https://www.faz.net/-gyl-6vga8

Studium : Die beste Zeit in meinem Leben

  • -Aktualisiert am

Nie ist die Gelegenheit besser als im Studium

Lebensphase Studium. Zeit der tausend Möglichkeiten. Nie ist die Gelegenheit besser, Interessen auszuleben, Fähigkeiten auszuprobieren, Neues zu entdecken und Freundschaften zu schließen, als an der Uni. Zumindest theoretisch. Die Praxis stellt sich vielen Studenten anders dar. Sie hetzen von Schein zu Schein, weil sie glauben, mit einem schnellen Abschluss ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Das wilde Studentenleben kennen sie nur aus Erzählungen, wohingegen sie selbst mit dieser Phase vor allem Leistungsdruck verbinden. Rund 60 Prozent der Studenten empfinden die zeitliche Belastung durch das Studium als „hoch“ oder sogar „zu hoch“, wie die jüngste Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks ergab.
Wenn man Studenten nach dem eigentlichen Sinn und Zweck des Studiums fragt, offenbaren sich jedoch ganz andere Vorstellungen. Sich ausprobieren und persönlich weiterentwickeln – für knapp 50 Prozent steht das im Vordergrund, zeigt eine Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS). Weitere 22 Prozent stimmen der Aussage, die Studienzeit sei „eine Phase des Ausprobierens, in der sich meine Persönlichkeit entwickelt“, zumindest zum Teil zu. Entwicklungs­psycho­logen wie Rainer Silbereisen von der Universität Jena bestätigen die Besonderheit dieser Lebensphase. „Freiheit und Eigenständigkeit prägen das Lebensgefühl der jungen Menschen, die nach dem Abitur an die Universitäten kommen“, sagt Silbereisen. „Sie empfinden sich als autonom, weil sie in viel stärkerem Maße als zuvor entscheiden, was sie tun und was sie lassen. Gleichzeitig stehen die meisten noch nicht in der Pflicht, den Lebensunterhalt für sich und andere zu bestreiten.“
Sein amerikanischer Kollege Jeffrey Arnett hat vor einigen Jahren den Begriff „Emerging Adulthood“ geprägt, um die Lebensphase zwischen Jugendalter und Erwachsensein zu beschreiben. Der Rollenwechsel sei in dieser Phase noch nicht vollzogen, insbesondere im Hinblick auf soziale Aspekte wie feste Arbeit, Ehe und Elternschaft. „Stattdessen ist es ein Alter von außer­ge­wöhnlichen Freiheiten und Unsicherheiten, in dem junge Menschen verschiedene mög­liche erwachsene Zukunftsvorstellungen in Bezug auf Liebe und Arbeit ausprobieren und sich all­mählich darauf hin­­bewegen, dauerhafte Entscheidungen zu treffen.“
Vielleicht sollte man sich das immer mal wieder vor Augen halten. Die Bologna-Reform hat das Studium zwar verändert. Sie hat ihm mehr Struktur gegeben und sicherlich vielerorts die Wahlfreiheit der Studenten eingeschränkt. Aber der grundsätzliche
Charakter der Lebensphase ist gleich geblieben. „Nach wie vor können Studenten in einer Fülle an Möglichkeiten nach dem eigenen Lebensentwurf suchen“, sagt Entwicklungs­psychologe Silbereisen. „Das sollten sie nutzen.“
Für Moritz Höhne war von Anfang an klar, dass mit dem Studium ein neuer Lebensabschnitt begann, den
er nicht nur mit Pauken verbringen wollte. Studium bedeutete für ihn zunächst Loslösung von zu Hause.
Er zog für ein Bachelorstudium in Germanistik und Anglistik vom schleswig-holsteinischen Neumünster ins 650 Kilometer entfernte Mannheim. „Ich bin bewusst weit weggegangen, um Abstand zu gewinnen. Ich hatte früher viele Probleme und habe viel Mist gemacht. Ich wollte wissen, wer ich bin und ob mein Verhalten vor allem Rebellion gegen mein Umfeld war.“ Heute steht Moritz im letzten Semester seines Masters. Er hat nicht nur eine Menge über sich herausgefunden, sondern eine in vielerlei Hinsicht aufregende Zeit hinter sich. Längst nicht alles an seinem Studium hat ihm gefallen. Vor allem das Kursangebot im Master fand er viel zu klein. Zudem musste er allzu oft kämpfen, um sich finanziell über Wasser zu halten. Aber missen will er die Zeit um keinen Preis. „Ich habe viel erlebt und bin persönlich gereift“, sagt er.
Neue Menschen kennenzulernen war ihm besonders wichtig. Besser als an der Uni können die Bedingungen dafür nicht sein. Denn die meisten Freundschaften, zeigen Studien, entstehen zwischen Personen im gleichen Alter und mit ähnlichem Bildungsgrad. „Plötzlich waren lauter spannende Leute um mich herum“, erinnert sich Moritz an die ersten Eindrücke im Studium. „Von Anfang an habe ich andere Studenten aus meinen Seminaren gefragt, ob wir am Wochenende zusammen ins Kino oder feiern gehen wollen.“ Moritz kann von lustigen Abenden in der Gruppe berichten, aber ebenso von tiefer gehenden Begegnungen. So hat er sich etwa mit einem Dozenten angefreundet, mit dem er nicht nur seine Vorliebe für Kampfsport teilte. „Bei der Analyse von Filmen und Texten ist uns aufgefallen, dass wir einen ähnlichen Blick auf das Leben haben. Vielleicht liegt es daran, dass wir beide weitgehend ohne Vater aufgewachsen sind. In Neumünster hätte ich so jemanden jedenfalls nicht getroffen.“
An der Uni fand Moritz zudem die Gelegenheit, sein Faible für das Filmemachen auszuleben. „In Mannheim gab es eine Gruppe von Studenten, die Online-Filme produzierte. Als die Schauspieler für die Serie „Helden des Campus“ suchten, bin ich einfach hingegangen und wurde für eine Hauptrolle ausgewählt. Das machte riesigen Spaß und hatte den Nebeneffekt, dass mich
in der Uni fremde Studenten ansprachen, die mich im Internet gesehen hatten.“

Topmeldungen

Korrekt bezahlt?

Gewerkschafts-Marketing : Die Plünderung der Tarifautonomie

Der Deutsche Gewerkschaftsbund rechnet vor, dass den Sozialversicherungen „durch Tarifflucht und Lohndumping jährlich etwa 30 Milliarden Euro verlorengehen“. Nicht nur die Begriffe sind höchst fragwürdig.
Das Wasserwerk in Rastatt-Rauental

Skandal in Baden-Württemberg : Gift im Boden und im Wasser

In Baden-Württemberg ist eine Fläche etwa so groß wie der Ammersee mit Chemikalien verseucht. Die Aufarbeitung des Umweltskandals verläuft zäh. Doch es ist nicht das einzige Bundesland mit solchen Vorfällen.

Kartenzahlung : Es geht auch ohne Maestro

Banken dürfen bald keine Maestro-Karten an ihre Kunden mehr ausgeben. Das klingt schlimm, ist für Verbraucher aber halb so wild.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.