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Studium : Die beste Zeit in meinem Leben

  • -Aktualisiert am

Bild: Stefan König

Viele Studenten leiden unter Stress und Leistungsdruck. Unser Tipp: Lasst euch nicht hetzen! Genießt die Uni. Denn sonst ist die Gefahr groß, Entscheidendes zu verpassen. Das Studium ist ein Jahrmarkt der Möglichkeiten. Und nie ist die Gelegenheit besser, sich selbst zu entdecken.

          7 Min.

          Felix Bauer hadert mit sich. Er hätte noch viel mehr ausprobieren und noch viel mehr mit seinen Kommilitonen zusammenarbeiten können. „Das Studium bietet dafür die idealen Voraussetzungen“, sagt er. Felix hat an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg Design studiert. Seit einem halben Jahr ist er Absolvent, wohnt in Berlin und blickt ein wenig melancholisch auf die letzten Jahre zurück. Er selbst findet, dass er viel zu ergebnisorientiert war. Doch wenn er erzählt, womit er sich beschäftigt hat, entsteht das Bild einer von Freiheit und Kreativität geprägten Zeit.
          Schon im ersten Semester lernte er eine Kommilitonin kennen, mit der er sich bestens verstand und künst­lerisch austauschte – zum Beispiel über den Trickfilm, den sie im Rahmen eines Kurses drehen sollte. Eines Abends, als sie mal wieder zusammenhockten und über den Film plauderten, fragte sie ihn, ob er nicht mitmachen wolle. Bauer wollte. Credit Points hat ihm das nicht eingebracht, denn er war für den Kurs gar nicht ein­geschrieben. Aber es hat Spaß gemacht, und er hat eine Menge gelernt: „Das war eine super Erfahrung. Zum einen habe ich erlebt, wie inspirierend es sein kann, wenn man zu zweit arbeitet. Zum anderen hat mich der Einblick in das Genre künstlerisch weitergebracht. Wenn ich heute zeichne oder entwerfe, denke ich häufig in Filmsequenzen“, sagt er.
          Felix hat sich im Studium bewusst Zeit für Aktivi­täten genommen, die über das Pflichtprogramm hinausgingen. Der Trickfilm ist nur ein Beispiel. Ein zweites ist der Plakatwettbewerb des Deutschen Studentenwerks zum Thema „Alles Liebe?“. Auch dafür gab es keinen Schein. Felix tobte sich trotzdem regelrecht aus, er kreierte mehrere Entwürfe, reichte seinen persönlichen Favoriten ein und gewann. „Das war ein tolles Gefühl.“

          Nie ist die Gelegenheit besser als im Studium

          Lebensphase Studium. Zeit der tausend Möglichkeiten. Nie ist die Gelegenheit besser, Interessen auszuleben, Fähigkeiten auszuprobieren, Neues zu entdecken und Freundschaften zu schließen, als an der Uni. Zumindest theoretisch. Die Praxis stellt sich vielen Studenten anders dar. Sie hetzen von Schein zu Schein, weil sie glauben, mit einem schnellen Abschluss ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Das wilde Studentenleben kennen sie nur aus Erzählungen, wohingegen sie selbst mit dieser Phase vor allem Leistungsdruck verbinden. Rund 60 Prozent der Studenten empfinden die zeitliche Belastung durch das Studium als „hoch“ oder sogar „zu hoch“, wie die jüngste Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks ergab.
          Wenn man Studenten nach dem eigentlichen Sinn und Zweck des Studiums fragt, offenbaren sich jedoch ganz andere Vorstellungen. Sich ausprobieren und persönlich weiterentwickeln – für knapp 50 Prozent steht das im Vordergrund, zeigt eine Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS). Weitere 22 Prozent stimmen der Aussage, die Studienzeit sei „eine Phase des Ausprobierens, in der sich meine Persönlichkeit entwickelt“, zumindest zum Teil zu. Entwicklungs­psycho­logen wie Rainer Silbereisen von der Universität Jena bestätigen die Besonderheit dieser Lebensphase. „Freiheit und Eigenständigkeit prägen das Lebensgefühl der jungen Menschen, die nach dem Abitur an die Universitäten kommen“, sagt Silbereisen. „Sie empfinden sich als autonom, weil sie in viel stärkerem Maße als zuvor entscheiden, was sie tun und was sie lassen. Gleichzeitig stehen die meisten noch nicht in der Pflicht, den Lebensunterhalt für sich und andere zu bestreiten.“
          Sein amerikanischer Kollege Jeffrey Arnett hat vor einigen Jahren den Begriff „Emerging Adulthood“ geprägt, um die Lebensphase zwischen Jugendalter und Erwachsensein zu beschreiben. Der Rollenwechsel sei in dieser Phase noch nicht vollzogen, insbesondere im Hinblick auf soziale Aspekte wie feste Arbeit, Ehe und Elternschaft. „Stattdessen ist es ein Alter von außer­ge­wöhnlichen Freiheiten und Unsicherheiten, in dem junge Menschen verschiedene mög­liche erwachsene Zukunftsvorstellungen in Bezug auf Liebe und Arbeit ausprobieren und sich all­mählich darauf hin­­bewegen, dauerhafte Entscheidungen zu treffen.“
          Vielleicht sollte man sich das immer mal wieder vor Augen halten. Die Bologna-Reform hat das Studium zwar verändert. Sie hat ihm mehr Struktur gegeben und sicherlich vielerorts die Wahlfreiheit der Studenten eingeschränkt. Aber der grundsätzliche
          Charakter der Lebensphase ist gleich geblieben. „Nach wie vor können Studenten in einer Fülle an Möglichkeiten nach dem eigenen Lebensentwurf suchen“, sagt Entwicklungs­psychologe Silbereisen. „Das sollten sie nutzen.“
          Für Moritz Höhne war von Anfang an klar, dass mit dem Studium ein neuer Lebensabschnitt begann, den
          er nicht nur mit Pauken verbringen wollte. Studium bedeutete für ihn zunächst Loslösung von zu Hause.
          Er zog für ein Bachelorstudium in Germanistik und Anglistik vom schleswig-holsteinischen Neumünster ins 650 Kilometer entfernte Mannheim. „Ich bin bewusst weit weggegangen, um Abstand zu gewinnen. Ich hatte früher viele Probleme und habe viel Mist gemacht. Ich wollte wissen, wer ich bin und ob mein Verhalten vor allem Rebellion gegen mein Umfeld war.“ Heute steht Moritz im letzten Semester seines Masters. Er hat nicht nur eine Menge über sich herausgefunden, sondern eine in vielerlei Hinsicht aufregende Zeit hinter sich. Längst nicht alles an seinem Studium hat ihm gefallen. Vor allem das Kursangebot im Master fand er viel zu klein. Zudem musste er allzu oft kämpfen, um sich finanziell über Wasser zu halten. Aber missen will er die Zeit um keinen Preis. „Ich habe viel erlebt und bin persönlich gereift“, sagt er.
          Neue Menschen kennenzulernen war ihm besonders wichtig. Besser als an der Uni können die Bedingungen dafür nicht sein. Denn die meisten Freundschaften, zeigen Studien, entstehen zwischen Personen im gleichen Alter und mit ähnlichem Bildungsgrad. „Plötzlich waren lauter spannende Leute um mich herum“, erinnert sich Moritz an die ersten Eindrücke im Studium. „Von Anfang an habe ich andere Studenten aus meinen Seminaren gefragt, ob wir am Wochenende zusammen ins Kino oder feiern gehen wollen.“ Moritz kann von lustigen Abenden in der Gruppe berichten, aber ebenso von tiefer gehenden Begegnungen. So hat er sich etwa mit einem Dozenten angefreundet, mit dem er nicht nur seine Vorliebe für Kampfsport teilte. „Bei der Analyse von Filmen und Texten ist uns aufgefallen, dass wir einen ähnlichen Blick auf das Leben haben. Vielleicht liegt es daran, dass wir beide weitgehend ohne Vater aufgewachsen sind. In Neumünster hätte ich so jemanden jedenfalls nicht getroffen.“
          An der Uni fand Moritz zudem die Gelegenheit, sein Faible für das Filmemachen auszuleben. „In Mannheim gab es eine Gruppe von Studenten, die Online-Filme produzierte. Als die Schauspieler für die Serie „Helden des Campus“ suchten, bin ich einfach hingegangen und wurde für eine Hauptrolle ausgewählt. Das machte riesigen Spaß und hatte den Nebeneffekt, dass mich
          in der Uni fremde Studenten ansprachen, die mich im Internet gesehen hatten.“

          „Das war ein tolles Gefühl“
Felix Bauer blickt auf sein Studium zurück Bilderstrecke
          Die beste Zeit in meinem Leben : Die beste Zeit in meinem Leben

          „Recht auf geistige Verwahrlosung“

          Möglichkeiten ohne Ende: Jede Uni bietet die Infrastruktur für ein reges Sozialleben. Es gibt gemütliche Cafés zum Abhängen, Gremien für politisches En­gagement, Karrierenetzwerke, Sportgruppen, Debattierclubs und vieles mehr.
          Vor allem ist die Uni aber ein Ort, an dem man viel lernen kann – nicht indem man klausurrelevanten Stoff paukt, sondern Fragen entwickelt, die einen nicht mehr loslassen; die dazu führen, dass man bei der Suche nach Antworten die Grenzen einer Fachdisziplin überschreitet. Stephan A. Jansen, Gründer und Präsident der privaten Zeppelin University, spricht in diesem Zusammenhang vom „Recht auf geistige Verwahrlosung“. Anstatt nur das Pflichtprogramm zu erfüllen, sollten Studenten ihrer Leidenschaft im Selbststudium nachgehen, Texte lesen, die kein Curriculum vorsieht, und ruhig einmal übermäßig viel Energie in ein Projekt stecken, das vielleicht keine Credit Points, aber dafür neue Erkenntnisse einbringt. Erst dann werde die Universität zu einem Hort intellektueller Auseinandersetzung.
          Für Moritz Höhne war in dieser Hinsicht die Bachelorarbeit einer der Höhepunkte des Studiums. Er hätte es sich leicht machen und ein Thema beackern können, über das schon viel geforscht wurde. Stattdessen untersuchte er, wie Batman-Comics die Gesellschaft rekonstruieren und reflektieren. „Eine große Herausforderung war das“, sagt Moritz. „Die eigen­ständige analytische Arbeit über mehrere Monate hinweg hat mich manchmal an den Rand der Verzweiflung gebracht. Aber als ich dann abgegeben hatte, war ich sehr stolz.“
          Auch das macht das Studium aus: sich verzetteln, an Grenzen stoßen, Krisen durchstehen. Von solchen Erfahrungen zehrt man ein Leben lang, ebenso wie von einem Aufenthalt im Ausland. Welche Auswirkungen Letzterer auf die Persönlichkeit hat, ist eine Frage, der Julia Weiß gerade auf den Grund geht. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Dia­gnostik der Uni Jena hat für ihre Dissertation im Rahmen der Längsschnittstudie „PEDES – Personality Development of Sojourners“ mehr als 1000 Studenten befragt. Etwa die Hälfte davon verbrachte während der Untersuchungsphase mehrere Monate im Ausland. Noch sind die Ergebnisse nicht vollständig ausgewertet, aber es zeichnet sich die Tendenz ab, dass der zeitlich begrenzte Auslandsaufenthalt insofern die Persönlichkeitsentwicklung beeinflusst, als Ängste abgebaut und Kompetenzen im zwischen­menschlichen Kontakt gesteigert werden. Zudem sieht es so aus, dass die Auslandserfahrung stärkere Veränderungen der sozialen Beziehungen der Studenten zur Folge hat. „Das persön­liche Netzwerk fluktuiert stärker. Vermutlich ist, wer sich einmal in fremder Umgebung fern der Heimat zurecht­gefunden hat, in sozialer Hinsicht experimentierfreudiger und knüpft zahlreichere Kontakte mit neuen interessanten Menschen.“ Dass sich der Horizont durch den Auslandsaufenthalt erweitert, kann Moritz Höhne aus eigener Anschauung bestätigen. Er verbrachte zwei Semester in Kanada und wohnte dort mit einem Chinesen und einem Pakistaner zusammen. „Wir haben nächtelang über unsere Lebensweisen und Anschauungen gesprochen. Seitdem habe ich beispielsweise ein viel differenzierteres Bild vom Islam“, sagt er. Bis heute hält er Kontakt zu beiden Exmitbewohnern.
          Christian Rudolph, Absolvent des Masters in Corporate Management and Economics an der Zeppelin University in Friedrichshafen, war während des Studiums ebenfalls im Ausland – für ein Praktikum bei der Unternehmensberatung Ernst & Young in Singapur. „Seitdem weiß ich, dass ich Asien sehr reizvoll finde, ein Großunternehmen aber einfach nicht das Richtige für mich ist.“
          Genau dafür ist die Uni-Zeit da: für Entdeckungs­reisen jedweder Art. Die können ins Ausland, in einen interessanten Nebenjob oder in einen anderen Fach­bereich führen. Was liegt mir? Das gilt es herauszufinden. Christian gehört zu jenen, die die Antwort schon vor dem Studium zu kennen glaubten. „Ich strebte eine Beraterkarriere an. Viel Geld verdienen und in der Welt herumkommen, das waren meine Ziele.“ Also absolvierte er einen BWL-Bachelor in den Niederlanden und meldete sich danach für den Management-Master in Friedrichshafen an. Da kam dann aber alles anders: „Ich traf auf spannende Leute mit einem völlig anderen Hintergrund. Ich beschäftigte mich interdisziplinär mit gesellschaftlichen Fragen und fand so das Thema, für das ich bis heute brenne: Nachhaltigkeit.“ Gemeinsam mit einem Kommilitonen baut Christian gerade eine Organisation für Entsorgungsinnovationen in Berlin auf. Geld und Status sind ihm nicht mehr so wichtig.
          Und noch etwas hat er im Studium herausgefunden: Während er früher leidenschaftlicher Fußballer war, hat er in der Uni einfach mal Rugby ausprobiert. „Unmittelbarer kann Mannschaftsport nicht sein“, sagt er begeistert. „Auf eigene Faust durchdribbeln geht nicht. Da kommt man nur im Team nach vorne.“

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