten“. Mit anderen Worten: Die Hochschulleitung gab weiter munter Geld aus, das sie nicht hatte. Anstatt die Strukturen zu straffen, ließ das Rektorat vor allem die Verwaltung kräftig aufwachsen. Zwischen 2015 und 2020 stieg laut Statistischem Jahrbuch Sachsen-Anhalt die Zahl der Verwaltungs- und technischen Mitarbeiter hochschulweit (ohne die Medizinische Fakultät) von 1263 auf 1449 – also um fast 15 Prozent. Im gleichen Zeitraum wurden rund hundert Stellen im wissenschaftlichen Dienst zusätzlich geschaffen.

          Im letzten Jahr spitzte sich die Finanzlage der Universität offenbar dramatisch zu. Jedenfalls schaltete das bis dahin mit bewundernswerter Bräsigkeit agierende Rektorat urplötzlich in den Panikmodus um und legte dem Senat im letzten Frühjahr ein Papier zur „Profilschärfung“ vor, das faktisch das Ende der Volluniversität bedeutet hätte. Mit der Abrissbirne wollte Rektor Christian Tietje vor allem den Geisteswissenschaften zu Leibe rücken. Ganze Institute und Studiengänge sollten dichtgemacht werden.

          „Kann wegfallen“

          Die Pläne lösten einen Proteststurm aus, und Rektor Tietje deklarierte sein Kahlschlagpapier flugs zur Diskussionsgrundlage um, weil ihm der Senat nicht folgen mochte. Nach monatelanger Diskussion hat das Gremium am sechsten April in dritter Lesung über eine revidierte Fassung der Vorlage entschieden. Das Ergebnis: 13 Ja- und 10 Neinstimmen.

          Was ist da in Halle beschlossen worden? Der neue Plan stellt auf Seite 21 die „Notwendigkeit der Verdichtung des Studienangebotes, insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften“ fest. Eine ganze Reihe von Professuren wird in dem Papier mit dem Vermerk „kw“ (kann wegfallen) markiert. Betroffen sind im Einzelnen: eine Professur an der Theologischen Fakultät, eine in den Rechts- und zwei in den Wirtschaftswissenschaften, die Professuren für Gräzistik und Vorderorientalische Archäologie in den Altertumswissenschaften, die Professuren für Japanologie, Indologie und Südasienkunde am Orientalischen Institut, eine Professur in der Politikwissenschaft, je eine Professur in der Romanistik und in der Slawistik, zwei Professuren in der Musik, insgesamt vier Professuren in der erziehungswissenschaftlich ausgerichteten Philosophischen Fakultät III, vier Professuren in den Bereichen Biologie und Pharmazie, zwei in der Chemie, eine in der Physik, zwei in der Mathematik, zwei in den Agrar- und Ernährungswissenschaften und eine in der Informatik. An jeder Professur hängen Mitarbeiterstellen, die ebenfalls eingespart werden.

          Universitätsleitung überholt Ministerium

          Von dreißig kw-gesetzten Professuren entfallen jetzt noch vierzehn auf die Philosophischen Fakultäten, die damit nach wie vor die Hauptlast der Kürzungen tragen, sie aber nicht mehr, wie vor einem Jahr geplant, fast allein schultern sollen. Der neue Plan präsentiert sich ausgewogener als das Rotstiftpapier des Rektors vom letzten Mai, und er erkennt auch an, dass die Verwaltung solidarisch ihren Beitrag zu leisten hat. Die Größe der Verwaltung bewege sich im Verhältnis zum wissenschaftlichen Dienst im Rahmen des an anderen Universitäten Üblichen, heißt es. Wo und wie hier gespart werden soll, bleibt allerdings offen.

          Bizarr mutet an, dass die Universitätsleitung die Sparzwänge für drängender hält als das Ministerium. Armin Willingmann, der zuständige Minister von der SPD, hat mehrfach zu Protokoll gegeben, dass er die Kürzungen für überzogen und zur Sanierung der Hochschulfinanzen in diesem Umfang nicht für erforderlich hält. Ob das Ministerium dem Senatsbeschluss seinen Segen gibt, erscheint deshalb fraglich.

          Geradezu aberwitzig ist, dass die Universität kleine, aber forschungs- und eben auch sehr drittmittelstarke Fächer wie die Indologie und die Südasienkunde abwickeln will. Es stimmt zwar, dass die Disziplinen auch im Portfolio der benachbarten Universität Leipzig sind, aber die kw-Setzung der Professuren und die dauerhafte Aussetzung der Studiengänge nur damit und mit aktuell eher geringen Studentenzahlen zu begründen, greift erheblich zu kurz. Indologie wird nur an elf Hochschulstandorten in Deutschland gelehrt. Die Konflikte im Nahen Osten und jetzt in der Ukraine haben gezeigt, dass kleine Fächer wie Islamwissenschaft, Osteuropäische Geschichte und Slawistik – die in Halle ebenfalls bluten soll – plötzlich Konjunktur haben können, wenn Teile der Welt plötzlich zu Brennpunkten werden, für die sich zuvor kaum jemand interessiert hat. Südasien ist eine dynamische Großregion mit weit über einer Milliarde Menschen. Wenn über sie an elf Hochschulstandorten in Deutschland geforscht wird, dann droht nicht ihre Überrepräsentanz in der Wissenschaftslandschaft.

          Vor allem gilt: Vermeintliche Orchideenfächer halten Expertise vor, die sich nicht aus dem Boden stampfen lässt, wenn sie plötzlich gebraucht wird. Deshalb liegen die Hürden für ihre Schließung mit Recht hoch.

          Der Autor ist Professor für Alte Geschichte an der Universität Oldenburg.

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