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Wissenschaftsfreiheit : Der Druck kommt von vielen Seiten

Um Wissenschaftsfreiheit wird nicht nur in Ungarn gekämpft. Bild von einem Protestmarsch in Budapest. Bild: Reuters

Die Wissenschaft hat die Gefahr erkannt, die ihr durch Expertenskepsis, Populismus und Autokraten drohen. Der Druck kommt aber nicht nur von außen.

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          Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen hat eine Kampagne für die Freiheit der Wissenschaft gestartet. Anlass ist die Gefährdung der Wissenschaft durch Expertenskepsis, Populismus und Autokraten in fremden Ländern. Als Gefahr für die Wissenschaftsfreiheit wird aber auch deren Einschränkung durch ökonomische Fehlanreize genannt. Der Druck, kurzfristig verwertbare Ergebnisse zu liefern, heißt es, grenze wichtige Forschungsthemen aus.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Dieser Druck besteht nun nicht nur in Ungarn, Russland oder der Türkei, sondern auch in der deutschen Wissenschaftslandschaft. Bekanntermaßen wird er durch eine aus dem Ruder gelaufene Projektforschung provoziert, die Forschung und Lehre mit einer Kennziffernbürokratie überzieht, die freier Wissenschaft ebenso unangemessen ist wie die Hatz der Projekte. Warum die Befristungsquote in der Wissenschaft deutlich höher liegt als in der freien Wirtschaft, kann mit vernünftigen Argumenten jedenfalls nicht erklärt werden. Hier geht es um Machtinteressen von Politik und Verwaltung gegenüber der Wissenschaft.

          Instrumentalisierung durch Scheinwettbewerb

          Das beste Beispiel ist die Exzellenzstrategie, die aktuell wieder einmal einen bizarren Scheinwettbewerb als Hebel benutzt, um Universitäten auf gesellschaftspolitische Ziele zu verpflichten. Wie sehr die Wissenschaft darauf anspringt, ist gerade in der Linguistik zu beobachten. Auf einem Kongress am Mannheimer Institut für Deutsche Sprache hat ein Sprachwissenschaftler seine Kollegen unter Applaus zu einer politisch-moralischen Wende aufgerufen. Sein Vortrag wurde für seine Emotionalität gelobt. Im Hamsterrad der Projektforschung kann man schon einmal den Kopf verlieren. Dass Geisteswissenschaften für populistische Gruppen zum Synonym für politische Indoktrination in Unkenntnis empirischer Wirklichkeiten geworden sind, darf angesichts solcher Gefühlsausbrüche aber nicht überraschen und ist für alle Geisteswissenschaftler, die weiter Wissenschaft betreiben wollen, ein Anlass, sich von politisch-moralischer Instrumentalisierung abzugrenzen.

          Auch die Technik- und Naturwissenschaften dürfen sich nicht ungestört fühlen. Die Biologie ist längst ins Fahrwasser der Kulturkämpfe geraten. Nur eine Wissenschaft, die sich im Anspruch auf Rationalität einig ist und instrumentelle Verhärtungen und symbolischen Leerlauf im interdisziplinären Austausch überwindet, kann auf Akzeptanz hoffen. Die Politik hat andere, eigene Interessen. Wenn sie die Wissenschaft für ihre eigenen Ziele einspannt, erntet aber auch sie Skepsis und Populismus.

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