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Folgen des Ersten Weltkriegs : Wie die deutsche Sprache an Einfluss verlor

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Zwei deutsche Kolonisten um 1897 in einer Plantage von Kaiser-Wilhelms-Land (Neuguinea). Bild: Picture-Alliance

In einem lebendigen Panorama zeigt Matthias Heine, wie die einstige Verkehrs- und Wissenschaftssprache durch den Krieg ihren Weltrang verlor. Der Blick reicht bis zum „Unserdeutsch“ auf Papua-Neuguinea.

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          Sauerkraut soll künftig „liberty cabbage“ heißen. Dieser Antrag ging 1918 bei der obersten Lebensmittelbehörde der Vereinigten Staaten ein. Bauern und Händler hofften durch die anglopatriotische Umbenennung den seit Kriegsbeginn rückläufigen Sauerkrautabsatz wieder anzukurbeln. Der „Freiheitskohl“ setzte sich dann doch nicht durch, doch die kuriose Episode hat einen ernsten Hintergrund. Der Erste Weltkrieg läutete für die deutsche Sprache in Nordamerika den Niedergang ein. Sie, die zuvor im öffentlichen Leben und als Unterrichtssprache eine bedeutende Rolle gespielt hatte, wurde nun als Feindsprache geschmäht und in den Schulen verboten.

          Das ging einher mit antideutschen Demonstrationen, die mitunter sogar in Pogrome umschlugen. Diese Ereignisse bilden eine der Facetten in Matthias Heines Darstellung der deutschen Sprachgeschichte vor dem Hintergrund des „Großen Krieges“. Der Autor hat dafür eine Vielzahl von Informationen, die in der germanistischen Spezialliteratur verstreut sind, zusammengetragen und in einem lebendig geschilderten Panorama verdichtet.

          Am gravierendsten waren die sprachpolitischen Folgen in Mittel- und Osteuropa, wo seit dem neunzehnten Jahrhundert Nationalitätenkonflikte schwelten, die oft mit Auseinandersetzungen über die Reichweite und politisch-gesellschaftliche Rolle des Deutschen einhergingen. Der verlorene Krieg brachte für das Deutsche Reich den Verlust Westpreußens und beendete die Existenz der österreich-ungarischen Doppelmonarchie. Beides verringerte die Bedeutung des Deutschen als überregionale europäische Verkehrssprache beträchtlich.

          Die einzige deutsche Kreol-Sprache

          Besonders starke Einbußen erlitt Deutsch als Wissenschaftssprache, das bis dahin gemeinsam mit Englisch und Französisch die Publikationen, Kongresse und Korrespondenzen der internationalen Gelehrtenwelt dominiert hatte. Ein jahrelanger Boykott deutscher und österreichischer Wissenschaftler und ihrer Sprache durch internationale Fachorganisationen, der vor allem von englischen und französischen Wissenschaftlern betrieben wurde, verschaffte dem Englischen einen Vorsprung, der sich rasant vergrößerte und hinter den auch das Französische immer weiter zurückfiel.

          Weniger bekannt als diese Vorgänge dürfte das Schicksal des Deutschen in den Kolonien sein, die das Kaiserreich in Afrika, Asien und Ozeanien besaß. Deshalb ist es zu begrüßen, dass Heine den Blick auch auf so „exotische“ Gegenden wie Togo oder Kamerun, Neuguinea oder das chinesische Kiautschou richtet. Die sprachliche Situation in Übersee war regional sehr unterschiedlich. Zwar gab es etliche Schulen, in denen einheimische Kinder einen fundierten Deutschunterricht erhielten, aber bei vielen Kolonialbeamten und Militärs existierten auch Vorbehalte gegen eine solche Ausbildung: Deutsch als gemeinsames Kommunikationsmedium, so die Befürchtung, würde es den kolonialisierten Volksgruppen erleichtern, die Verständigungsbarrieren ihrer Vielsprachigkeit zu überwinden und sich gegen ihre Kolonialherren zusammenzuschließen. Pflanzer und Händler wiederum fanden es oft praktischer, das in einigen Gegenden schon eingebürgerte Pidgin-Englisch beizubehalten. Und manche Missionsschulen setzten lieber auf die indigenen Sprachen, um den christlichen Glauben zu verbreiten.

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