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Der Geist der Bundesrepublik : Die Demokratie beginnt daheim

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Offen blieb, wie der Begriff des demokratischen Lebensstils konkret zu füllen sei. Der Staatsrechtler Adolf Schüle betonte 1952, eine Demokratie „auf dem politischen Feld“ sei „nur möglich, wenn sich die Menschen, die in ihr leben, auch in ihren privaten Beziehungen demokratisch verhalten“. Andernfalls sei ein demokratisches Gemeinwesen „zum Sterben verurteilt“.

Das bekannte englische Wort

Der Heidelberger Extraordinarius, ein Schüler von Richard Thoma, hatte 1938 seine wissenschaftliche Laufbahn unterbrochen und wurde 1945 Hauptgeschäftsführer der Mannheimer Industrie- und Handelskammer. Schüle, der 1954 einem Ruf nach Tübingen folgte, bestimmte die demokratische „Herrschaftsform“ auch als eine Sache „der persönlichen Lebensführung“. Genau das sei auch „der Sinn des bekannten englischen Wortes: democracy begins at home“.

Wer einmal „die Luft einer wirklichen bis in die letzten Verästelungen des privaten Lebens herabreichenden Demokratie geatmet hat, der wird verstehen können, was gemeint ist“. 1933 hatte Schüle ein Buch über „Staat und Selbstverwaltung in England“ publiziert.

Eine Art Summe dieser Gedanken zog um 1970 Carlo Schmid. Laut dem Vizepräsidenten des Bundestages, der in Tübingen und Frankfurt Lehrstühle für Öffentliches Recht und Politische Wissenschaft bekleidete, setzt ein demokratischer Staat „eine Gesellschaft voraus, die ihm angemessen ist“. Wenn er sich selbst, so Schmid, „vereinfachend“ vorzustellen versuche, „was Demokratie eigentlich ist“, so finde er „in erster Linie ein Ja zur Mitmenschlichkeit“, die „sich des eigenen Wertes bewusst ist und die deswegen auch dem anderen den Wert einräumt, den er für sich beanspruchen kann“.

Das sei vor allem in den Kommunen greifbar. Bund und Länder seien in dem, was sie täten, „abstrakter“. Dagegen umfasse die Stadt „den Menschen als das auf den ,anderen‘ bezogene Wesen“. Sie sei „etwas Mütterliches, im Gegensatz zum Vater Staat. Sie hegt viel mehr, als dass sie anordnet. Sie ist der Ort des Miteinander-Gehens und nicht des In-Reih-und Glied-Stehens.“

So neu war Willy Brandts Formel nicht

„Mehr Demokratie wagen“, Willy Brandts Forderung aus der Regierungserklärung 1969, markierte nicht so sehr einen Neuanfang, sondern knüpfte an eine Denkfigur an, die sich bis in die allerersten Nachkriegsjahre zurückverfolgen lässt. Zwar verbanden sich widersprüchliche Vorstellungen mit der Idee der Demokratie als Lebensform. Doch schon lange vor 1968 warnten viele davor, die Demokratie allein als Staatsform zu begreifen. Das Wagnis der Demokratie könne nur gelingen, wenn es von einer demokratischen Stimmung getragen sei, die sich nicht in Verfahren erschöpfe, sondern im sozialen Leben zu pflegen sei.

Erst vor diesem Hintergrund wird deutlich, worin die Zäsur von 1968 bestand. Die Rede von der Demokratie als Lebensform beruht auf der Prämisse, dass die repräsentative Demokratie und demokratische Lebensformen sich wechselseitig bedingen.

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