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Nachleben von Diktaturen : Der Herbst der Autokraten

Auf Augenhöhe mit dem Autokraten: Statuen des ehemaligen Diktators Chiang Kai-Shek im Park vor dessen Mausoleum in Taiwan Bild: Reuters

Der Weg aus einer Diktatur ist nicht leicht. Manche Staaten haben ihn geschafft, andere scheiterten. Historiker suchen nun nach einem Modell für den demokratischen Übergang.

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          Die Rede, die Kaing Guek Eav am 12. August 2009 vor dem außerordentlichen Gerichtshof von Kambodscha hielt, ist ein sehr zwiespältiges Dokument. Der sanftmütig dreinblickende Mann entschuldigt sich bei seinen Opfern mit so formvollendeter Höflichkeit, dass man meinen könnte, er habe ihnen nicht mehr als ein Härchen gekrümmt.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          In Wirklichkeit stehen seine Worte am Ende des Strafprozesses, in dem er, der Leiter des berüchtigten Gefängnisses S-21, wegen Mordes in zwölftausend Fällen verurteilt wurde. Unter seiner Herrschaft wurden Gefangene sogar dafür bestraft, dass sie unter der Folter weinten.

          An Belegen für die Verbrechen hatte es nicht gefehlt, trotzdem hat es dreißig Jahre gedauert, bis Guek Eav zur Rechenschaft gezogen wurde. Es kam überhaupt nur zu drei Urteilen gegen Führungskader der Roten Khmer, die zwischen 1975 und 1979 rund zwei Millionen Zivilisten getötet hatten. Dennoch ist die Bedeutung des Urteils, das millionenfach im Land verteilt wurde, kaum zu überschätzen. Es gab dem Unrecht des Khmer-Regimes, das so viele westliche Intellektuelle fasziniert hatte, einen Namen.

          Spielräume der Aufarbeitung

          Diktaturen haben ein zähes Nachleben. Manche sind nach demokratischen Zwischenspielen wieder in die Autokratie zurückgefallen, wie Kambodscha oder Myanmar, in den Strudel von Bürgerkriegen geraten, wie derzeit Äthiopien, oder halten, wie Russland, die Demokratie als Fassade aufrecht. Wieder andere, wie Taiwan, Portugal oder Deutschland, sind Musterdemokratien geworden.

          Nach dem Ende der Kolonialherrschaft und dem Zusammenbruch des Kommunismus war die Meinung verbreitet, jedes Land, das eine Diktatur von sich abgestreift hat, würde sich automatisch in Richtung Demokratie bewegen. Das Scheitern des Arabischen Frühlings und der Vormarsch von Autokratien haben den Glauben an den weltweiten Siegeszug des liberaldemokratischen Modells inzwischen gedämpft.

          Nach weithin geteilter Meinung hat kein Land die Diktatur so gründlich hinter sich gelassen wie die Bundesrepublik Deutschland, jene Vorzeigedemokratie, die gleich zwei Ideologien überwunden hat. Dem Historiker Hubertus Knabe, der als ehemaliger Mitarbeiter der Birthler-Behörde und ehemaliger Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen, des früheren SED-Gefängnisses im Berliner Norden, direkt in die Aufarbeitung des DDR-Unrechts involviert war, wurde von ausländischen Besuchern immer wieder die Frage nach dem Erfolgsgeheimnis der Bundesrepublik gestellt.

          Nun hat Knabe am eigenen Leib erfahren, wie lang der Schatten der (SED-)Diktatur auch im wiedervereinigten Deutschland noch ist. Seiner Entlassung als Leiter der Gedenkstätte ging nach einem Bericht der „Welt am Sonntag“ eine Kampagne durch Kultursenator Lederer voraus, der dem diesbezüglichen Untersuchungsausschuss wichtige Dokumente vorenthalten haben soll. Dem Spitzenkandidaten der Berliner Linkspartei war Knabes kompromisslose Aufklärung offensichtlich ein Dorn im Auge. Derzeit muss sich Lederer wegen des Verdachts der strafbaren Falschaussage in der Causa Knabe verantworten.

          Gemeinsam mit dem Zeithistoriker Peter Hoeres hat Knabe an der Universität Würzburg ein Projekt angestoßen, das Post-Diktaturen in mehr als zwölf Ländern untersucht und daraus modellhafte Überlegungen ableiten will. Keine einfache Übung, rezepthafte Wege zur Demokratie gebe es nicht, sagt Peter Hoeres im Gespräch mit dieser Zeitung, dafür seien die Bedingungen zu unterschiedlich.

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