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Online Sprachen lernen : So geht richtiges E-Learning

  • -Aktualisiert am

Das Lernen von Fremdsprechen steht in der Corona-Krise unter erschwerten Bedingungen. Bild: Wolfgang Eilmes

Sprachkenntnisse können der Karriere nutzen. Aber Corona macht das Lernen schwieriger, als es ohnehin schon ist. Wie ersetzt man in Online-Formaten die persönliche Kommunikation?

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          Die Freundschaft gegen eine Fremdsprache ausspielen? Es kommt nicht gut an, als die Chinesin Yahui Miao im ersten Semester ihre Freundin bittet, sich im Hörsaal nicht mehr neben sie zu setzen. Die Landsfrau ist sichtlich beleidigt. Da kann Miao noch so freundlich argumentieren: dass sie so ja nicht weiterkämen, zwei Chinesinnen in einer Magdeburger BWL-Vorlesung, von der beide kaum ein Wort verstünden. Der Plan: Heimatgefühle verbannen, stattdessen Platz schaffen für deutschsprachige Kommilitonen und damit für den Zugang zu Kultur, Sprache und Skripten, die man abfotografieren und zu Hause nacharbeiten könne.

          „Immersion“ oder „Sprachbad“ nennen es Fremdsprachendidaktiker, wenn Zweitsprachenlerner, ähnlich wie bei ihrer Muttersprache, Unterricht, Alltag und Umfeld in der Zielsprache verbinden. Aktuell aber nimmt die Pandemie dem Bad die Wanne: Intensivkurse im Ausland wurden storniert, der Präsenzunterricht in der „Business Language School“ ins Virtuelle verlegt, und selbst Belohnungen wie der Besuch einer fremdsprachigen Theateraufführung oder Kultureinrichtung fallen aus.

          „Es ist aktuell schwierig, die gleiche Ausbildungsqualität wie vor der Pandemie zu gewährleisten“, sagt Christian Krekeler, Professor für Deutsch als Fremd- und Fachsprache an der Hochschule Konstanz. Bis zu 30 Studierende aus aller Welt unterrichtet Krekeler in einem Deutschkurs, inzwischen online und nicht immer störungsfrei: Stellt er eine Frage, fangen drei seiner Teilnehmer gleichzeitig zu sprechen an, weil sich nicht alle im Blick haben können.

          Weiter weg von der Wirklichkeit

          Spricht er dagegen diejenigen an, die bisher hinter schwarzen Bildschirmen stumm blieben, muss gelegentlich die gesamte Lerngruppe Geduld beweisen. Nicht nur weil das Mikro noch ausgeschaltet ist, sondern auch, weil der Angesprochene gerade erst aus der Teeküche zurückkehrt und nicht ganz im Film ist. „Man verplempert unheimlich viel Zeit“, sagt Krekeler. Das größte Manko aber: „Der Sprechanteil der Teilnehmer ist stark zurückgegangen.“ Fragen landen im Chat, Simulationen wie ein Verkaufsgespräch werden noch künstlicher und zäher als im Präsenzunterricht: „Online sind wir noch weiter weg von der Wirklichkeit“, sagt der Kollegleiter.

          Online treten Mimik, Gestik und Spontaneität kürzer: „Die Zwischentöne fehlen, und die Technik dominiert“, sagt auch Mediendidaktikerin Antje Neuhoff. Aber damit dürfe noch keine Wertung verbunden werden: „Man kann auf keinen Fall sagen, digital, Präsenz oder der Auslandsaufenthalt ist besser – das ist viel zu pauschal.“ Die Leiterin des Multimedialen Sprachlernzentrums an der TU Dresden macht Fremdsprachenlehrer mit den Vorteilen des computergestützten Lernens vertraut und hatte in diesem Jahr enormen Zulauf. „Viele haben erst mal versucht, das, was sie sonst im Kurs gemacht haben, auf die Videokonferenz zu übertragen.“ Dabei dürfe es aber nicht bleiben. „Nachzumachen, was in Präsenz gut läuft, ist kein richtiges E-Learning.“

          Richtiges E-Learning werde sich der beschriebenen Nachteile bewusst und nutze die Vorteile, etwa die räumliche Unabhängigkeit, freie Zeiteinteilung oder Möglichkeiten der Kooperation. „Ich bin ein großer Fan des kooperativen Schreibens“, sagt Neuhoff. Dabei veröffentlicht der Sprachlehrer die Aufgabe auf einer digitalen Pinnwand und teilt Gruppen ein, die sich gegenseitig korrigieren. Das steigere die Interaktion zwischen den Lernenden. Der Fremdsprachenlehrer dagegen gewinnt Zeit für seine Kernaufgabe: aus der Fülle der Sprachangebote, die das Netz zu bieten hat, das Richtige auszuwählen und es für das Niveau seiner Lerngruppe aufzubereiten. „Es geht darum, fremde Länder und Kulturen kennenzulernen, und das geht durch das Internet mit authentischen Videos viel einfacher.“

          „Eine Woche reicht einfach nicht“

          Die Mediendidaktikerin empfiehlt nach wie vor: „Geht ins Land!“ Aber das funktioniere oft – und unabhängig von Corona – nicht. Wer im Beruf stehe, könne es sich nicht leisten, für ein paar Monate ins Ausland zu gehen. „Und eine Woche reicht einfach nicht“, sagt Antje Neuhoff. Selbst wenn der Sprachkurs vom Arbeitgeber finanziert wird, liege es am Sprachenschüler, nebenbei und zusätzlich Vokabeln zu lernen.

          Bei Yahui Miao liegt der Fall anders: Die 29-Jährige arbeitet inzwischen bei einer internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und muss nicht nur fließend Deutsch, sondern auch Englisch können. Vor gut einem Jahr hat sie dafür einen Englisch-Sprachkurs belegt, in kleiner Lerngruppe mit nur fünf Leuten und online. Vier Tage die Woche lebt und arbeitet Miao bei Kunden vor Ort, da ist Flexibilität von Vorteil. Allerdings habe die ihren Preis: „Aus meiner Sicht ist man viel zurückhaltender als in einem Präsenzkurs. Man sagt nur die wichtigsten Sachen, der Smalltalk mit den anderen Kursteilnehmern fällt weg.“

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          Sie erklärt das mit einem Mangel an Körperlichkeit und Gefühlen. Sie baut ihr Englisch aktuell autodidaktisch aus, mit selbstverfassten Texten vor einer Präsentation, englischsprachiger Lektüre und Videos. Für autonome Lerntypen eignen sich Online-Programme besonders, sagt Antje Neuhoff. „Wer bereit ist, Hilfstexte und Anleitungen zu lesen, kommt damit sehr gut zurecht.“ Das funktioniere bis zu einem gewissen Niveau auch ohne Lehrer. „Aber für die Schreibfertigkeit komplexer Texte brauche ich den Austausch und einen Tutor“, so die Didaktikerin.

          Das hat auch mit einer typischen Lernkurve zu tun: Bei den ersten 2000 Wörtern lerne man in jeder Unterrichtsstunde etwas Neues, aber wer schon 6000 Wörter beherrsche, müsse für die nächsten, selteneren 200 Wörter motiviert werden, sagt Christian Krekeler. Der Sprachforscher sieht bei den vielen Apps und Sprachprogrammen ein Problem: Die Verbindlichkeit fehle, und so schiebt man die nächste Lerneinheit immer weiter vor sich her – schön flexibel, aber eben nicht effizient. „Sprachen-Input bekommt man, wenn man mit Menschen spricht. Das passiert weniger, wenn man den ganzen Tag zu Hause sitzt.“

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